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Ulrich Schäfer-Newiger: Die doppelte Verneinung

Diskurs/Poetik/Essay > Diagramme


Ulrich Schäfer-Newiger

Die doppelte Verneinung
Anmerkungen zu dem ‚Gedicht über Quitte und Vogel‘
von Dragutin Tadijanović

Pjesma o Dunji i Ptici

Zrela, žuta, mirisava dunja
Na stablu visòku
Neotrgnuta ostala
Jesenas.
I uvenula.

Sa stabla mirisne dunje
Ptica
Odletjela
Odletjela preko voćnjaka
U šumu dubòku; u šumu gustu, pustu

Ni dunje ni ptice
Nema
Nema
Ni ptice ni dunje
Gedicht über Quitte und Vogel

Eine reife, gelbe, duftende Quitte
Blieb hoch im Baum
Ungepflückt hängen,
diesen Herbst.
Und sie verwelkte.

Vom Baum mit duftender Quitte
Ist ein Vogel
Weggeflogen.
Er flog über Obstgärten
In einen tiefen Wald; in einen dichten, wüsten Wald.

Es gibt weder Quitte noch Vogel,
Nirgends.
Nirgends,
Weder Vogel noch Quitte.
Aus: Dragutin Tadijanović: Gozba, Festmahl, ausgewählte Gedichte 1920-1995, zweisprachig,
Ulm 2000, ausgewählt und übertragenaus dem Kroatischen von Nada Pomper                                                                      

