Direkt zum Seiteninhalt

Ulrich Schäfer-Newiger: Weltuntergang. Morgens um Vier.

KIOSK/antimon/LPM > Lyrikpreis München 2021
Gottfried Benn

Was meinte Luther mit dem Apfelbaum?
Mir ist es gleich – auch Untergang ist Traum –
ich stehe hier in meinem Apfelgarten
und kann den Untergang getrost erwarten –
ich bin in Gott, der außerhalb der Welt
noch manchen Trumpf in seinem Skatblatt hält –
wenn morgen früh die Welt zu Bruche geht,
ich bleibe ewig sein und sternestet –

meinte er das, der alte Biedermann
u. blickt noch einmal seine Käte an?
Und trinkt noch einmal einen Humpen Bier
u. schläft, bis es beginnt – frühmorgens vier?
Dann war er wirklich ein sehr großer Mann,
den man auch heute nur bewundern kann.

Gottfried Benn: Sämtliche Gedichte, Stuttgart (Klett-Cotta)1998, S.460.

Ulrich Schäfer-Newiger

Weltuntergang. Morgens um Vier.


Gehört dieses Gedicht zu den sechs oder acht ‚hinterlassungsfähigen Gebilden‘, die nach Benn jeder Autor in seinem Leben höchstens zustande bringt? Kann es gar als vollkommen gelten? Zu den bekannten Gedichten Benns gehört es jedenfalls nicht. In der Klett-Cotta’schen Ausgabe sämtlicher Gedichte von 1998 wird dieses Apfelbaum-Gedicht zu den poetischen Fragmenten aus dem Nachlass gezählt. Und überhaupt: Gottfried Benn und Martin Luther – kann das gut gehen? Der gottesleugnende protestantische Pastorensohn und der gottes- und abergläubisch bibelgläubige erste Pastor des Protestantismus?

Der erste, fragende Vers des Gedichtes bezieht sich auf die angebliche Luther-Äußerung Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Benn lässt die Frage einfach offen – es sei ihm gleich, was Luther mit dem Apfelbaum gemeint habe. Denn, so behauptet er lapidar, auch ein Untergang (wie das ganze Leben?) sei ja nur ein Traum. Und er suggeriert dem Leser, sich in einen Zustand hineinzuversetzen, wie er nach Mutmaßung des Autors Luther in Bezug auf den Weltuntergang eingenommen haben könnte: Fest in Gott, und wenn sie morgen früh zu Bruch geht, bliebe er doch ewig sein und „sternestet“. Das Wort „sternestet“ ist eine der typisch-wunderbaren Benn’schen Wortschöpfungen, die für eine Haltung, einen Zustand steht, der es dem Betreffenden (hier Luther) ermöglicht, sogar einem Weltuntergang lakonisch entgegenzusehen, indem er vorher noch einen Humpen Bier trinkt und sich dann schlafen legt. Wenn Luther auf diese stoische Weise dem Weltuntergang entgegenlebt und entgegensehen hat, dann kann man ihn auch heute, in der Gegenwart (das Gedicht ist zwischen 1944 und 1955 entstanden), nur bewundern, urteilt der Dichter Benn. Was Benn spöttisch bewundert, ist ein mit dem Pflanzen des Baumes, angesichts des bevorstehenden Weltunterganges verbundenes, urtümliches Gottvertrauen.

Aber zwischen den Zeilen ist doch da ein Spott, ein ironisches Augenzwinkern, ein Nicht-Ernst-Nehmen, eingeleitet mit den als ironische Markierung zu verstehenden Versen Ich stehe hier in einem Apfelgarten / und kann den Untergang getrost erwarten -. Es gibt in Wirklichkeit keinen Weltuntergang. Die Welt ist ja auch nach Luthers Tot nicht untergegangen. An den Weltuntergang soll doch keiner glauben. Luther allerdings glaubte seinerzeit, wie viele seiner Zeitgenossen, fest und ganz real an den Weltuntergang. Und: Er hoffte sogar auf ihn. Die Welt ist uff die heffen, die freuden sind aus. Der jüngste Tag soll nit weit sein. Und: Ich hoffe, der liebe Gott wird’s ein ende machen. So wird eine Tischrede von ihm zitiert. Dadurch, dass in Luthers Gegenwart der Antichrist (der Papst) und der Teufel (vor allem in Gestalt der Türken, die seinerzeit mehrmals vor Wien lagen, und des Kaisers - Karl V.-) nicht zuletzt durch ihn entborgen und entdeckt worden waren, konnte die unmittelbare Nähe des Jüngsten Gerichts nicht mehr zweifelhaft sein. Für Luther und die gläubigen Christen sollte dieses aber nicht mit Schrecken verbunden sein, sondern mit der Gewissheit, dass der „Triumph der wahren Kirche“ dann offenbar würde¹. Luthers Zeitgenosse, der Lochauer Pfarrer Michael Stifel, rechnete sogar vor, dass das Jüngste Gericht am 19.10.1533 um 8Uhr morgens eintreten werde.² Bekanntlich geschah das nicht. Ein gefundenes Fressen für den über alle Religion, Glauben und Metaphysik spottenden Gottfried Benn (wohl wissend, dass auch er letzterer nicht entkommen konnte).

