Ulrich Schäfer-Newiger: Dürers „Melencolia I“ heute. Versuch einer Annäherung
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Ulrich Schäfer-Newiger
Dürers
„Melencolia I“ heute. Versuch einer Annäherung
I
Das Grau denken
Melencolia ist nicht stumpfsinnig, sie ist gelähmt. Es ist eben alles grau in grau und ich glaube, ihr graut vor was.
Helga M. Nowak
„Annäherung“
an diesen fünfhundert Jahre alten Kupferstich kann eigentlich nur im
übertragenen Sinne gemeint sein, nicht die tatsächliche, körperliche
Annäherung, sondern eine gedankliche, geistige, emotionale, ästhetische,
poetische wie auch immer; das originale Kunstwerk mag dabei sein wo es will. Im
Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit findet man die Melencolia I in fast
jedem Buch und Artikel über Dürer.
So lerne
ich also gleich: Dürer selbst hat (als einer der ersten) die damals recht neue
Möglichkeit der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerkes voll genutzt und
ausgenutzt, um seine Graphiken in einer Vielzahl herzustellen, zu verkaufen, in
die Welt zu streuen. Der Begriff des „Originals“ hat dabei seine Bedeutung
verloren. Originalcharakter kommt bestenfalls der Druckplatte zu. Ein
„Original“ der Graphik mit dem Titel ‚Melencolia I‘ gibt es also nicht. Der
Begriff ist hier obsolet. Hat das Folgen für meinen nichtkörperlichen,
nichtanalogen Annäherungsversuch? Liegt der Reproduktionscharakter des Werkes
nicht wie ein Schleier über dem Abgebildeten? Walter Benjamin schreibt: Noch
bei der höchst vollendeten Reproduktion fällt eines aus: das Hier und Jetzt des
Kunstwerks – sein einmaliges Dasein an dem Orte, an dem es sich befindet.[1] Dieses Hier und
Jetzt, so Benjamin weiter, mache seine Echtheit und Einzigkeit aus. Ein anderes
Wort dafür ist: Aura. Sie sieht Benjamin beim technisch reproduzierten
Kunstwerk verkümmert. Er benennt eine weitere Folge: Das Reproduzierte
ist durch die Reproduktion von dem Bereich der Tradition, der es entstammt,
abgelöst. Darauf wird zurück zu kommen sein.
Vorderhand
haben wir, habe ich, also Reproduktionen von Reproduktionen des Stichs in
verschiedenen Büchern mit ganz verschiedenen Quellenangaben, in erstaunlich
verschiedener Qualität, in ganz verschiedenen Größen, in verschieden starken
Kontrasten, in verschieden filigranen Ausbildungen, in unterschiedlichen
Feinheiten, ja, ich möchte sagen, in verschiedenen Graustufen zur Hand. Grau
ist das entscheidende Wort, weil Grau der erste Eindruck ist, der sich beim
Anblick des Stiches (in seiner re-reproduzierten Gestalt) aufdrängt. Farben
kommen ja nicht vor. Das reproduzierte Grau führt mitunter zu Undeutlichkeiten
des Abgebildeten. Nicht auf jeder Reproduktion ist der vollständige Titel deutlich
zu erkennen, den der Fledermausdämon oben links auf seiner geöffneten Haut dem
Betrachter darbietet: Gibt es da ein §-Zeichen hinter dem letzten ‚A‘ oder was
ist das für ein Trennungszeichen? Folgt dann eine römische I (1) oder ein
lateinisches großes I (i)? Oder: kann man hinten am Meereshorizont, gleich
links von der Landzunge ein Segel erkennen oder nicht? Sind die Gebilde vor der
Landzunge Segel? Wenn ja, muss dann die Personifikation der Melancholie nicht als
Ariadne verstanden werden, die bekanntlich auf den wegsegelnden Theseus
(vergeblich) wartet? Das scheint abwegig, da die personifizierte Melencolia
ganz woanders hinsieht. Aber es ist das Ariadnemotiv, das Dürer benutzt um das
Meer in eine Melancholiedarstellung einführen zu können.[2]
Eigentlich
müsste ich also die Reproduktionen mit der Lupe betrachten. Weiter: Muss ich,
das Grau denkend, jetzt in Sloderdijks „Wer noch kein Grau gedacht hat“ wieder
lesen, weil ich meine, mich daran zu erinnern, dass er einen Zusammenhang
zwischen „Grau“ und „Melancholie“ hergestellt hat oder wollte er den gerade
dekonstruieren? Ich weiß es nicht mehr. Grau ist ja auch die Designfarbe der
Gegenwart: Graue Häuserwürfel, graue Autos, höhere Eleganz vortäuschendes Grau
in der Mode. Nicht ausgeschlossen werden kann jedenfalls, dass die Qualität und
die Grauheit der Reproduktionen des Stiches, welche die unzähligen
Interpretatoren zur Hand hatten, ihr Verständnis des auf dem Stich Erkannten
beeinflusste.
