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Timo Brandt: Das Gegenteil von Showdown (2)

Rezensionen/Verlage


Kristian Kühn

Timo Brandt: Das Gegenteil von Showdown. Gedichte. Innsbruck (Limbus Verlag) 2020. 96 Seiten. 15,00 Euro.

Schönheit als Wunde


Was ist das Gegenteil von Showdown? – wenn kein Duell stattfindet, kein sich messender Machtkampf, kein Ritual, kein Präsentieren von Gegensätzen. Ein Kuss jedoch ist beides – Showdown und sein Gegenteil, die Verschmelzung. Alle diese Punkte werden im dritten Gedichtband von Timo Brandt behandelt. Auch das Fehlen von Präsenz danach. Der Titel „Das Gegenteil von Showdown“ ist programmatisch gemeint.
    Brandt, sein Mitgefühl, seine Verletzlichkeit vorausgesetzt, will mit seinem neuen Band eine Bresche schlagen für Verständigung und Verständnis, ja Kommunikation überhaupt, Seelentiefe, obwohl sie als Werte uns, auch in der Lyrik, zunehmend abhandenkommen und die Bereitschaft mehr und mehr fehlt, sich zu öffnen. Doch bei einem Buch ist das vielleicht noch möglich. Dabei ist er nicht naiv, eher wehrlos:

„Allein mit deinem Blick könntest du mich
                           kreuz und quer durchs Zimmer werfen.“
(„Liebesgedicht“, S. 7)

Und dabei weiß er auch, dass Menschen Masken tragen, Schutzmasken, die sie im Alltag nicht ablegen, und auch er eine in seinen Gedichten vorgibt:

„Was ich verstaute in meinen Gedichten
wurde unter meiner Maske entnommen
und wird sich unter deiner neu errichten.

Dein Antlitz werd‘ ich nie berühren
und dir die Maske nicht entreißen.
Blindlings werde ich dich führen
Wie du es nennst, so soll es heißen.“
(„An“, S. 8):

So ist aus den Texten ein Doppelaspekt herauszulesen. Auf der einen Seite das Sensible, die Angst vorm Ende eines Glücksgefühls, das für Brandt Nähe bedeutet, Intimität. Und, wen wundert’s, er mag dabei keinen Streit. Auf der anderen Seite will er dennoch durch die Maske zum Wesenskern des Spiegelbilds dringen. Sieht das Gegenüber als „schutzbefohlen“ – Freundschaft scheint für ihn immer auch Seelenführung zu sein, so wie Platon die dialektische Führung bei Sokrates beschreibt, das Gegenüber so zu befragen, dass es selber an den eigenen wunden Punkt gerät. Das Gegenteil von Showdown wäre dann die Selbsterkenntnis.

Sein Gedicht „Thermopylen“ nimmt Bezug auf Konstantinos Kavafis und dessen gleichlautendes Gedicht. Es handelt sich dabei um jenen Engpass (in der Bibel vielleicht das Nadelöhr), wo die Spartaner ihrem hundertfach überlegenen Gegenüber, der eindringenden Perserarmee, den Zugang ins Innere blockieren. Kavafis beschreibt (1903) in seiner Fassung ethischen Verhaltens, was rühmlich ist:

„Ruhm denen, die in ihrem Leben
Thermopylen bestimmt haben und bewachen,
Die nie von ihrer Pflicht weichen,
Gerecht und ehrlich in ihren Taten,
Stets nachsichtig und mitleidend,
Großmütig, wenn sie reich sind, und wenn arm,
Freigebig nach ihren Möglichkeiten
Und so hilfsbereit wie möglich.
Stets sagen sie die Wahrheit,
Doch ohne Haß auf jene, die lügen.“                  

Und Brandt: (S. 11), der sich darauf konzentriert, „glücklich zu sein und andre zu verstehn“:

„Ehre denen, die trotz des Absehbaren
für das Mögliche kämpfen und es vorbereiten;
die erkennen, dass es eine Karte ist,
die wir mit allen Entscheidungen zeichnen.

Ehre denen, die Liebe und Hoffnung verbreiten,
 auch wenn es ihnen oftmals Spott beschert.
Die jene Unsicherheit nie erreichen,
 in der nur noch Falsch und Richtig existiert.                

Brandts Gedichte sind zwar nicht naiv, jedoch gefühlig, verwenden eine schlichte Sprache, gerne Binnenreime, simpel fast kindlich, wie eine Maske:

„Eine Flasche Wein kriegt sich
Manchmal gar nicht mehr ein, wenn sie
exquisit genannt wird.“ (Das ist ein schlechtes Gedicht, S. 47)
  
In „Keine Kunst“ (S. 62) begründet er sein poetisches Credo, mit Gedichten die innere Tiefe als Wahrheit zu suchen, auch wenn das Spott und Unverständnis hervorrufen könnte: „von dem ich/ dennoch wusste, dass es wahrer ist// als jeder Vers, der innovativ/ wirkt und so bejubelt wird.“

Sein anfängliches „Liebesgedicht“ (S. 7) endet mit den Zeilen:

„So etwas soll unser Du und ich nicht sein; ich möchte
                           anfangen wie ein Kinderlied
                  und enden auf jeden Satz, der mir sagt, dass es
                                     viel schöner ist, dich zu lieben,
als dich nicht zu lieben.“
    
So ist seine Poetik der frühen Romantik angelehnt. Etwa Samuel Taylor Coleridge wäre ins Feld zu seiner Verteidigung zu führen, mit diesem „Kardinalpunkt der Poesie“, „das Mitgefühl des Lesers“ auf „das Verändern der Imaginationsfarben“ zu richten. Auf einen Stil der „momenthaften willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit“ (Coleridge: Biographia Literaria, Kap. 14) beim Lesen. Auch natürlich Novalis wäre anzuführen mit dem Appell, unseren Alltag zu poetisieren, was auch Brandt anklingen lässt, etwa wenn er hinweist auf „das Abheben der Formen“ (Abhänge 1, S. 86), und das „Kostbarmachen aller greifbaren Substanzen“ (ebenda). Aus heutiger Sicht gibt es drei Referenzen, die man mit Brandts Arbeit vergleichen könnte: Mascha Kaléko, Richard Brautigan – die beiden von ihm hoch verehrt – sowie (im Augenblick ein wenig passé und im anderen Kaliber) Khalil Gibran.