Das Gedicht stammt aus dem Jahre 1923. Der Autor war erst 18 Jahre alt. Im Alter von 101 Jahren ist er dann im Jahre 2007 in Zagreb gestorben. Tragutin Tadijanović ist in Deutschland praktisch unbekannt. Die Deutsche Bibliothek verzeichnet zwei in Deutschland erschienene, aber längst vergriffene Gedichtbände (aus einem davon ist das Gedicht entnommen). Weitere Literatur über ihn und seine mögliche Wirkung auf die kroatische Literatur des 20. Jahrhunderts gibt es offenkundig in Deutschland nicht. Es existiert lediglich auf der deutschen Wikipedia-Seite ein kleiner Eintrag über ihn, der 19 erschienene „Werke“ und einige jugoslawische und kroatische Literaturpreise, Auszeichnungen und Ehrenbürgerschaften verzeichnet. Es gibt noch heute eine eigene, also kroatische Internetseite.
    Sein Gedicht, um das es hier geht, scheint auf den ersten Blick einfach, ja schlicht und konventionell zu sein und sprachlich keine Besonderheiten zu enthalten: Es wird ein simples Natursujet entworfen, eine kleine Geschichte von einer reifen, hoch oben im Baum hängenden, ungepflückten und daher verwelkten Quitte. Dazu gesellt sich in der zweiten Strophe ein Vogel, der von diesem Baum aber gerade wegfliegt in einen tiefen, dichten und wüsten Wald. Ob dieses sehr an die deutsche Romantik erinnernde Waldbild wie auch die Quitte und der Vogel Metaphern oder Bilder für irgendetwas sein sollen, lässt sich dem Text unmittelbar nicht entnehmen.
    Es fällt auf, dass der Text im kroatischen Original einen leichten, ja schon beschwingten Rhythmus entfaltet, vor allem durch Binnenreime. So enden alle Wörter der ersten Zeile mit „a“ und alle Wörter der letzten Zeile der zweiten Strophe mit „u“. Und die zweite, dritte und vierte Zeile der zweiten Strophe enden jeweils wieder mit „a“. Und da es im Kroatischen Artikel, auch unbestimmte Artikel wie „eine“, nicht gibt, ist das Original kürzer und prägnanter als es die deutsche Übertragung sein kann; ein Umstand, der im Original den innewohnenden Rhythmus und die Gebundenheit der verwendeten Sprache deutlicher hervortreten lässt.
   All das macht dieses Gedicht aber noch nicht zu etwas Besonderem. Das Besondere ist die dritte und letzte Strophe. In ihr tritt der Autor unvermittelt aus seiner Erzählung heraus und nimmt die Rolle eines scheinbar außerhalb stehenden, objektiven Beobachters ein und verneint einfach, dass es Quitte und Vogel überhaupt gibt. Und er wiederholt zur Bekräftigung diese Verneinung noch einmal. Bevor wir der sofort sich stellenden Frage nachgehen, was diese Verneinung im Gedicht eigentlich bedeutet, muss auf eine weitere Besonderheit des Kroatischen hingewiesen werden (weil sie für das Verständnis des Gedichtes vielleicht von Bedeutung ist): Im Kroatischen (wie in allen slawischen Sprachen) ist die doppelte Verneinung nicht nur zulässig, sondern z.B. bei einem Satz mit „weder … noch“ die ordnungsgemäße Regel. „Ni dunje ni ptice / Nema“ ist eine doppelte Verneinung und lautet wörtlich ins Deutsche übertragen: ‚Weder Quitte noch Vogel / gibt es nicht.‘ Dergleichen wäre nicht nur schlechtes, sondern falsches Deutsch. Im Deutschen kann es daher nur einfach heißen: „Es gibt weder Quitte noch Vogel.“ Aber damit geht nicht nur der im Kroatischen vorhandene besondere Charakter der doppelten, verstärkten Verneinung, sondern auch ein Teil des Rhythmus verloren. Der Übersetzerin der Gedichte von Tadijanović, Nada Pomper, ist dazu eine wunderbare Lösung eingefallen: In der deutschen Fassung fügt sie in eigener Kompetenz einfach das Wort „Nirgends“ ein, das im kroatischen Originaltext nicht vorkommt. Damit ist aber auch im Deutschen der doppelte, verstärkte Charakter der Verneinung gewahrt und zum Ausdruck gebracht und zugleich der Grundrhythmus der dritten Strophe aus dem Kroatischen herübergerettet.
    Der Autor des Gedichtes verneint also zweifach doppelt in der dritten und letzten Strophe die Existenz von Quitte und Vogel, von denen er doch zuvor berichtet hat. Man wird nicht fehlgehen in der Annahme, der Dichter wolle den Lesenden damit sagen, dass es Quitte und Vogel in der Wirklichkeit, in der Realität, nicht gibt. Aber wissen wir nicht längst, dass literarische Texte nicht die Realität widergeben, sondern Fiktionen sind, also vereinfacht ausgedrückt, Texte sind, die Ausgedachtes und Erfundenes enthalten? Tadijanovićs Text gibt sich literarisch doch durch seine Form und seine gebundene Sprache, als Gedicht par excellence, zu erkennen. Warum sagt er dann den Lesern noch einmal ausdrücklich und wiederholt, dass es Quitte und Vogel nicht gibt? Will er damit die Leser darauf stoßen, dass die in den ersten beiden Strophen erzählte Geschichte fiktiv ist? Zu welchem Zweck? Es stellt sich damit sofort die nächste Frage ein: Ist die dritte Strophe eine nicht-fiktionale Darstellung eines fiktiven, poetologischen Sachverhaltes, oder ist sie selbst nicht auch Fiktion? Denn sie ist ja Teil des Gedichtes, also selbst literarischer Text. Ist also die Verneinung der Existenz von Quitte und Vogel nicht selbst erdacht und also nicht wirklich? Aber: Ist Erdachtes denn nicht auch wirklich, existiert es denn nicht? Weiter: Bedeutet das doppelte „nema“, kongenial im Deutschen durch „nirgends“ ersetzt, dass Quitte und Vogel auch nicht in den Köpfen vorhanden sind, als Gedankenbilder nicht? Denn wir können uns Quitte und Vogel sehr gut vorstellen, auch wenn es sie nicht gäbe. Mit dem Einhorn funktioniert das ja auch. Und geraten wir endlich nicht in einen infiniten Regress, wenn wir auf diese Weise immer und immer weiter fragen?
