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Umberto Eco: Entfremdung

Diskurs/Poetik/Essay > Glossen

Umberto Eco


Über Entfremdung


(aus: Das offene Kunstwerk, Kap. Form als Engagement, 7.)


Eingerichtet in einer Sprache, die schon so viel geredet hat
, das ist es. Der Künstler bemerkt, daß die Sprache sich im Sprechen an die Situation, aus der sie als deren Ausdruck entstand, entfremdet hat; er bemerkt, daß er, wenn er diese Sprache akzeptiert, sich selbst an die Situation entfremdet; er versucht dann, diese Sprache von innen her aufzubrechen, um Abstand von der Situation zu gewinnen und über sie urteilen zu können; doch folgen die Linien, längs derer die Sprache aufgebrochen wird, einer Dialektik der Entwicklung, die in der Evolution der Sprache schon enthalten ist, so daß die aufgelöste Sprache immer noch die geschichtliche Situation spiegelt, die ihrerseits aus der Krise einer früheren entstand. Ich löse die Sprache auf, weil ich mich weigere, durch sie eine falsche Integrität, die nicht mehr die unsere ist, auszudrücken, riskiere aber im selben Augenblick, jene tatsächliche Auflösung, die aus der Krise der Integrität entstanden war und derer ich im Sprechen Herr werden wollte, damit auszudrücken und zu akzeptieren. Indes gibt es keine Lösung, die dieser Dialektik entginge; es wurde schon gesagt, man kann die Entfremdung nur dadurch aufhellen, daß man sie verfremdet, sie in einer sie reproduzierenden Form objektiviert.
Das ist die Position, die Sanguineti in seinem Aufsatz Poesia informale vertritt: eine gewisse Art von Dichtung mag als die einer nervösen Erschöpfung erscheinen, doch ist diese nervöse Erschöpfung vor allem eine geschichtliche Erschöpfung; man muß eine ganze kompromittierte Sprache akzeptieren, um sie vor uns stellen und uns bewußt machen zu können; man muß die Widersprüchlichkeiten der modernen Avantgarde bis zu ihren letzten Konsequenzen austragen, weil nur innerhalb eines kulturellen Prozesses die Wege zur Befreiung gefunden werden können; man muß die Krise, für die man eine Lösung finden möchte, stark genug fühlbar machen, den ganzen Palus Putredinis durchmessen; und zwar deshalb, weil »man nicht unschuldig bleiben kann und »weil die Form niemals anders gesetzt wird als im Ausgang vom Ungeformten und innerhalb jenes ungeformten Horizonts, der, ob es uns nun gefällt oder nicht, der unsere ist«. [Zitat aus „Poesia informale“, 1961]

(1962 / 1973)

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