II
Im Dickicht der Deutungen.
Bis heute nämlich gilt auch, dass es bereits bei der Frage, was jemand auf diesem Blatt sieht, zu Selektionen und Verzerrungen kommt.
Hartmut Böhme
Ich
breche hier die Graubetrachtung ab. Und trete einen Schritt zurück: Und meine, ganz
objektiv drei unterschiedliche Arten von abgebildeten Sachen oder Dingen auf
dem Stich erkennen zu können. Erstens: Oben und im Hintergrund Dinge, die nicht
von Menschen gemacht sind (Meer, Felsenküste, Himmel, Komet oder
niederstürzender Meteor, Regenbogen oder Mondregenbogen). Zweitens: rechts und
im Vordergrund hingegen Dinge, die vom Menschen gemacht sind (Werkzeuge, darunter
Zirkel, Richtscheid, Hammer, Hobel, Säge usw., auch ein zugeklapptes Buch), die
auf dem Boden liegen oder ungebraucht in der Hand der personifizierten
Melancholie sich befinden, dann Leiter, Gebäude, Sanduhr, Zahlenkasten, Glocke,
Waage, Kugel, Mühlstein, Rhomboeder, brennendes Kohlebecken usf.; die
Aufzählung ist nicht vollständig. Drittens, ontologisch quasi dazwischen
liegend: ein schlafender, domestizierter Hund, der Fledermausdämon, der den von
Menschen geschrie-benen Titel auf seiner geöffneten Haut trägt, der Putto und
schließlich die Personifizierung der Melancholie selbst, beide geflügelt; zwei
von Menschen phantasierte Kunstgestalten.
Diese
Auflistung, diese Art der Beschreibung dessen, was auf dem Stich sozusagen (mir)
ins Auge sprang, ist bereits eine Interpretation, weil selektiv. Es geht gar
nicht anders. Unsere Wahrnehmung ist gesteuert von dem, was wir bereits wissen.
Wer noch nie einen Zirkel gesehen hat, der weiß nicht was das ist, das die
Melancholie auf dem Stich in der Hand hält. Oder was ein Hammer ist, ein Hobel,
die auf dem Boden verstreuten Nägel, eine Kugel. Es gibt auch Dinge auf dem
Stich zu sehen, bei dem uns unser Allgemeinwissen nicht recht weiterhilft, weil
es ein abstraktes sein muss: Wenn wir wissen, was ein Rhomboeder ist (ein
Polyeder, der von sechs Rauten begrenzt ist – Wikipedia - ich musste
nachschlagen.) dann können wir ihn in der Mitte des Bildes identifizieren. Ansonsten
wäre er ein an den Seiten glatt geschlagener Felsblock. Aber er ist für
Betrachter, die noch nie dergleichen gesehen haben, vielleicht nicht so
eindrücklich oder wichtig wie etwa die Kugel oder der Hund, den auch gleich
jeder als solchen erkennt.
