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Tim Trzaskalik: Western

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Kristian Kühn

Tim Trzaskalik: Western. Berlin (Matthes & Seitz) 2022. 174 Seiten. 22,00 Euro.

„DIE LEINWAND IST DURCHLÖCHERT“


Tim Trzaskalik gebraucht in seinem Langgedicht „Western“ das Wort „Kugelschreiber“ im doppelten Sinne, sowohl als Kugeln verbreitender Revolver, als auch für die Dichtenden, als Metonymie für sie. Sie schreiben Kugeln. Sie revolvieren danach. Und auch der Western als Begriff bezieht sich nicht nur auf das Film- oder Comic-Genre, nach Angabe (S. 167 ff.) sind 64 Filme kondensiert und „eingefädelt“, sondern auf den ganzen Westen, die westlichen Vorstellungen von literarischen Motiven, von einer alten und einer neuen Sichtweise, die sozusagen metaphorisch zum Duell antreten. Und hier wiederum interessiert ihn der Verfall der Poetiken, der zweiten Ebene, das Showdown gängiger und neuumkämpfter Kugelschreiber, wie sie kugeln, sich gegenseitig dekonstruieren, es ist ein Autopsiebericht.

„Ein gewehr und ein pferd. Das genügt.
Um seinen john wayne zu machen.
john wayne: Sein, was man nie war,
aber immer schon werden wollte.
Anti-poesie.“ (S. 93)
    
Und doch ist das Gedicht generell und hier besonders „Impfstoff“ (S. 28)
So schreibt, wer schreibt, immer „die kehle entlang“ (S. 42), wie einst der Barbier, der mit dem Messer vorm Spiegel den Feind einseifte.

„Im naturalistischen heute
herrscht sentimentalische einfalt.
Neo. Neo. Post.
Aber dilemma hat standhaftigkeit.“ (S. 100)
       
Der Western als Sujet für eine poetologische Abrechnung mit der Jetztzeit ist raffiniert – zum einen kann man ein bisschen mehr Auflage erwarten, allein von den Kinogängern, aber auch von jenen vielen, die einen Untergang des Westens erwarten bzw. mithelfen, ihn zu beschleunigen oder zu verhindern. Im Westen geht die Sonne unter, und der Sonnenuntergang wie auch die frühe Morgenröte stehen* – neben Pferd, Sporn und Cowboyhut – als Bilder tief in uns eingemeißelt, auch wenn die bisherigen Western zumeist als gekünstelte Studioware, als obsolet gelten, obendrein hoffnungslos in ihren Rollenverteilun-gen veraltet:

„Ich bin eine frau, wo ist mein haus?
Ich bin eine frau, wo sind meine kinder?
Ich bin eine frau, wo ist mein mann?  (S. 135)

Und doch hat der Western – wie so vieles, was an Poetik aus Amerika kommt – eine auf das Niveau von 12-Jährigen reduzierte klassisch antike Struktur, vereinfacht natürlich, soll ja ein Erfolg sein, Aristoteles light. Trzaskalik zerlegt auf seine Weise, teils fugenartig wiederkehrend, teils in klischeehaften Schnipseln, teils in humorvollen Abstraktionen, die sich bis zur Unkenntlichkeit eines Narrativs annehmen und es sprachkritisch ausweiden, das Schema des Westens. Plan, Ausbreitung, Konflikt, Wechsel des Plans, werbewirksames Showdown. Spiel mit dem Abgrund, Tod den Einen, Erhalt der Anderen. Erfolg.

„Western ist lyrisch. Nicht episch.
Baut unzünftig mit und auf sand.“ (S. 27)

Kugelschreibers Schreibschüsse und Geistesblitze. Abstraktionsgrade. „Der stoff ist im gedicht wie das salz im meer.“

Nun ist es so: wenn man einen handfesten Konflikt aus dem Zusammenhang sondert und abstrahiert und dekonstruiert, bleiben Hohlformen der Kommunikation, Mann ersticht Frau, vergisst das Messer, wird verurteilt und gehängt. Aber zum Glück zerbricht der Schemel, weil ein Tölpel sich darunter versteckt hält und die gestohlenen Pferde noch nicht zurückgegeben hat, und so können die beiden fliehen und sich nach vielen Verfolgungen in Sicherheit bringen. Vielleicht erwacht die Frau auch noch zu neuem Leben. Als Geliebte stelle ich mir Meghan M vor, falls man sie gewinnen kann, als Mann, na, vielleicht Will Smith. Was? Ist der nicht zu alt? (Die Besetzung wird in jedem Fall zum Stolperstein, deshalb muss man genau wissen, wen man anpitcht, derzeitige Vorlieben kennen und auch Alternativen parat haben). So geht das mit den Western im Fahrstuhl, wenn die Produktionschefin drei Stationen mitfährt. Dann muss sie an den Haken des Projekts gepitcht werden. Sonst wird das nichts. Vielleicht will sie noch wissen, um welchen Konflikt es sich handelt, und ob es vor dem Galgen noch einen Turning Point gibt, usw. Aristoteles light, vor allem problematisch halt, dass das Sujet auf Anhieb wenig frauenaffin zu sein scheint. Da muss man noch mal drüber.

