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Tobias Roth: Kirchspiele - Florenz, Santo Spirito

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Der Heilige Geist hat seine Plätze ausgeprägt, man muss sie nun nicht mehr umbenennen. Man darf ihm aber auch nicht das Rückzugsgefecht erleichtern, seine Ingenieursbataillone dürfen nicht noch mehr Zeit bekommen, Brücken zu bauen; im Fluss sie aufreiben, auch der Symbolwirkung wegen. Man muss den Platz nicht umbenennen. Es hat bislang auch niemand zugehört. Und es kümmert mich nicht, was Filippo Brunelleschi angeben musste, um seinen Antrag durchzubringen. Die Menschen auf den Stufen, jung und alt, kennen die Etiketten ihrer Biere besser als das Evangelium. Vielleicht bekommt man den Schwachsinn nicht weg, vielleicht kann man nur den einen Schwachsinn gegen den anderen eintauschen. Deshalb muss man den Platz nicht umbenennen, momentan stehen die Wechselkurse schlecht. Schon wieder bin ich in Florenz angekommen, aber ich sehe die Stadt kaum, so sehr fehlt mir meine Frau. Nach Einbruch der Dunkelheit Zeichensprache in den Leerlauf hinein, der Wein hört auf, ein Getränk zu sein, und wird eine Beschäftigung; diese Transsubstantiation mitzuerleben, kann ein Zauber des Aperitivo sein. Der Stolz in den Augen baut gegen den Verfall, dort sind wir angreifbar, und wenn wir verfrüht altern, ist vielleicht zumindest gewonnen, dass wir dem Heiligen Geist entgehen und seinen Gärten aus Klingen, seinen Plätzen aus Schönheit. Der eigentümliche Irrsinn. Aber der Grundriss tröstet mich immer wieder und von Neuem. Eine Rationalität von solcher Durchschlagskraft kann kein Aberglaube aushalten. Es ist der Mensch, der über sich selbst überglücklich überschnappt. 900. Denn die mystische Bedeutung der 900 besteht in der Rückkehr der Seele zu sich selbst in musischer Raserei, schreibt Pico an Benivieni, am 12. 11. 1486, .als an der Kirche immer noch gebaut wird.


(Florenz, Santo Spirito)


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