Meine
Betonung des Unterschiedes zwischen menschengemachten und nicht von Menschen
gemachten Dingen auf dem Stich verdankt sich auch der Lektüre von Hannah
Arendts Vita activa. Menschengemachte Dinge nennt sie „Weltdinge“, weil
sich ihre Gesamtsumme zu der von Menschen erbauten Welt zusammenfüge. Und diese
Dinge würden auch nicht ‚verbraucht‘ sondern ‚gebraucht‘. Sie seien dem
Kreislauf der Natur entrissen und diesem gegenüber in einen ‚eigenständigen
Kreislauf‘ gestellt. Weiter schreibt sie: Die Weltdinge haben die Aufgabe,
menschliches Leben zu stabilisieren, und ihre ‚Objektivität‘ liegt darin, dass
sie der reißenden Veränderung des natürlichen Lebens – dass, wie Heraklit sagt,
niemals derselbe Mensch in denselben Fluss steigen kann – eine menschliche
Selbigkeit darbieten, eine Identität, die sich daraus herleitet, dass der
gleiche Stuhl und der gleiche Tisch den jeden Tag veränderten Menschen mit
gleichbleibender Vertrautheit entgegenstehen.[3] Der Begriff der
‚Vertrautheit‘ ist hier entscheidend. Denn auf dem Stich scheinen die
‚Weltdinge‘ diese Vertrautheit nicht mehr zu besitzen; sie stehen und liegen geradezu
demonstrativ ungebraucht und unbeachtet herum. Hat die von den Menschen erbaute
Welt ihre Vertrautheit verloren? Soll Vertrauensverlust gegenüber der
menschengemachten Welt zum Ausdruck gebracht werden? Wenn wir die Weltdinge
nicht gebrauchen, schreibt Arendt, werden sie verfallen und irgendwann in den
Kreislauf der Natur wieder zurückkehren. Soll irgendetwas über das Verhältnis
Mensch und Natur ausgesagt werden? Von einem Weltmisstrauen?
Ich
unterbreche an dieser Stelle den Gedankengang erneut, denn ich bin hier (die
Leser werden es bemerkt haben) schon unversehens in einen strudelartigen Prozess
hineingeraten, in einen Prozess des Verstehen-wollens, des Interpretierens, Deutens,
Auslegens, Einordnen dessen, was da auf dem Dürer‘schen Stich zu sehen ist.
Gelesenes, Angelesenes, früher Gesehenes, Erlebtes, richtig oder falsch
Verstandenes, tauchen im Kopf auf und wollen mitreden, stellen Schubladen zur
Verfügung, in die das vermeintlich Erkannte und Verstandene abgelegt werden
können soll. Aber so weit will ich doch noch gar nicht sein!
Denn es
gibt ja noch den vom Künstler selbst ersonnen Titel des Stiches, von einem
fledermausähnlichen Untier links oben auf der Innenseite seiner aufgeklappten
Haut (!) dem Leser präsentiert, dabei nach links oben wegfliegend. (Was haben
sich hochmögende Interpreten alleine mit diesem Tier oder Dämon oder Fledermaus
usw., und was es alles bedeuten soll, auseinandergesetzt: Lichtscheues Tier der
Dunkelheit! Flieht der Wahrheit usw. usf.!) Der Titel lautet: „MELENCOLIA § I“. Wobei das aber schon nicht die exakte
Wieder-gabe des Titels ist, Die Probleme dazu wurden oben, S. 2, schon
angedeutet. Das §-Zeichen ist eigentlich ein sog. „Ziervirgel“, der bei der
Wiedergabe des Titels meist weggelassen wird (hier z.B., weil ich ihn zwischen
allen Sonderzeichen, welches mir „Word“ anbietet, nicht finden konnte).
Hier geht es jetzt um den Begriff ‚Melencolia‘ selbst. Der
Künstler sagt uns also in seiner eigensinnigen Schreibweise, so müssen wir
diesen demonstrativen Hinweis verstehen: Hier – und begreife das, lieber
Betrachter! - wird die Melancholie dargestellt! Wodurch der Betrachter erst
recht in einen Prozess der grenzenlosen Deutung und Auslegung gestoßen wird,
aus dem es schier kein Entkommen gibt. Denn wir wissen schon nicht verlässlich,
was der Begriff Melancholie eigentlich meint. Selbst heute noch meist negativ
konnotiert, ist er seit der Antike ein schillernder, schwankender, wechselnder,
undeutlicher Begriff, der kaum sicher zu fassen ist.
