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Urs Engeler: Poesie und Wiederholung

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Jan Kuhlbrodt

Urs Engeler: Poesie und Wiederholung. Hildesheim (Universitätsverlag Hildesheim - Reihe "Theorie & Praxis" des Literaturinstitut Hildesheim) 2022. 186 Seiten. 15,00 Euro.

Zu Urs Engeler
Poesie und Wiederholung


Das Literaturinstitut Hildesheim gibt eine Schriftenreihe unter dem Titel Theorie und Praxis heraus, und weil es ein Literaturinstitut ist, geht es um die Theorie und die Praxis literarischen Schreibens. „Wir erschließen Kontexte der Jetztzeit.“ heißt es in der Selbstdarstellung. Und weil es eben Kontexte sind, weisen sie über den Punkt, den wir Jetztzeit nennen hinaus in die vergangenen und vielleicht auch künftigen Momente der Dichtung. Die jeweiligen Jetztzeiten sind Knotenpunkte, und so kommt es, dass in einer Darstellung Texte von Anja Utler neben die von Dante und Samuel Beckett geraten.

Wenn viele über die Jahre noch immer einer Art romantischen Dichterbilds anhängen, nachdem das Schreiben, überhaupt die Kunstfertigkeit, die es zur Herstellung von Kunst braucht, nicht erlernbar sei, sondern ein irgendwie angeborenes, mithin mystisches Talent, legen die Schreibinstitute, die in den letzten fünfundzwanzig Jahren entstanden sind, doch Wert auf die Ausbildung und Entwicklung technischer Fertigkeiten. Und wie bei jedem anderen Handwerk betrachtet man das Vorgehen der vor einem Produzierenden, und vor allem jener, die als Meisterinnen oder Meister ihres Faches gelten.

Nun ist in dieser Reihe unter dem Titel „Poesie und Wiederholung“ ein Band des Schweizer Verlegers Urs Engeler erschienen, der sich aus Vorlesungen speist, die er am Schweizerischen Literaturinstitut Biel gehalten hat. Seit ca. 30 Jahren führt Engeler Verlage, die den Pulsschlag der deutschsprachigen und auch der europäischen Poesie mit-bestimmen.

Die Schweiz scheint prädestiniert für ein solches Projekt, denn; wie sie in der Mitte Europas gelegen, ist sie auch ein Kreuzpunkt nicht nur europäischer Handelswege, sondern auch der Sprachen, und gleichzeitig auch ein Ort sprachlicher Konservierung. Vergleichbar vielleicht einem Vulkanboden, der magmatisches Material hervorbringt und gleichzeitig neuestes der oberen Schichten aufnimmt. Das ist vielleicht einer der Gründe für die Vielfalt und Innovationskraft Schweizerischer Literatur.

Aber eben auch für die Kohäsions- und Adhäsionskraft Schweizer Verlage, wie denen Engelers, die ja bei weitem nicht nur Schweizer Literatur präsentieren. Man könnte jetzt eine Liste einflussreicher Autorinnen und Autoren anführen, von Stolterfoht über Elke Erb und Rosmarie Waldrop bis hin zu Werner Hamacher und Hans-Jost Frey, um das zu illustrieren. Schon bei den aufgezählten Namen aber erweist sich, dass das Interesse des Verlegers Urs Engeler nicht beim puren Gedicht endet. Gerade Theoretiker wie Hamacher und Frey sind es, die immer wieder Grenzverschiebungen leisten über die Inter-pretation hinaus.

Engeler weiß um die Geschichte und um die Konnotationen, die das Gedicht begleiten. Gedichte, wie auch andere Kunstwerke, stehen im Zentrum eines Diskurses, der sich um sie entspinnt, entspinnen kann, und sie sind Kraftfelder, die diesen Diskurs mit Energie versorgen. Ihre Kraft aber erhalten sie, weil sie sich einem endgültigen Verstehen verweigern. Die Spezifik der Dichtung, des Gedichts ist in diesem Zusammenhang, dass Gedichte Kunstwerke aus Sprache sind. Also umkreist Engeler in seinen Vorlesungen Gedichte, tastet sie ab, setzt sie in neue Kontexte und betrachtet dies als oder wie Übersetzungen, um zu verstehen, aber auch zu verstehen, was verstehen bedeuten kann.


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