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Timo Brandt: Das Gegenteil von Showdown

Rezensionen/Verlage


Stefan Hölscher

Timo Brandt: Das Gegenteil von Showdown. Gedichte. Innsbruck (Limbus Verlag) 2020. 96 Seiten. 15,00 Euro.

Wohin der Blick sich wendet


„Das Gegenteil von Showdown“ ist der Titel von Timo Brandts neuem, im Limbus Verlag erschienenen Lyrikband, und mit diesem Titel gibt der Autor den Lesenden gleich einen Impuls zum Innehalten; denn was könnte das Gegenteil von Showdown sein? Ist es ein Ende, bei dem nicht geschossen wird, sondern man/frau sich vielleicht liebevoll, mitfühlend oder versöhnlich umarmt? Ist es vielleicht gar kein Ende, sondern ein Übergang zu einem weiteren, möglicherweise noch unbestimmten Teil der Geschichte? Oder ist es sogar erst der Anfang einer Geschichte, und was für ein Angang wäre das dann …?  Die assoziativen Möglichkeiten, in die der Titel tragen kann, ähneln vielleicht den von einem Zentrum ausgehenden und in ganz unterschiedliche Richtungen laufenden, zum Teil sich dabei auch überkreuzenden Strahlen auf dem Cover des Buches, dessen schöne Farb- und Formgestaltung mit hellblauem Hintergrund und orangefarbenen Strahlen einen auch an die Vielgestaltigkeit von Routen auf dem Meer oder am Himmel denken lassen kann. Oder einfach an Sonnenstrahlen.

Das Lektüreerlebnis von Timo Brandts Buch startet also durchaus schillernd und vielversprechend. Ich habe mich gleichwohl mit einem größeren Teil der in dem Band versammelten Gedichte nicht ganz leichtgetan. Zunächst aber ein Blick auf den anderen Teil, der mir wirklich gut gefallen hat. Da gibt es Gedichte, die einen sofort mit spielerischer Leichtigkeit für sich gewinnen können, zum Beispiel:

Sterne für Daniela Chana

So einfache Sachen wie Plätzchen stechen,
Dinge nicht biegen, damit sie nicht brechen,

mit nackten Händen im Erdreich wühlen,
schwimmen gehen und Bierdosen kühlen,

so wenig wie möglich in Neuschnee treten,
Unkraut säen anstatt es zu jäten,

bei Rot über die Straße gehen

und nachts die Sterne wie Tereschkowa,
die Sterne,           wie Ovid sie sah,

und nachts die Sterne, ohne wenn
und aber,

am ganzen Himmel sehn.
                                   
Oder, von der Bildlichkeit gar nicht so weit entfernt, das Gedicht „Dachsegen“, das mit scheinbar einfachen Worten die Welt eines Nachts-aufs-Dachkletterers beschreibt:

Nachts klettere ich manchmal aufs Dach.
Das Universum ist so durcheinander.
Von den anderen Häusern wehen Zahlen herüber,
doch ich weiß nicht, was sie bedeuten
(auch wenn sie so klingen) …

Hier entsteht Poesie, die auch den Blick der Lesenden öffnen und ihren Resonanzboden in Schwingungen versetzen kann. Von solchen Texten, die leider erst in der zweiten Hälfte des Buches in nennenswertem Umfang auftauchen, hätte ich mir viel mehr gewünscht. Was diese Texte eint, ist ein lyrischer Blick nach draußen – in die Welt. Und wunderbarerweise lassen sie dann Inneres erklingen.

Was die anderen Texte, mit denen ich mich schwerer getan habe, eint, ist ein suchender, sehnsüchtiger, oft auch schwer melancholischer Blick nach innen, bei dem aber nicht immer allzu viel Lyrisches sichtbar wird.

Geradezu auf den Punkt gebracht werden diese unter-schiedlichen Wahrnehmungs- und Schreibrichtungen in dem kleinen Text:

Wien, Lerchenfelder Straße

Ich blicke hinaus.

Der Verkehr geht,
Eindrücke stehen.
Der Sehnerv sagt:
Leben. Bewegung.

Woher kommt der Wunsch,
das alles zu verstehen?
Mein Wunsch, mehr zu sehen,
als ich sehe?
                       
Das lyrische Ich schaut nach draußen, landet innen bei einer, wie man wohl sagen darf, gediegen existenzphilosophischen Frage – und mit deren Benennung endet das Ganze dann auch und lässt Ich und Leser ein wenig ratlos zurück.

Eine Hauptschwierigkeit der den Blick, wie gebannt, nach innen richtenden Gedichte in der Sammlung scheint mir zu sein, dass sie zum einen zu viel wollen, mit Bedeutsamkeit aufgeladen sind und zum anderen mit psychologisierenden Begriffen oder zu abgegriffenen Metaphern linear benennen, was es lyrisch zu beschreiben und zu umspielen gelten würde, wie etwa hier:

Ehre denen, die Liebe und Hoffnung verbreiten,
auch wenn es ihnen oftmals Spott beschert.

oder hier:

Ich liebe die Wahrheit, die
in der Tiefe bleibt
und die man nicht hervorholen kann.

oder hier:

die Herzen die Kerzen der vergangenen Schmerzen.

oder hier:

Vorübergehende, ich küsse euch
mit einem Wort, mit einer Furcht
in der Grube meines Herzens,
wo ich kämpfe
                           mit mir selbst.        

Würde der Autor an solchen Stellen beispielsweise mit verschiedenen Ebenen spielen und dadurch auch wieder einen guten Abstand zum Herz-Schmerz-Vokabular herstellen, könnte auch dessen Verwendung wieder spannend werden. Dass Timo Brandt Gedichte, die leichtfüßig daherkommen, fast schweben und gleichzeitig tiefsinnig sind, zu schreiben vermag, zeigt er ja in Texten wie den am Anfang erwähnten. Es scheint mir so: Je hermetischer der Autor in sich reinhorcht, je mehr er nur da sucht, ersehnt, vermisst und das Vermisste besingen will, desto weiter entfernen sich seine Texte von Poesie, auch wenn sie durchgehend literarische, lyrische Bildung bekunden.

Ich habe das Buch insgesamt als Ausdruck eines Autors wahrgenommen, der stark auf der Suche ist: auf der Suche nach Begegnung, auf der Suche nach Einklang und vor allem auf der Suche nach sich selbst. All das ist nicht nur legitim, sondern mutig, vor allem auch, wenn es sich in so klar greifbarer Sprache artikuliert wie bei Timo Brandt. Und in diesem Sinne hat mir das "Gegenteil von Showdown" imponiert.


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