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Diskurs/Poetik/Essay > Diskurse > Das Digitalisieren des poetischen Körpers

VIELEN DANK FÜR IHRE AUFMERKSAMKEIT!


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
(Nora Gomringer: „Gedichte aus/auf Netzhaut –
vom Verhandeln des Poetischen im Öffentlichen“ - Münchner Rede zur Poesie vom 18. Februar 2019 im Lyrik Kabinett)  


Ich erinnere mich genau, wie vor fast dreißig Jahren (am 23. Januar 1993) der Ästhetikprofessor und Kunstvermittler Bazon Brock in München vor dem Regieverband seinen Vortrag über Zukunftstendenzen hielt und dabei zwei gegeneinanderstellte: eine „Blockade durch Minderheitenquotierungen“ (im Kampf ethnischer Gruppierungen) und dagegen eine Blockade durch die „Gleichschaltung von Major-Tendenzen“, welche ein „Paradies universell geltender Normen“ und damit zugleich eine „Universalnormierung“ propagieren und einfordern. Mit dem Ziel: Man solle zuhause bleiben und alles virtuell „am Band nachvollziehen“. Brock prophezeite eine Erziehung durch die Medien als „Kultivierungsaufgabe“, die eine „rigide Zensur“ zur Folge haben werde. Diese werde „etwa 80 % des heutigen [1993!] Programms stoppen.“

Warum?

Erstens durch das „Ernstmeinen“: Dabei werde zunehmend die Abwägung der Wechselseitigkeit von Erwartungen notwendig sein, und sie schlage im gleichen Maße zurück, wie man sie lanciere. Dieses „Ich gut – du Rassist“ bei „gleichzeitiger Anklage von Polarität“, was zu Kampf und Lähmung führen werde [damals akut: der Jugoslawienkonflikt“] – diese Polarisierung werde also ichbezogen genutzt werden, denn „wer nicht über sich selbst redet, redet über niemand“. Eine Aussage ohne Selbst-einbeziehung werde keine Aussage mehr sein. Der zweite Aspekt der kommenden „rigiden Zensur“ resultiere aus Überlegungen zur Zusammenhaltung einer Gemeinschaft oder deren Gewinnung – unterliege den Gesetzen des Kommunitarismus, einer politischen Philosophie, die die Verantwortlichkeit des Individuums gegenüber seiner Umgebung betont [s. Corona-Maßnahmen, das Individuum als Gefahr für seine Umgebung] und das ein mediales Einlassen auf unabdingbare Zusammenhänge verlange. Denn nur das Faktum der gemeinsamen Ausrichtung auf gemeinsame Probleme halte die Gesellschaft zusammen. Und die neuen Probleme dürfen nach diesem Konzept nur angegangen werden, wenn sie kleiner seien als die alten, noch nicht gelösten [also Migration etwa als kleineres Problem im Vergleich zum Faschismus- und Rassismuskomplex]. Und eine Begründung eigener Geltungsansprüche werde am besten funktionieren durch eine Zugabe der allgemeinen Problematik.

In dieser Gemengelage zwischen eigenem Belieben und allgemeinem Wirklichkeitsbezug spiele Motivierung eine entscheidende Rolle. Wer noch „an Bestimmung glaube, hat sich einer fundamentalistischen Gruppierung anzuschließen“. Denn Elektronik [und heute Digitalisierung der Körperlichkeit] bewirke als Technik eine Mafiotisierung und Gettoisierung, um für immer im eigenen Zimmer zu bleiben, sie bewirke demnach letztlich als Technik die Absperrung und Überwachung, 24 Stunden lang am Tag. So die Großindustrie. Wer sich jedoch ein anderes Selbstverständnis als dieses [der schönen neuen Welt] zulegen wolle, habe der Frage nachzugehen, wie weit man trotzdem, von anderen gestützt, eine gesellschaftliche „Gruppierung“ [physisch] erfahren könne, damit der unabhängige Filmemacher [oder Künstler, Lyriker – damals, 1993 – gab es die Genderdiversifizierung sprachlich noch nicht] damit man nicht mit Gewalt auf der Straße Passanten – vielleicht sogar physisch – zwingen müsse, sich für das eigene individuelle Werk Zeit zu nehmen. So gesehen, sei Kunst in Zukunft nicht mehr „individuations-legitim“, sondern führe auf beiden Seiten zurück zum Kultus im platonischen Sinne.

Alles in allem sah Bazon Brock im Universalismus eine Art demokratischen Bürokratismus, der äußere und innere Restriktionen, eine neue Bescheidenheit des Individuums zugunsten einer gemeinsamen digitalisierten Zukunft einfordern werde.

Was die Kleinverlage betrifft, mit ihren „Minderheitenprogrammen“, so haben sie – von dieser allgemeinen Entwicklung abgesehen – in letzter Zeit noch mit dem VG Wort-Urteil zu kämpfen gehabt, hinzu kam die KNV-Insolvenz, die zunehmende Fixierung auf Erfolg und Block Buster im Handel und Vertrieb und nun die Corona-Krise mit offenem Ausgang – die Rahmenbedingungen fürs unabhängige Verlegen verschlechtern sich also. Da kamen die Verlagspreise gerade recht – aber werden der Staat und die Kommunen weiter genug Geld zur Verfügung stellen können oder wollen? Fest steht, die Kulturszene ist durch die Coronakrise in Bedrängnis geraten. Und es scheint keine Lösung in Sicht zu sein.

Sind Streaming-Veranstaltungen ein Ersatz für Lesungen mit physischer Anwesenheit? Welche Rolle spielt auch für die eigene Poetik oder das Verlagsprogramm die bisherige Enge, der Kontakt, die Kommunikation und Auseinandersetzung?

Eine Rückkehr zur Normalität noch in diesem Jahr ist zumindest unwahrscheinlich. Und auch die aktuellen Lockerungen dürften keinen nennenswerten Effekt bringen.

KK

Wie also geht es weiter? Wie fühlen sich Verleger*innen, Veranstalter*innen, Autor*innen betroffen? Wächst die Ungeduld? Ändert sich etwas mental?

Um Antworten wird gebeten! Wer Interviewfragen bzw. Gesprächsanhaltspunkte, bezogen auf die jeweilige Berufssparte, haben möchte – melde sich bitte. Sie sind vorhanden.


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