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Verena Stauffer: Flieder

Gedichte der Woche
Foto: Walter Pobaschnig
Verena Stauffer

Flieder


Trauben und Naphta, von Schnee bedeckt
Alles friert im Winter, zerfällt im Tauen
Ohne Trauben ist mein Leben verloren

Ausgesagt kann darüber erst am Ende werden
wenn die letzte Flocke geschmolzen
der letzte Weinstock getragen –

O, diese Rauchwolken!
Dieser aufströmende, flüssige Stein! Eine Plume!
Hat auch jede einen Mantel?

Zu schleifen, im Darnieder. Naphta ist Ousia
zu Substanz gepresst

Effusion der Blumen, Flieder
Alle, alle haben sie geblüht
sind im Aufschocken des Nektars in Trunkenheit
Carbunculus geflogen. Das karfunkelnde Meer
liegt da. Es muss nur durch die Körper gleiten

Harnische; zerkratzte, trockene Wintersterne
Das Selbst ist überhoben, in Feldgleichung
im Streckungsfaktor einer Expansion
als Sonnenwelle weitet es sich, als Gabe
Jätet darunter mit spitzem Gerät
Nimm doch, nimm, die Urpflanze!


Flieder, aus dem Zyklus „Faunenschnitt“ in
Verena Stauffer: Ousia. Gedichte. Berlin (kookbooks) 2020. 120 Seiten. 19,90 Euro.
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