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Uljana Wolf: Etymologischer Gossip

Rezensionen/Verlage


Stefan Hölscher

Uljana Wolf: Etymologischer Gossip. Essays und Reden. Berlin (kookbooks) 2021. 232 Seiten. 22,00 Euro.

Verbündende Übergänge


Vier Kapitel enthält der vor kurzem bei kookbooks erschienene „Etymologische Gossip“ mit Essays und Reden von Uljana Wolf. Und so unterschiedlich die Umfänge der Kapitel des Bandes sind (das kürzeste ist gerade mal gut 20, das längste 100 Seiten lang), so verschieden sind die Anlässe, zu denen die einzelnen Texte entstanden sind und auch deren Formen: da gibt es Reden, Konversationen, metatheoretische Reflexionen, Essays und nicht zu vergessen, „Guessays“, womit Uljana Wolf „eine Art Unterbietung des Essays in seinem Versuch, ein Versuch zu sein“, meint. Noch bunter wird es, wenn man auf die Überschriften der versammelten Texte schaut. Da geht es zum Beispiel um „gondelnde Wolken“, „Nachrichten aus einem Bienenstock“, das „Gedächtnis der Wälder“, ein „Box Office“ und vieles, vieles mehr. Vor allem auch eine Fülle kleiner, feiner Beobachtungen, Wahrnehmungsfacetten und Wahrnehmungsverschiebungen, die einen fast schwindelig werden lassen könnten, wenn, ja wenn da nicht ein sehr starkes Gravitationszentrum wäre, um das all die scheinbar disparaten Texte wie kleine Planeten um eine alles mit Licht erfüllende Sonne kreisen: im Kern der variantenreichen Texte, die im „Etymologischen Gossip“ versammelt sind, geht es immer wieder um das Über-Setzen, um die „Vieldeutigkeit zwischen Sprachen, eine Form des Durch-Sprachen Schreibens oder Schreibens am Rand, auf der Kippe, der Zungenspitze von Einzelsprachigkeit“, um das „zum Klingen Bringen“ von einem „Raum zwischen den Sprachen, um „translinguale Lyrik“.

In durchaus thesenartiger Form expliziert Wolf diesen gedanklichen Kern ihrer Arbeiten in dem kurzen Text: „Wovon wir reden, wenn wir von mehrsprachiger Lyrik reden“:

Das Gedicht ist in einer Sprache geschrieben.
Das Gedicht ist niemals in einer Sprache geschrieben.
Das einsprachige Gedicht spricht mehr als eine Sprache.
Das mehrsprachige Gedicht spricht als Sprache.
Das Gedicht, das zwischen Sprachen schreibt, redet sich um Kopf und Kargen.
Diese Reden sind seine Ladung, seine Aufladung.

Dabei kommt selbst in diesen kurzen und scheinbar ganz klaren Sätzen, wie eigentlich bei fast allem, was Wolf näher betrachtet, etwas zum Kippen: denn „das Gedicht, das zwischen Sprachen schreibt“, redet sich ja nicht, wie wir denken und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch zunächst lesen werden, um Kopf und Kragen, sondern es „redet sich um Kopf und Kargen“. Es sind derlei kleine Verschiebungen, die teils intendiert, zum Teil aber auch aus Lapsi [das wäre jetzt auch so einer] geboren, die unsere scheinbar festgefügten sprachlichen Gerüste immer wieder in wohlig-wolkig-wackelige Bewegung bringen und die Lesenden damit zum Nachsinnen, Neuhinschauen und Neu-Orientierung-Suchen.

Uljana Wolf ist nicht nur in ihren Gedichten, sondern auch in ihren Essays, Reden und Guessays eine Meisterin, bei den Lesenden als ihren Dialogpartner*innen eine freundlich verstörende Irritation, verbunden mit dem Impuls, neu hinzuschauen und scheinbar Bekanntes auf andere Weise zu verknüpfen, auszulösen. Daher ist es auch alles andere als zufällig, dass sich unter den Texten des Bandes auch intensive Auseinandersetzungen mit Dichterinnen, wie insbesondere Ilse Aichinger, Else Lasker-Schüler und Dagmara Kraus finden, die, wenn auch in sehr unter-schiedlicher Weise, vor dem Hintergrund der Erfahrung des Verlusts von Heimat und scheinbarer Sicherheit, Sprach- und Denkformen translingual, oder wie Wolf mit Referenz auf M.A.K. Haliday sagt, „semiodivers“ verweben.

Sehr anschaulich macht Wolf das In-Bewegung-Bringen vermeintlich fester Bedeutungsgefüge in „Landschaft, Luftburg, Gedicht.“ In diesem „Guessay zum Übersetzen von Christian Hawkey“ knüpft Wolf an das Erleben der Sprünge auf einer Hüpfburg an:

Man ließ sich fallen, prallte ab, man wurde in eine unerwartete Position zurückgeworfen. Mit jedem Sprung veränderte sich der Raum, mit jedem neuen Aufprall veränderte sich das Raumempfinden des Springers. Die Landschaft knuffte unvorhersehbar zurück. Das Bounce House war im Grunde ein Gedicht.

Übersetzen ist dann so etwas wie Hüpfburgspringen, wobei Wolf drei bzw. vier „Fälle“ unterscheidet:

Der Schlüssel zum Übersetzen einer Hüpfburg liegt im dreifachen Fallenlassen. Vom ersten Fall, der Bereitschaft zur Hingabe an das Gedicht als Bounce Unit…
Der zweite schaut ähnlich aus, ist aber anders gelagert: Hier geht es darum, lang gepflegte Angewohnheiten der nicht-federnden Welt fallen zu lassen, also etwa um Abwehr des Verlangens, Form und Sprungverhalten zu einer perfekten Performance auszubauen oder umzuschreiben…
Was uns zum dritten Fall bringt, gegen den nur Klasse und Gelassenheit hilft: Beim Springen in der Landschaft landet nicht alles wieder auf seinem angestammten Platz (wenn es ihn je gab)…
Das bringt mich zum vierten Fall, der in der Zählung gar nicht auftaucht. Nämlich der Erkenntnis, dass man beim Wirbeln in der Luftburg einer sehr merkwürdigen Sprache begegnet. Es ist dies aber nicht die fremd geglaubte…, sondern die eigene, von der man sehr aufregende Dinge erfährt.

Womit uns das Übersetzen schließlich immer wieder auch zur eigenen Sprache zurückbringt, aber zu einer, die sich mit Anderem/Neuem vermischt und sich so ins Ungeahnte öffnet. Die scheinbar festgefügten Grenzen der Sprachen, der Nationen, der Kulturen: sie erweisen sich als verbündende Übergänge.   


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