Dieser Gott, in dem also Luther, sich sicher fühlend, sein soll, so spottet Benn in seinem Gedicht weiter, habe jenseits der Welt in seinem Skatblatt noch manchen Trumpf in der Hand. Ein metaphysisch-theologisches Witzchen? Jedenfalls eine Formulierung der für Benn typisch zynischen Gottesbetrachtungen. Denn ‚Gott‘ kommt bei ihm in allerlei Varianten öfters vor. Zum Beispiel im Bericht aus dem Leichenhaus im V. Gedicht (Requiem) des Morgue-Zyklus: Jeder drei Näpfe voll: von Hirn bis Hoden. / Und Gottes Tempel und des Teufels Stall / nun Brust an Brust auf eines Kübels Boden / begrinsen Golgatha und Sündenfall. Oder gleich zweimal im dritten Gedicht des mit dem Titel Arzt überschriebenen Zyklus: paart sich das in ein Bett und drängt zusammen / und säet Samen in des Fleisches Furchen / und fühlt sich Gott bei Göttin …Das Allgemeine wird gestreift. Gott / als Käseglocke auf die Scham gestülpt -:/. Wird in diesen Versen der christliche oder auch überhaupt metaphysische Gott kalt-zynisch mit seiner Schöpfung konfrontiert und soll so desavouiert werden, zeichnen sich in dem Gedicht „Verse“ ganz unzynisch die Konturen eines anderen Gottes ab: Wenn  je die Gottheit, tief und unerkenntlich / in einem Wesen auferstand und sprach, / so sind es Verse, da unendlich / in ihnen sich die Qual der Herzen brach; Ist hier Gottfried Benn nicht schon nahe bei Martin Luther, bei dem Gottes Sein letztlich aus dem Wort kommt, worthaft ist³?

Martin Luther und Gottfried Benn haben eine biographische Gemeinsamkeit, die für beide eine radikale, existentielle Bedeutung hatte: Der Bruch und die nahezu lebenslange Auseinander-setzung mit einem jeweils überstarken, bestimmenden, übergriffigen, nicht loslassenden Vater.

Der achtzehnzehnjährige Benn schickte seine ersten Gedichte an den Schriftsteller und Literaturkritiker Carl Busse. Im Begleitbrief hieß es u.a.:Nicht sind meine Gedichte originell, schön, druckreif etc., sondern steckt ein Funken wahren Künstlertums darin? Dann darf ich vor meinen Vater treten und sagen: Gibt mich frei aus den Banden, die Du durch Religion und Kirche um mich gezogen hast. Ich will meinen eigenen Gott mir suchen und du musst mich doch lieb behalten. Ich bin stud. Phil., momentan in Berlin. Bin noch nicht neunzehn Jahre und heiße Gottfried Benn.“ Benn wollte seinen eigenen Gott sich suchen und hat ihn, an dieser Stelle stark vereinfacht formuliert, auch gefunden: In der Kunst, in der Poesie. Das Gedicht mit dem Titel Gedichte mag an dieser Stelle als Beleg dienen. Darin heißt es: es gibt nur ein Begegnen: im Gedichte / die Dinge mystisch bannen durch das Wort. Das gegen den Willen des Vaters aufgenommene Medizinstudium und die Poesie waren seine Waffen gegen den Vater.