Wir können mit ihm Vorstellungen verbinden etwa von „Acedia“
(Trägheit des Herzens – im Mittelalter eine Todsünde), von Schwermut
(vielleicht nur ein anderes Wort für das gleiche Phänomen?), Trauer, der
schönen, süßen Trauer (All other joyes to this are folly / Naught so sweet
as melancholy – Robert Burton), vom Glück, traurig zu sein (Viktor Hugo),
von der Klage über die Welt, Weltverzweiflung und -flucht, vom Unglück, der
übermäßigen (Selbst)Reflektion, Einsamkeit, und auch, hier besonders wichtig: dem
Grübeln über Zeichen (Walter Benjamin), eine „tief schmerzliche
Verstimmung“, die mit einer krankhaften Herabsetzung des Selbstgefühls
einhergeht (Freud), der Distanz zur Realität, Verlusterfahrung, Sinnverlust,
Lebensüberdruss, Depression, Geisteskrankheit, Gottesnot und -tot, Leere, einer
(unerreichbaren) Utopie, Handlungsunfähigkeit (Wolf Lepenies), Lähmung, Ironie,
Spot, Sarkasmus, modernes Genie, usw.
usf. Das Grübeln und Denken des Melancholikers sind nicht pragmatisch, sie dienen
keinem Zweck, sondern sind Selbstzweck. Georg Steiner konnte deswegen
feststellen: Denken ist strikt untrennbar von einer ‚tiefen, unzerstörbaren
Melancholie‘.[4] Und im ‚digitalen Zeitalter‘, in der
‚digitalen Welt‘, gibt es einen weiteren Melancholieauslöser: Der
Mensch verfällt in die Acedia der Digitalität als Zustand, in dem er die
eigentliche Auseinandersetzung mit seiner Vergänglichkeit, die im Allgemeinen
als menschliche Tätigkeit verstanden werden kann, auf das Trugbild des Simulacrum
richtet und sich darin verliert.[5]
Taugen denn alle modernen Vorstellungen über Melancholie für
das Verständnis des Stiches, weil die 1514 nicht bekannt waren und dem Künstler
nicht bewusst gewesen sein können? Wir hatten eingangs gelesen, dass das
technisch reproduzierte Kunstwerk von der Tradition, der es entstammt, abgelöst
wird. Das ist bei Dürers Stich nicht nur durch die unzähligen Reproduktionen
geschehen, sondern vor allem auch durch die mittlerweile fünfhundertjährige
Interpretationsgeschichte. Längst hat er seinen konkreten Zeitbezug verloren oder
er ist jedenfalls für irgendein „Verständnis“ nicht mehr (alleine)
ausschlaggebend. So schreibt Raymond Klibanski im Vorwort von 1988 zu „Saturn
und Melancholie“: Die Zahl der Publikationen über das Werk ist so groß, dass
ein Bibliograph sie schwerlich alle rezensieren könnte. Der großen Anzahl der
Schriften entspricht die Mannigfaltigkeit der Erklärungen.[6] Und Martin Büchsel,
eine weiterer Interpret, schreibt 2010: Das Bestreben, Dürers berühmten
Stich von 1514 zu interpretieren, hat einen Bücherberg anwachsen lassen, der
quantitativ alles übertrifft, was sonst zu einem Werk des Künstlers geschrieben
worden ist.[7]
Man wird also berechtigt sagen
können: Der Bücherberg der seit 500 Jahren erschienen Interpretationen lastet
wie ein Alp auf jedem gegenwärtigen Interpreten. Und er führt, schreibt Harmut
Böhme, in ein Labyrinth von Deutungsmöglichkeiten, worin vernichtet wird,
worauf das Bedürfnis zielt: Klare Erkenntnis. Die Forschung bewegt sich
damit in jenem Zirkel von Erkenntnissuche und melancholischer Verwirrung, der