   Wir erkennen: Dieses einfache, schlichte, scheinbar konventionelle Gedicht eines Achtzehn-jährigen, das so harmlos daherkommt mit einer vertrockneten Quitte, einem Vogel, Obstgärten und einem Wald, hat es wahrlich in sich. Was will der Dichter? Was ist Wirklichkeit und was Fiktion? Oder kommt es auf diese Unterscheidung gar nicht an? Können wir darüber Gewissheit erlangen, wenn wir das Gedicht ein halbes dutzendmal gelesen haben? Befinden nicht wir Lesende uns jetzt in dem tiefen, dichten, wüsten Wald, von dem in der zweiten Strophe die Rede ist? Und sind wir nicht der Vogel, der geradewegs dorthinein fliegt, wenn wir über Sinn und Zweck der zwiefach doppelten Verneinung nachdenken?
    Es gibt in der Tat keinen Halt, oder genauer: keine sprachliche Gewissheit in dem Text (und somit, weitergedacht, in keinem literarischen Text), das will Dragutin Tadijanović uns mit seinem kleinen Gedicht und der am Ende enthaltenen, doppelten Verneinung sagen. Hinzu kommt nämlich noch eine zweite, gewichtigere Quelle der Unsicherheit:
    Wenn der Dichter in den ersten beiden Strophen die Wörter „Quitte“ und „Vogel“ benutzt, nachher aber zweimal erklärt, die beiden gäbe es nicht, demonstriert er damit zugleich, dass beide Wörter mit den sie bezeichnenden real existierenden Entitäten nicht in einem notwendigen inneren (ontologischen) Zusammenhang stehen! Die Wörter führen nicht dazu, dass Vogel und Quitte etwa anwesend sind; sie existieren völlig unabhängig von den Dingen, die sie benennen oder bezeichnen. So wie Magritte unter sein Bild einer Pfeife schrieb, dies sei keine Pfeife (weil es eben eine Abbildung einer Pfeife war), kann hier argumentiert werden: Quitte und Vogel sind „nur“ Bezeichnungen für ein bestimmtes Obst und für ein bestimmtes Tier, nicht aber das Obst und das Tier selbst. Beide Objekte existieren nicht, jedenfalls nicht aufgrund der Benennung in einem Gedicht (allgemeiner: in einem Text, ob poetisch oder nicht) sondern sind gerade wegen des Bezeichnungscharakters der Wörter „Quitte“ und „Vogel“ abwesend.
   Diese Feststellung mag heutzutage banal klingen. Aber sie bezeichnet, sehr vereinfacht formuliert, das, was als ‚Vers- oder Sprachkrise‘ in die Literaturgeschichte eingegangen ist und die nach Meinung einiger Dichter und Literaturkritiker bis heute andauert. Stephan Mallarmé war der erste, der die Formulierung „Verskrise“ verwandte für die allerdings schon alte, spätestens seit Wilhelm von Ockham bekannt gewordene Erkenntnis, dass das Wort eine rein geistige Schöpfungstat sei und keine Rücksicht nehmen müsse auf die empirische Wirklichkeit, vielmehr ein ‚Eigenleben‘ führe. Mallarmé bestimmt diese Sprachkrise poetisch, indem er postulierte „das Wesentliche etwa an dem Wort ‚Rose‘ sei die ‚Abwesenheit einer jeden Rose‘. Das Wort ist, wo das Ding nicht ist; Sprache und Welt schließen einander aus“¹ schließt er daraus. (Stefan George dagegen dichtete umgekehrt: „kein ding sei wo das wort gebricht.“) Mit dieser Auffassung war Mallarmé seinerzeit nicht allein. Nietzsche hat das Problem so formuliert:Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen, Farben, Schnee und Blumen reden, und besitzen sonst nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen.“² Und schließlich ein dritter Zeuge für diese grundsätzlich scheinbare Schwäche der Sprache: Wittgenstein. Er hat am Beispiel des Sprechens über Farbe (anstatt über Dinge) das Problem so formuliert: „Aber verhält es sich nicht analog in den Sätzen ‚Hier ist ein roter Fleck‘ und ‚Hier ist kein roter Fleck‘? In beiden kommt das Wort „Rot“ vor; es kann also dieses Wort nicht das Vorhandensein von etwas Rotem anzeigen.“³ Als er schon keine Gedichte mehr schrieb, 1902, äußerte Hugo von Hofmannsthal (im sogenannten „Chandos-Brief“): Diese Begriffe, ich verstand sie wohl …. Aber sie hatten es nur miteinander zu tun und das Tiefste, das persönliche meines Denkens blieb von ihrem Reigen ausgeschlossen. Es überkam mich unter ihnen das Gefühl furchtbarer Einsamkeit;“ Deutlich wird aus diesen wenigen Zitaten: Es tat sich für die Dichter ein Abgrund zwischen Worten und Dingen auf. Die Sprache erwies sich als vermeintlicher Schleier zwischen Menschen und Wirklichkeit, hinter dem die „ursprünglichen Wesenheiten“ verborgen liegen.