Bei Luther bedurfte es eines Gewitters und eines in seiner unmittelbaren Nähe einschlagenden Blitzes, um den Willen des Vaters zu überwinden, eigensinnig das begonnene Studium abzubrechen und in ein Kloster einzutreten, Theologie zu studieren und Priester zu werden. Dass dies alles gegen den Willen des Vaters geschah, der dem jungen Martin Luther eine gute Ausbildung finanzierte, sogar eine wirtschaftlich erfolgreiche Heirat organisieren wollte, ist mehrfach belegt. Auch dass er zur Priesterweihe seines Sohnes sich wieder einmischte und ein großzügiges Fest finanzierte, ist belegt. Der Psychoanalytiker Erik H. Eriksen hat diesen Konflikt mit dem machtausübenden Vater und der machtvollen Kirche sogar zum Anlass genommen, darüber ein ganzes Buch zu schreiben: „Der junge Mann Luther. Eine psychoanalytische und historische Studie.“ (Suhrkamp stw 117, 1975) Über diese „Studie“ aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist die Zeit hinweggegangen. Teilweise liest sie sich, als sei der Autor damals dabei gewesen. Die völlig unkritischen psychologischen Schlussfolgerungen kann man heute nur noch mit Schmunzeln und mit historischem Interesse lesen. Das Beispiel zeigt aber, dass die Identitätskrise Luthers soweit bekannt und dokumentiert ist, dass nach vierhundert Jahren Psychoanalytiker noch meinten, die Situation entsprechend fernanalysieren zu können.

Die Pointe bei Benns Gedicht ist freilich, dass, nach allem was wir heute wissen, Luther diesen Spruch mit dem Apfelbaum nie getan hat. Belegt ist er nämlich erstmals im Jahre 1944 (!), im Weltkrieg, also nahezu vierhundert Jahre nach Luthers Tod. Er findet sich in einem Rundbrief der bekennenden Kirche Hessens, in dem so getan wird, als kenne ihn jeder Gläubige. Er passt, wie oben skizziert, nicht zu Luther, der das Jüngste Gericht (den Weltuntergang) herbeisehnte und nicht biedermännisch seinen Apfelgarten pflegte (Bier trank er freilich gerne). Tatsächlich wird ein inhaltlich ähnlicher Spruch vielmehr dem Propheten Mohammed zugeordnet: "Falls die letzte Stunde angebrochen ist, während jemand einen Palmensamen in der Hand hält, die er einpflanzen könnte, bevor die Stunde schlägt, soll er sie einpflanzen". Zum Ausdruck kommen soll dadurch die Pflicht eines jeden Muslim, immer Hoffnung zu haben. Eine auf schon blindes Gottvertrauen aufbauende Hoffnung war ja auch dem Martin Luther nicht abzusprechen, auch wenn sie sich nicht immer erfüllte.

In dem Gedicht Benns treffen zwei Gottsuchende aufeinander, die jeweils auf ihre Weise ihren Gott auch gefunden haben. Der eine ist der christliche Gott, befreit von allen teuflischen Anhängen der Papisten und neu gefunden in Glauben und Wort, der andere ist der unchristliche, tiefe und unerkenntliche Gott, der in Versen, in der Poesie, spricht. Sind sich beide, Benn und Luther, in ihrem jeweiligen Gottesverständnis somit nicht recht nahe?



¹ Vgl. Thomas Kaufmann, Martin Luther, C.H.Beck-Wissen, 5. Aufl. 2017, S. 107.
² Ders.: Geschichte der Reformation, Frankfurt a.M. u. Leipzig, 2009, S 634.
³ Vergl. zu Luthers theologischem Sprachverständnis und zu dieser Deutung (Gott ist im Wort) z.B.: Johannes von Lüpke, Sprachgebrauch und Norm. Luthers theologische Grammatik in Grundzügen, in: Dahlgrün, Haustein (Hrsg), Anmut und Sprachgewalt, Zur Zukunft der Lutherbibel, Deutsche Bibelgesellschaft 2013, S. 79.
Zitiert nach: Burkhard Reinartz, Der Gottesleugner Gottfried Benn, in: Deutschlandfunk vom 27.09.2019.  
So z.B. in Veit-Jakobus Dieterich, Martin Luther. Sein Leben und seine Zeit, München (dtv) 2017, S. 41.
Vgl. Reinhard Bingener, Mit Luther hat der Spruch nichts zu tun, in: FAZ vom 15.4.2017, abgerufen am 4.12.2019.
Zitiert nach: Luthers Apfelbaum in: Enzyklopädie des Islam, abgerufen am 6.12.2019.
Zurück zum Seiteninhalt