Anders hingegen Trzaskaliks Western als Langgedicht. Er abstrahiert auch den Konflikt. Konflikte gibt es im Westen genug, sie sind austauschbar. Wir brauchen den mit den gestohlenen Pferden auch nicht, selbst Tarantino weicht da auf Erinnerungen von Erinnerungen aus. Er hält mit Worten und Narrativen Abstand, er zieht nicht rein ins Bild, wie man es beim Film tun würde, sondern raus aus dem Klischee. Hier liegen die Konflikte bei den Schreibenden und den Kugelschreibern, sie produzieren Konflikte, deuten sie an, ohne sich selbst, die eigene Apparatur und Mechanik mit einzubeziehen, aufzubrechen. Das Duell findet bei Trzaskalik quasi mit sich selbst statt. Es revolviert. Am Kugelschreiber. Zwischen Wahrnehmung, Imagination oder Wahn und Vorurteil. Die erste Szene läuft sehr schnell ab – wie etwa bei Alain Robbe-Grillet in „Projekt für eine Revolution in New York“. Sie wiederholt sich in Varianten, bleibt aber immer unbebildert, weil eine Wand davor ist. Da Trzaskalik teils in Frankreich lebt und auch den Beginn der französischen Moderne besser als viele andere kennt, und auch als Übersetzer tätig ist, gehe ich mal davon aus, dass seine Bilder, umgekehrt, erst zerstört, und dann (wie bei Mallarmé mit den Worten, die aus der Leere kommen) durch den Entzug der Bildhaftigkeit eines Motivs hervorgerufen werden sollen. Doch manchmal verkleinert abstrakte Sprache auch das Bild der Sprachfindung.

Das gedicht, dem alles fremde
ausgetrieben ist,
steht heute hoch im kurs.
Zumal wenn „wir“ in ihm
Erbauliche hügel klimmen.“
(S. 15, Anfang des Vorgedichts)

Von Angesicht zu Angesicht. Gewidmet ist das Langgedicht Trzaskaliks, das jede Naturromantik von sich weist, einer Frau, der berühmten Kunstschützin, Annie Oakley. Sie trat als Schaustellerin in der Buffalo-Bill-Show auf, als der Westen schon eingenommen war und der Osten Amerikas triumphierte. Und der Westen nur noch ein mythisches Signal war. Ein Schuss in die Mitte von Sehen und Veränderung.

Ein Zeichen der Zeichen? Trzaskalik geht in seinen Widmungen zu Anfang auf Aristoteles ein, der über Prosa und Lyrik nur weiß: „Die Kunst aber, die nur durch Sprache nachahmt, Prosa oder Vers, verschiedene Verse vermischt oder Verse ein- und derselben Art, ist bis heute namenlos geblieben.“

Und letztlich, das ist klar, ist der Western eine auf das Amerikanische hin abgespeckte Tragödie und soll damit eine Erkenntnis bzw. Selbsterkenntnis fördern. Zumindest eins dabei scheint plausibel, Dekonstruktion eigener Probleme kann auch Spaß bringen – „Zeit für eine ernste selbstparodie?“ (S. 15).

Und so wird wohl der Plan Trzaskaliks Läuterung durch Spaß und feine Ironie gewesen sein. Manches seiner heiteren Kritik am derzeitigen Schreiben basiert, denke ich, auf seiner Arbeit als Lektor. Kurzweilige Gedankengänge, aber auch so fugenartige Wiederholungen, wie bei Filmen von Jacques Rivette. Wo man nicht weiß, sieht man noch, oder träumt man schon in einem anderen Film. Das ist das Problem dieses Langgedichts – es gibt keine französischen Western, nur Kavaliers- und Degenfilme. Es gibt auch keine deutschen Western, von Winnetou und Karl May abgesehen. Und von Bully Herbig, um ihn nicht zu vergessen. So wirkt das Kurzweilige manchmal angespannt und ein wenig gegerbt. Es muss erst imaginiert werden. Was mich betrifft, beim Rezensieren stelle ich fest, in die Rolle der Rekonstruktion zu verfallen. Als Erhalter dessen, was man greifen und fassen könnte, ohne es schon zu verstehen. Und ich denke, das ist auch das Selbstverständnis eines Redakteurs oder Lektors wie Tim Trzaskalik.

„Und reiten los.“ (S. 5)


* Porphyrios: Grotte der Nymphen in der Odyssee, 29: "Ein Kardinalpunkt ist über der Erde, einer unter ihr, einer im Osten, einer im Westen, einer ist licht, der andere dunkel, so ist auch die Nacht im Gegensatz zum Tag. Und so liegt eine harmonische Spannung im Gegensätzlichen, und zurück-schnellend durchbohrt sie mit dem Pfeile das Gegenüberstehende."


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