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Tristan Marquardt: Die Münchner Luft

Dreißig Jahre Lyrik Kabinett
Tristan Marquardt
Die Münchner Luft


Als ich das Lyrik Kabinett zum ersten Mal betrat, ging ich gleich wieder hinaus. Ich war 23, frisch nach München gezogen und noch nie außerhalb von Berlin bei einer Lyrik-Lesung gewesen. Das Durchschnittsalter des Publikums, das Wunderschöne, aber auch Weihevolle des Orts, die Tatsache, dass ich niemanden hier kannte, all das schüchterte mich ein. Ich wartete vor der Tür, bis die Veranstaltung beginnen sollte, war unsicher, ob ich mich hier wohlfühlen würde. Als es schon kurz nach 8 war, fuhr ein Taxi vorm Eingang des Innenhofs vor, eine ältere Dame stieg aus und zündete sich sofort eine Zigarette an. Auf den wenigen Metern durch den Innenhof paffte die Dame, von der ich später erfuhr, dass es Ursula Haeusgen, die Stifterin des Lyrik Kabinetts, war, in einem Irrsinnstempo die Zigarette weg, verschwand in einer Wolke aus Rauch, tauchte hustend wieder aus ihr auf, schaute mich an und sagte: „Pah, die Münchner Luft!“ Wir lachten beide, und sie sagte: „Geh’ma rein.“

Von diesem Moment an war ich Stammgast im Lyrik Kabinett. Ich durfte hier lesen, moderieren, Workshops geben, meine Bücher präsentieren, mit G13, Babelsprech und den Unabhängigen Lesereihen zu Gast sein. Ich lernte in den Mitarbeiter*innen, ganz besonders in Pia Leuschner, Holger Pils und Wolfgang Berends, unverzichtbare Gesprächspartner*innen und unermüdliche Streiter*innen für das Gedicht kennen. Ich habe im Lyrik Kabinett einen Ort gefunden, der für die Lyrik und für mich als Lyriker in München da ist. Einen Ort, in dem es nicht um Bürokratie und Distinktion, sondern um die Sache und das Ermöglichen geht. Meine Dankbarkeit dafür ist sehr groß. Und ich hoffe, es folgen noch viele der Einladung, sich hier in der Münchner Luft auf Gedichte einzulassen.


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