im Stich Dürers zur Darstellung kommt.[8] Das vorläufige
Endergebnis dieser Suche soll die Erkenntnis sein, dass die ‚Melencolia I‘ aus
nichts als Zeichen besteht …. deren Bedeutungen nicht fixiert, sondern
problematisch geworden sind. Melancholie wäre dann Ausdruck dieser Erfahrung:
Es zeigt sich kein ‚Wesen‘ – der Natur, des Menschen, Gottes, der Geschichte -,
sondern das Denken bewegt sich in Fluchten von Zeichen, in denen ein Sinn
kursiert wird, der sich zugleich entzieht.[9] Hannah Arendt hat
das Problem, unter Berufung auf Werner Heisenberg, ganz allgemein formuliert: Anstatt
mit objektiven Eigenschaften, mit anderer Worten, finden wir uns mit den von
uns selbst erbauten Apparaten konfrontiert, und anstatt der Natur oder dem
Universum begegnen wir gewissermaßen immer uns selbst.[10]
Auch das ist natürlich wiederum eine Deutung in Form einer
Conclusio, die keinen Wahrheits- oder Endgültigkeitsanspruch für sich
reklamieren kann. Und die auch das Auftauchen weiterer Exegeten nicht hindert. Daher
kann es nicht um weitere, neue, andere, allgemeinverbindliche Auslegungen des
Stiches von Dürer gehen. Die „Forschung“, wie Böhme die Gemeinschaft der
Ausleger, Interpreten, Bilderklärer usw. über die Jahrhunderte nennt, hilft
nicht mehr weiter, bringt keine neuen Erkenntnisse (obgleich wir doch so sehr
viel mehr wissen oder zu wissen meinen über die Welt, über die Geometrie, über
das Messen über uns selbst, als die Menschen zu Dürers Zeiten). Oder können wir
Gegenwärtigen einfach so tun, als gäbe es sie nicht, wenn wir Dürers Stich
erstmals bewusst ansehen?
III
Poetische Umkehrung
Noch fühl ich dich so edel nicht, / Wie Albrecht Dürer dich geschaut:
Gottfried Keller
Dichtung
und Melancholie sind seit alters her, eigentlich seitdem wir von Dichtung
wissen, ein unzertrennliches Paar, uralt und doch ganz gegenwärtig, dabei
ungemein fruchtbar, immer wieder Nachkommen produzierend. Auch hier gilt: Ganze
Bibliotheken füllen die Bücher, die sich mit dem Verhältnis der beiden
beschäftigen, wobei das Ergebnis nach meinem Eindruck zu sein scheint, dass die
Melancholie als Henne zuerst da war und dann erst ihr Ei, die Dichtung.
Freilich mag dieses despektierliche Bild auch umkehren, wer will. Goethe
jedenfalls wusste; Zart Gedicht, wie Regenbogen, / Wird nur auf dunklen
Grund gezogen; / Darum behagt dem Dichtergenie / Das Element der Melancholie. Dichtung
und Melancholie sind deswegen so eng miteinander verzahnt, weil die Vorstellung
herrscht, dass der poetische Ausdruck eines Leidens im Gedicht dieses Leiden
zu mildern und aufzuheben vermag.[11] Wo es der Melancholie gelinge, sich sprachlich
auszudrücken, vollziehe sich bereits der erste Schritt zu ihrer Überwindung.[12]
Wir
haben es hier also mit einer Umkehrung zu tun, wenn dieser Befund richtig ist:
Führt die unendliche, zu keiner sicheren Erkenntnis gelangende Interpretation
des Dürer’schen Stiches selbst zur Melancholie, die er darstellt, so soll das
poetische Sprechen über die Melancholie zur Milderung oder Aufhebung des durch
sie verursachten Leidens führen.