Dieser Auffassung muss man nicht folgen. Wörter (also auch „Quitte“ und „Vogel“) können einfach als sprachliche Zeichen verstanden werden. Sprachliche Zeichen bestehen aus allen Ausdrücken, die Laute oder schriftliche Zeichen mit einer Bedeutung verbinden. Dass ein solches sprachliches Zeichen jeweils beliebig ist und durch keinerlei innere Beziehung mit der Lautfolge verbunden ist, die ihr als Bezeichnung dient, hat schon de Saussure in den 20iger Jahren des vorigen Jahrhunderts klar herausgearbeitet. Und „Es gehört zu den grundlegenden Wesen von Zeichensystemen, dass sich die Fiktion von Bedeutungshaftigkeit allein aus dem zu verstehen geben, was ‚nicht da ist‘“. Mallarmés Postulat der fehlenden Rose ist also nichts anderes als eine Art Vorwegnahme dieser Grundannahme der Semantik.

Im Entstehungsjahr des Gedichtes, 1923, waren die oben skizzierten Diskussionen über Sprache ganz gegenwärtig. Tadijanovićs zunächst merkwürdig erscheinende Behauptung, die Gegenstände seines Gedichtes gäbe es nicht, erfährt im Lichte der „Verskrise“ seine nachvollziehbare Begründung. Der Autor macht deutlich: Die Leser sollen sich dessen, was sie da lesen nicht sicher sein.  Denn einmal ist die im Gedicht erzählte Geschichte eine Fiktion. Zum anderen sind die Wörter und die Sprache selbst keine Garanten dafür, dass es die Dinge, über die sie sprechen, wirklich gibt. Daher hat er die Gewissheit der Existenz von Quitte und Vogel gleich zweimal verneint.

Das kleine „Gedicht über Quitte und Vogel“ erweist sich in seiner scheinbaren Einfachheit somit als ein beispielhaft-typisches Dokument der literarischen Moderne. Es benennt durch die zweifache Verneinung den wahrgenommenen Abgrund zwischen Worten und Dingen und überbrückt ihn gleichzeitig poetisch, indem es diese Verneinung zu seinem eigenen Gegenstand macht. Es ist die Lyrik, so hat es Octavio Paz einmal formuliert, die versucht, die Distanz zwischen dem Wort und der Sache (Natur, Welt) abzubauen. Tadijanovićs Gedicht ist dafür ein überzeugendes Beispiel.



¹ So jedenfalls die Interpretation von Wolfgang Matz, Der Einsamste von allen, DIE ZEIT, 25.09.1992, S. 76.
²  Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, zitiert nach http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3243/1.
³  Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen Nr. 443, in Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe Band 1, Frankfurt 1984, S. 419.
 Hugo von Hofmannsthal, Ein Brief, s. Signaturen.
 Vgl. Ferdinand de Saussure: Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaft, Berlin 1967, Seite 79.
 Georg Steiner: Von realer Gegenwart, München 1990, Seite 174.


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