Brandts Gedicht „I.1.“ (S. 46) beginnt frei heraus mit:

„Ich und meine Versuche,
                  noch einmal zu erreichen,
        was unerreichbar und deshalb
 schön ist. Denn das Schöne wird uns nie
                                              gehören.

Ich liebe die Wahrheit, die
in der Tiefe bleibt
 und die man nicht hervorholen kann.

Daran zu leiden, zu wenig zu senden
 - und es gelingt, den Schmerz zu überwinden.“                      

Diese Schönheit, um die es Brandt als „Sendung“ geht, erscheint zugleich als Wunde, ist Endpunkt einer Wanderung durchs Leben, ist ein Zuhause, das es hier nicht gibt. In „Empfindungen VI“ (S. 73) heißt es dazu:

„Das Schöne ist unerschöpflich, allein schon ein Punkt
auf seiner Oberfläche ist Grund
für eine Tiefe, in die du weder hinab noch aus der
du heraufkommst, heraus schon gar
nicht. Du bist Wunde, gelegt darauf, ins Licht.“        

Sein „Lob des Regentanzes“, S. 59, endet:

„Missverstehen werden wir uns eh
auf Dauer. Heute will ich einschlafen,
eingerollt in den Gedanken an dich und
mehr Zeilen wie Küss mich im Regen.

Das Küssen als Extrapolation, über den physisch-sinnlichen Bereich hinaus, ist für Brandt ein Küssen der Übertragung. Brandt bekundet damit nicht nur Freundschaft, Liebe, sondern es gibt dabei auch diesen Aspekt des Kusses, der aufdringlich ist, weil damit eine Ansicht übertragen werden soll, eine Weltanschauung. Damit sind wir bei dem, was Brandt gern „Gebrauchsliteratur“ nennt, bei Kaléko etwa – ein hässliches Wort, aber Brandt hat es selbst eingeführt in seinen Rezensionen (zu Hornauer, Breitenbach, Kaléko) – ihr Inhalt will etwas vermitteln, einem Gegenüber – in dieses eindringen, z.B. eben mit diesem Kuss der Teilhabe – doch letztlich will Brandt damit in sich selbst eindringen, sich selbst infizieren. Das merkt man besonders in den Momenten von Trennung, nach der Begegnung, da verweilt er noch – da nimmt er die Teilhabe sozusagen mit sich allein. Denn Vereinigung ist für ihn eine übergreifende Liebe, letztlich eine ohne Objekt der Begierde – ein pantheistischer Zustand.
    In „Tanz auf der Straße“ (S. 20) endet es:

„Komm: lass uns nach Hause gehn …“   

Diese Sehnsucht nach Heim, Geborgenheit, einer pantheistischen Heimat schwingt in jedem Erlebnis von Schönheit mit, Brandt ist sie ein Hafen, wie es im Gospel „The anchor holds“ so schön heißt, auch wenn das Schiff zerschellt.

„There is a harbour you should visit.
Siehst du den Leuchttum, der hellste an der Küste,
it is beautiful, isn’t it?“
(„Shipness“, S. 42)      

Vladimir Nabokov sagt in seinen Lectures on literature, 1982 (über Franz Kafka: Die Verwandlung):

"Schönheit und Mitempfinden - näher können wir einer Definition dessen, was Kunst ist, nicht kommen. Wo Schönheit ist, gibt es auch Mitempfinden, einfach deshalb, weil Schönheit sterben muß: Schönheit stirbt stets, mit dem Dargestellten stirbt die Darstellung, die Welt mit dem einzelnen."

Schönheit ist Wunde. Brautigan, den Brandt so schätzt, ist immer auch albern (Brandt nur gelegentlich: „Und dich holt ein, sekundenklein“, S. 61), ist immer auch schlimm und schön zugleich. Beide haben diese Leichtigkeit - Brandt fehlt jedoch Brautigans Zug zum Exaltierten, ebenso wie dessen Ausflüge in den Humor als Lösung, die versteckte Brüchigkeit, dieser Rausch, ist bei ihm mehr ein Verlangen, etwas Ersehntes. Doch auch das, in unserer hochmütig verbiesterten und zugleich verrohten Zeit, muss einmal gelobt werden, auch wenn ein realistischer Leserkreis, der diese oben genannte „momenthafte willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit“ nicht einhalten kann und sich durch die Geballtheit gefühliger Texte an Kitsch erinnern fühlen wird.
    Fazit: Ein leichtes, schnellgelesenes Buch – zum Verschenken an Leute, die man mag. Mit der Intention, ihr Herz zu berühren wie Gibran, Kaléko, Brautigan.

In „ein lächeln“ (für José F. A. Oliver) (S. 17) heißt es:

„ein lächeln geht auf
wie die sonne wie türen wie blüten wie
langersehnte anrufstimmen zu dir dringen“

Und in der Danksagung zum Schluss:

„Und Dank für jedes Lächeln auf euren Gesichtern.“


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