Wie dem
auch sei: Es gibt eine ganze Reihe von Schriftstellern und Dichtern, die sich
Dürers Stich künstlerisch, poetisch genähert haben. Dazu gehören u.a. Walter
Benjamin (Ursprung des deutschen Trauerspiels), Thomas Mann (Dr. Faustus, im
XII. Kapitel) oder auch, wie das Eingangszitat zeigt, Helga M. Novak (in ihrer
Autobiografie ‚Vogel Federlos‘).[13]
Betont schnoddrig, den neuzeitlichen Genie- und Melancholiebegriff
denunzierend, Günther Grass: Denn wie dieses
stämmig geratene Mädchen, inmitten zu Trödel gewordenem Werkzeug, aller
humanistischer Gelehrsamkeit schwermütigen Ausdruck gibt, erlaubt der gleiche
flugun-taugliche Engel beliebig vulgäre Deutung. Wie bestellt und nicht abgeholt
hockt die kalte Mamsell. Überfressen und verstopft verzweifelt sie an
herkömmlichen Abführmitteln. Ein überm Studieren blaustrümpfig gewordener
Trauerklos. Und was noch alles. … Das Dürer-jahr und der Kupferstich
‚Melencholia I‘ regen an, ein Foto der Rosa Luxemburg zu mon-tieren und nach
drei vier Varianten ein weiteres Blatt, die ‚Melencholia V‘ aufzulegen.[14]
Anders nahm Peter Weiß wahr, was er auf dem
Blatt sah. Im dritten Band seines Romans „Die Ästhetik des Widerstands“
beschreibt über zweieinhalb Seiten seine Romanfigur Hodann den Stich als
Beispiel des sich Öffnens des Individuums (anstatt des sich Verschließens und
Zugrundegehens), die eine Heilung verspreche. Die Grenze zwischen beiden sei in
der Kunst stets vorhanden und spiegele sich in der Neigung zur Melancholie. So
werde das abgebildete Bauwerk auf dem Stich, ein Ort der Meditation, und
wenn alles seine Festigkeit hatte, (wir erinnern uns an die Aussage von
Arendt über die Weltdinge) so wurde doch ein Augenblick dargestellt, in dem
eine andere Wirklichkeit in das Bekannte eindrang. Und weiter heißt es: Umgeben
von Dingen des Forschens, des Bauens und des letzten Erkundens war sie
hervorgegangen aus einer kindlichen Existenz, in ihr schloss sich, was unserem
Denken unergründlich schien und die geschwänzte Fledermaus Melancholie,
untrennbar von allem Nachdenken, im Reich des Geistes den Ersten Platz anwies.
Die Kunst, sagte Hodann, setze dort ein, wo alle Philosophien und Ideologien
aufhören, sie entspreche der Entelechie, jener rätselhaften Kraft, die allem
Lebendem innewohnt.[15] Weiss legt den Stich so weit aus, dass er den
ganzen Umriss einer modernen Kunsttheorie daran aufzuhängen vermag. Seine
Lesart mag damit einer poetischen Annäherung an den Stich am ehesten
entgegenkommen.
Ist
damit die berühmte Renaissance-Gravur auch zugleich eine Zeichnung unserer
Gegenwart? Erleben wir eine Neubestimmung dessen, was die Aufklärung unserem
Selbst-verständnis als autonome Subjekte versprochen hat? Und setzt die Kunst
nicht erst dort ein, wo dieses Selbstverständnis aufhört?
Weiß‘ Lesart wird erst voll nachvollziehbar
durch die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts, die das End-Ergebnis der
Rationalität, des Messens und Wiegens, des menschlichen Vernunftgebrauchs zu
sein scheinen. Ob Dürer die Rolle der Kunst, angesichts der alle Vorstellungen
von der damaligen Welt noch überwölbenden Religion, so hat sehen können, soll
hier nicht ausklamüsert werden, sondern ausdrücklich offenbleiben. Betrachter
heute können jedenfalls umstandslos zu dem Schluss gelangen, der Stich sage
gerade etwas über unsere zur Apokalypse neigenden Gegenwart aus und werden nicht
umhinkönnen, sich zu fragen: Kann ich heute wissen, was ich da sehe? Und: Kann
ich heute glauben, was ich da sehe?
Der französische Dichter Theophile Gautier (1811
– 1872) meinte diese Fragen in seinem langen Gedicht Melancholia so
beantworten zu können (Zitiert nach einer Inter-linearübersetzung von Ludwig
Völker): Du, den Ellenbogen am Knie, das Kinn in der Hand, sinnst traurig
dem armen menschlichen Geschick nach: Dass trotz so kurzer Dauer das Leben sehr
bitter ist, dass die Wissenschaft eitel ist und die Kunst ein Wahn.[16]
Gottfried Benn dichtet (in der letzten Strophe
seines Gedichtes Wo keine Träne fällt):
Doch da an einer Wartevon Zucht und Ahnen altlehnt eine flügelharteunsägliche Gestalt,ihr Blick, der Licht und Sterneund Buch und Zirkel hält,der sieht in eine Ferne,wo keine Träne fällt.
