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Trimaran, Heft 3 (2022)

Zeitschrift des Monats

Michael Braun

Zeitschrift des Monats

DIE  WIDERSTANDSLINIE  DER  SCHÖNHEIT

TRIMARAN, Heft 3 (2022)


Es gehört zu den glücklichen Momenten bei der Lektüre von Gedichten, wenn man über ein Wort stolpert, das nicht gleich in semantischer Selbstverständlichkeit rubriziert, abgehakt, auf eine Bedeutung festgelegt werden kann. Ein Wort wie „Drosselgrube“ etwa, aus dem ganz unterschiedliche Bedeutungen auffliegen und in unterschiedlichste Richtungen weisen. Da steht es voller Grazie und schaut uns an und bewahrt sein Geheimnis: „Drosselgrube“.
        Zwar können die sich verzweigenden Assoziationen, die sich an die „Drosselgrube“ an-lagern, vom Wörterbuch ernüchtert werden. Gegen die fachsprachliche Realität der „Drossel-grube“ kann sich aber dennoch ein eigenes poetisches Energiefeld aufbauen.
          So geschehen bei der Begegnung zwischen der niederländischen Dichterin Maria Barnas und der Berliner Poetin Sonja vom Brocke, wie sie in der zweiten Ausgabe des zweisprachigen Lyrikmagazins TRIMARAN (2/2020) dokumentiert ist. Seit dem Debütheft im Sommer 2019 konzentriert sich die nach einem Segelboot mit drei parallelen Rümpfen benannte Zeitschrift auf deutsch-flämisch-niederländische Lyrikbegegnungen. Jeder Beitrag wird in deutscher und niederländischer Sprache präsentiert. Ein eigens im abweichenden Format eingefügter Heftteil stellt dabei jeweils die Ergebnisse eines deutsch-niederländischen Übersetzungsworkshops vor. Bei der Übersetzung der Sonja vom Brocke-Texte zeigte sich Barnas begeistert von der Fähigkeit der Kollegin, mit ihren Gedichten einen ästhetischen Schwebezustand zu erzeugen, in dem die Wörter ein eigenes Myzel bilden. In der Vokabel „Drosselgrube“ aus Sonja vom Brockes Gedicht „In der Leere der Un- der Tage des Bluts“ werden gleich zwei Motivräume geöffnet: die „Drossel“, der Singvogel, trifft zusammen mit der „Grube“, die innerhalb des Gedichts einen möglichen Verbündeten im „Sarkophag“ hat. Das Wörterbuch konfrontierte Maria Barnas in puncto „Drosselgrube“ indes mit einem anatomischen Hinweis: die „Drosselgrube“ sei die „sichtbare Vertiefung in der vorderen Mittellinie des Halses“.

Solche lehrreichen Reflexionen zum Prozess der Übersetzung finden wir auch in der aktuellen Ausgabe von TRIMARAN (Heft 3/2022), die das Territorium der deutsch-niederländischen Poesie-Korrespondenzen weiter kartographiert. Das Heft veranschaulicht in eindrucksvoller Art die altbekannte Einsicht des Frühromantikers Friedrich von Hardenberg, dass „im Grunde alle Poesie Übersetzung ist“. Es ist hier aber auch eine ziemlich heftige Kollision unterschiedlicher Lyrikbegriffe zu beobachten. In einem aufschlussreichen Essay diagnostiziert hier Alexandru Bulucz die Veränderungen, die die Kategorie der „Schönheit“ in der Lyrik der (Post)Moderne durchlaufen hat. Anhand einiger herausragender Lyrik-Bücher der vergangenen Jahre gelangt er zu einer riskanten These: „Auf dem >weniger Schönen< fußt die ganze literarische Moderne- ihr Themenspektrum und ihre Stilistik.“ Als beweiskräftiges Beispiel nennt er Ursula Krechels Band „Beileibe und Zumute“ (2021) und darin vor allem das programmatische Gedicht „Die Widerstandslinie der Schönheit“. Gegen die idealisierten Schönheitsbilder konventioneller Poesie setze Krechel ihre gnadenlosen „Bilderstürmerblicke“, die notwendige Voraussetzung seien für die Dekonstruktion einer obsoleten Schönheitsschwärmerei. Als zweiten Kronzeugen für einen Abriss überlebter Schönheitsideale benennt Bulucz den Dichter Paul-Henri Campbell, der in seinem Band „nach den narkosen“ (2017) eine sehr prägnante Kritik einer auf „Salutonormativität“ abonnierten Gesellschaft geliefert hat: „Die Sprache, die ich meine, kommt aus der Insuffizienz. Sie weiß von vornherein, dass sie eine andere Welt bewohnt. …Sie ist höchst labil.“
          Gegenüber diesen sprachkritisch inspirierten Poesie-Konzepten von Krechel und Campbell wirken die Positionen der in TRIMARAN vorgestellten jungen „Klimadichter“ Moya de Feyter und Samuel J. Kramer eher bescheiden. Mit der Gründung einer eigens auf „Klimadichtung“ konzentrierten niederländisch-flämischen Dichtergruppe wird hier unfreiwillig der Gesinnungsästhetik zum Comeback verholfen. Wie halten es die „Klimadichter“ mit der lyrischen Schönheit? Die Antwort: „Vielleicht gibt es Schönheit und Stärke in plakativer Penetranz.“ Und weiter heißt es sehr bezeichnend: „Wir müssen für alle Menschen, Tiere und Pflanzen schreiben, die das selbst nicht vermögen…“ Das ist von den Anmaßungen der alten Dichter-Präzeptoren, die als Moralisten vom Dienst der Nation die Weltlage erklären wollten, nicht weit entfernt.       
     Sehr viel spannungsreicher geht es in den wechselseitigen Übersetzungs-Arbeiten der Lyrikerin und Theaterautorin Özlem Özgül Dündar und dem schwarzen niederländischen Poeten Dean Bowen zu. Özlem Özgül Dündar attestiert ihrem Kollegen die Erfindung einer „neuen Kreolsprache“, in der Bowen nach radikaler Transgression strebe – auf seiner Suche nach den Grenzen des eigenen Körpers und der instabilen queeren Identität. Bowen bevorzugt eine drastische Bildlichkeit und unterzieht das eigene Schwarz-Sein einer heftigen Selbstkritik. So auch im „Canto Negro“: „…der Autor ist eine schmutzige Bourgeosie/ schwarzer Angestellter, schwarze Kakerlake, Tier mit Schaum vorm Mund/ roll dich zusammen zum Spielball, wähl das Spiel/ schöpf deine Albträume aus einem glattgebügelten Schwarz-Sein…“ Diese ruppige Poesie lehnt sich in jedem Vers auf gegen idealistische Harmonisierungen. In einem weiteren intertextuellen Dialog finden sich der zwischen dem Deutschen, dem Alemannischen und dem Andalusischen vagabundierende Wortschatzgräber José Oliver und die flämische Dichterin Maud Vanhauwaert zu einer poetischen Kollaboration zusammen: „ich würde sagen in jedem wort ist schwerkraft schwerelos“.
       In der Freisetzung poetischer Schwerkraft leistet das Poesiemagazin TRIMARAN vorbild-liche Arbeit.


Trimaran 3/2022. Lyrikmagazin für Deutschland, Flandern und die Niederlande. Redaktion Christoph Wenzel und Stefan Wieczorek. Hrsg. von der Kunststiftung NRW/Nederlands Letterenfonds/ Flanders Literature. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf, 132 Seiten, 15 Euro.


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