Thorsten Krämer: Abranzen
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Franz Hofner
Thorsten Krämer: Abranzen. Gedichte & Blaupausen. Wuppertal
(yeh.de) 2025. 88 Seiten. 15,00 Euro.
Abranzen
Ein fetter Titel, den sich Thorsten Krämer für sein Büchlein
ausgesucht hat, - ein Wahlprozess, so stelle ich mir das vor – wie vielleicht
Limp Biscuit ihren Bandnamen aussuchten, um die gar zu Sanften gar nicht erst
anzulocken. Und fürs rauere Publikum die Erwartung auf entsprechende Beats und
Licks zu wecken. Krämer oder yeh.de, gut präsent in den Netzen, ist nach seinem
Brüterich-Titel ‚The Democratic Forest‘ auch mit seinem anonym bei roughbooks
(mit dem kleinen Spoiler „Wuppertal, Berlin, Schupfart“) veröffentlichten Werk
„Dieses Buch trägt diesen Titel“ bekannt geworden.
Was es nun mit dem im Oktober 25 erschienen Büchlein erst mal zu toppen gilt, eine
souverän bewältigte Challenge für Krämer, denn er stellt neben „14
unveröffentlichten Gedichten“ tatsächlich „14 ungeschriebene Gedichte“ vor,
konstituiert eine Art lyrische Prä-Existenz für Texte, denen, so scheint es, in
noch tiefgreifenderer Weise der Autor abhanden kam, als es ein nur namenloser
leisten könnte.
Das Büchlein hat titelkonform ein sehr ansprechendes Design;
die charmante Fotografie einer fettig-fleckigen omnibusabgasgrauen Wand begrüßt
die LeserIn (oder habe ich mein Exemplar mal im Tran neben der spritzenden
Pfannkuchenpfanne abgelegt?) und ein leerer Dübel harrt darauf, dass das
Interesse sich hineinschraubt – und findet das Innere dann aber überraschend freundlich
- zugänglich durchschossen von mal kunstvollen, mal verspielten ‚Blaupausen‘,
typographisch weiß auf blau gestalteten konkreten Texten, die die
konventioneller lesbaren Gedichte umrahmen und gliedern.
Riskieren wir mal ein Öhrchen:
Was ich
noch sagen wollte: Ich kann auch anders
als die
andern, ich bin kein Typ für angemalte
Handtuchhalter.
Wenn du willst, also wenn du
wirklich
willst, dann zaster ich dir jeden Tag,
als wenn’s
der letzte wär. Ich zelebrier das
ernstlich.
Gefühle und so. Zeig mir alle deine
Regenmäntel,
ich finde für jeden einen neuen
Haken. Try
me. Gib mir dieses Vorschussteil.
Ich habe das Buch ja gelesen und kann die Bitte guten
Gewissens unterstützen. Vielleicht bin ich in Gefahr, einige Leute durch allzu-rau-rotziges Getue
abzuschrecken – blicken wir deshalb zusammen auf den allerersten Anfang, die
erste Zeile. „Mir fällt der Name der Blume nicht ein, von der hier // die Rede
sein sollte “, will sagen, ganz so böse kann eine moderne Blume nicht mehr
sein, die Versprechen der blauen Schönheit können nicht ganz vergehen, und nun
nun nun springen wir ans Ende dieses ersten Gedichts „… in der Dunkelheit
dieser Zeilen wird aber jemand /// etwas sehen, das dort eigentlich nicht zu
sehen ist, nicht // zu sehen sein kann, weil ich es nicht hier
hinterlassen // habe, sondern an einer ganz anderen Stelle.“
Ein Gedichtende ist etwas Besonderes. Anders als der Anfang,
viel sprechender, es trägt eine Last, die es selten verleugnen kann, aber,
meine Meinung, dieses Ende entledigt sich seiner Aufgabe sehr ordentlich. Was
halten Sie von einem End-Vers wie:
es sind
diese Entweder-Oder-Situationen in
Echtzeit,
die das Leben so unüberwindbar machen.
Die Frage ist ernst gemeint. Es hängt etwas Apodiktisches in
der Luft, ein leichtes Pathos oder Lyrifizierung, aber die Zeiten sind lange
vorbei, als so Verrisse begannen. Das nächste Gedicht endet mit „doch sind das
alles Fragen der // Empfindlichkeit, die sieht man uns nicht an, vielleicht
gelingt // es diesmal aber, dass man sagen kann: Wir scheitern innig.“ Sind wir in eine Welt der Bemühung geraten,
in der wir uns Sisyphos, wenn schon nicht als glücklich, so doch als innig
vorzustellen haben? Gar so ernst sind solche Figuren nicht zu nehmen, diese
Identifikatoren haben bei Krämer wie auch anderswo ihre Evokation, nur um mit
einem Fingerschnippen wieder dekonstruiert zu werden, doch ihre Schatten
bleiben.
Jedenfalls beginnt sich mit dem ‚gelingenden Scheitern‘ eine gewisse
Welthaltigkeit in den Texten auszubreiten, „also wer ist der Hetzer und wer der
/ Gehetzte, am Ziel sind sie kaum noch zu unterscheiden.“ Um unseren
Rösselsprung ein Gedichtende weiter zu treiben. Und man erkennt das doch
wieder, hat seine Arbeitswoche zugunsten der work-life-balance aufs Vier/siebtel
reduziert und verschwitzt jetzt sein business casual mehr als vorher, als hätte
man bis zum Ende des nächsten Gedichts noch immer nicht den Schuss gehört: „ …
hallo Welt, was hast du / mit meinem T-Shirt gemacht, die Nähte sind geplatzt
// wie ein Trommelfell, ja richtig, das hast du richtig gehört.“
Ich will das Endspiel nicht überstrapazieren, alles in allem
scheinen die Enden ihre Last mit Würde zu tragen und finde sie ihrer Aufgabe spielend
gewachsen. Noch will ich ignorieren, wie die Texte auch vor dem Ende Ellbogen
ausfahren und sich Luft und Platz machen, ihre Kerben ziehen. Das Wort
schmerzhaft steht mir als Sofaleser nicht zur Verfügung, aber allen, die des
einen oder anderen Berliner Fallwinds müde sind, wird die für mich sehr
erfrischende Wuppertaler Brise „innig“ nicken lassen.
… ich lese
das alles mit der Geduld
eines
Hobels, ich habe kein Verständnis mehr für etwas
anderes als Zucker, this is wrong
on so many levels.
Den 14 unveröffentlichten Gedichten folgt ein Kämmerlein
obscura, bevor das Abranzen beginnt und eine Kleine Malkunde überleitet zu den
14 ungeschriebenen Gedichten, die dem Anfang die Hand zum Reigen reichen. Ein
erfreulich rundes, munter-modernes Büchlein, das auch kurz kann:
Im
Schweigen das verlorene Echo finden: Das
mal so
stehen lassen.