Und in Oskar
Loerkes Gedicht Melancolia heißt es in der letzten Strophe:
Eine Stimme singt „Melancholia heiß ich,Ich hänge als Waage und Glocke am Haus,Ich schlafe in allem Gerät, noch in des letzten Ufers sandigem Korn,Ich flattre hinaus noch aufs tote Weltmeer als Fledermaus,und jenseits steh ich im Nordlicht als Unstern mit feurigem Horn,Überall jenseits, lange vor dir.“
Die Zitate mögen
an dieser Stelle genügen als Beispiele für eine poetische Umkehr. Deutlich
wird: Auch sie entkommen naturgemäß einer Interpretation, einem Suchen nach
Verständnis, dem Einbringen des Anteils des je individuell betrachtenden
Subjekts an dem, was es sieht, nicht. Denn Wahrnehmen beinhaltet schon ein
Urteil über Gegenstand und Ort[17],
vor allem dann, wenn Gegenstände gesehen werden, die alle Anhaltspunkte
eigener Erfahrung und Wissens sind. Aber eine poetische Annäherung bietet ja
gerade die Möglichkeit, die durch diese Wahrnehmungsstruktur gezogenen Grenzen
zu überwinden.
USN, Januar 2026
[1] Walter
Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit,
Frankfurt, Suhrkamp, 1970, S.13.
[2] So
Martin Büchsel: Albrecht Dürers Melencolia, in Wilhelm Fink, München, 2010, S.
31.
[3] Hannah Arendt: Vita activa, Piper
Taschenbuch, 18. Aufl., S. 162:
[4] George Steiner: Warum Denken traurig macht, Suhrkamp 2008, Seite 9. Er begründet seine
oben zitierte Aussage in diesem Essay ausführlich.
[5]
Yayanthan Sririam: Melancholie des digitalen Zeitalters. https://publikationen.uni-tuebingen.de/
xmlui/bitstream/handle/10900/56973/. Diese Arbeit aus dem Jahre 2015 begründet
in überzeugender Weise einen Zusammenhang zwischen der Digitalisierung der
eigenen Erinnerung, des eigenen Gedächtnisses, der eigenen sprachlichen und
anderen Äußerungen, dem Gesehenen, Erfahrenen usw., letztlich also der eigenen
Persönlichkeit, dem verlorengehenden, unmittelbaren Welt- und Selbstbezug und
der daraus resultierenden tiefen, gleichsam notwendigerweise folgenden
Melancholie.
[6] Raymond
Klibansky, Erwin Panofsky, Fritz Saxl: Saturn und Melancholie, stw 1010, 7.Aufl.2013,
S.20.
[7] Martin
Büchsel, a.a.O., S. 11
[8] Hartmut
Böhme: Albrecht Dürer Melencolia I, Im Labyrinth der Deutungen, Fischer
Taschenbuch 1997, S.35.
[9] Ebda, S.
44.
[10] Arendt,
a.a.O., Seite 333.
[11] Ludwig
Völker: Komm, heilige Melancholie. Eine Anthologie deutscher
Melancholie-Gedichte, Reclam, Stuttgart, 1984, S. 39.
[12] Ebda,
S. 38.
[13] Vgl.
dazu auch: Schäfer-Newiger, Sprache, Freiheit, Melancholie. Über Helga M. Novak
als Dichterin, hier.
[14] Günter
Grass: Vom Stillstand im Fortschritt, Variationen zu Albrecht Dürers
Kupferstich „Melencholia I“ in: Aus dem Tagebuch einer Schnecke, dtv 3. Aufl.
2006, S. 301/302 und 316.
[15] Peter
Weiss: Die Ästhetik des Widerstands, Suhrkamp, Dreibändige Ausgabe in einem Ban,
1983, Bd 3, S. 132 / 134.
[16] Ludwig
Völker: a.a.O. Seiten 446/7.
[17] E.H.
Gombrich: Kunst und Illusion, 6. Aufl. 2002, S. 219