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Timo Brandt: Dachsegen

Gedichte der Woche
Timo Brandt

Dachsegen

Nachts klettere ich manchmal aufs Dach.
Das Universum ist so durcheinander.
Von den anderen Häusern wehen Zahlen herüber,
doch ich weiß nicht, was sie bedeuten
(auch wenn sie so klingen).

Tagsüber klettere ich nie aufs Dach.
Die Leute sehen mich dann
und das verwirrte Universum
kreist einen Moment um mich
(und das mag ich nicht).

Ich sehe selten andere,
die auf die Dächer klettern
und von hier oben kann ich
schon einiges erspähen
(was ihr mir glauben müsst, unbesehen).

Vielleicht ist dieses Hinaufsteigen
auch nur ein Versuch dem Boden zu entgehen,
der überall ist, in dem ich am Ende
liegen werde, für ein paar Momente
(hier oben steck ich einen Finger in die Zeit).

Ringsum sehe ich trotzdem: Dächer, Dächer.
Gewiss: sie decken. Aber sie liegen auch da.
Viele sind leer, wie auch das Meer oft leer ist.
Viele sind alt, wie auch die Neuigkeiten alt sind
(hier oben stoße ich mit keiner zusammen).


In Timo Brandt: Das Gegenteil von Showdown. Innsbruck (Limbus Verlag) 2020. 96 Seiten. 15,00 Euro.

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