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Thomas Kunst: Der Schüttelfrost in der Einzelkabine

Gedichte > Gedichte der Woche

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Thomas Kunst


DER SCHÜTTELFROST IN DER EINZELKABINE
Hätte nicht sein müssen, das zersägte Nummernschild als
Gürtelschloss hätte nicht sein müssen, wen willst du denn
Damit im Notfall beschützen, der Schwan auf der Autobahn
Hätte nicht sein müssen, Otchanganarriva hätte nicht
Sein müssen, das Auswechseln einer Glühbirne auf einem fast
Fünfhundert Meter hohen Funkmast in South Dakota hätte nicht
Sein müssen, Flugzeuge brauchen keine Bauch-
Pinselei im Dunkeln, komm wieder runter, Mike, lass
Alles so, wie du es dort oben vorgefunden hast, die
Grobschlächtigkeit deiner Handschuhe hätte nicht sein
Müssen, der als Pilot verkleidete Zirkusdirektor in
Nepal hätte nicht sein müssen, die Trennung von Masahlena  
Am Tage seines Abflugs hätte nicht sein müssen, die Holz-
Klasse über den Bergen hätte sein müssen, der Wendeldraht
Unter Glas hätte nicht sein müssen, der Notfall im U-Bahn-
Tunnel hätte nicht sein müssen, das Eifeler Schweinefleisch
Hätte nicht sein müssen, die Trauermücken am Fliegenband
Hätten nicht sein müssen, der schwarze Kamm über deiner
Pillenverpackung hätte nicht sein müssen, die Kinder der
Mütter, die Tiere der Väter, die Schwäne, die Schwäne, die
Füchse, die es mit Katzen aufnehmen, hätten nicht sein
Müssen, das Gewässer der Autobahn als Gewässer hätte nicht
Sein müssen, der Serbische Bohneneintopf hätte nicht sein
Müssen, aber der Garten, denn du weißt nie, wie ein Glück
Ohne Trotz zurechtkommen soll, unser Garten, unter all
Den Fliegern, muss sein, was nicht alles sein muss,
Bevor du abtrittst, dich im Schleim der regionalen Kontinente
Auflöst, der Rotrückensalamander muss sein, das periodische
Gesaufe muss sein, das Epoxidharz muss sein, die
Buntnesseln im Fenster müssen sein, das stille Wasser
Muss sein, das Übergewicht muss sein, die akademische
Bescheidenheit der Lyriker muss sein, was nicht alles sein
Muss, bevor du abtrittst, Otchanganarriva muss sein,
Die Bücher, aber immer müssen die Bücher sein,
Mit ihrer Eiskummerfee, ihren Ostniederungen, mit ihrer
Reiterlosen See, die Chaconne in der Kanalisation muss sein, die
Melancholischen Universitäten müssen sein, die Abschlüsse
Der jungen Wälder müssen sein, die Expeditionen nach North
Carolina müssen sein, die Lehrlingsausbildung der
Professoren muss sein, die Aufrüstung einer unbestechlichen
Hilflosigkeit muss sein, die Kassetten aus Montpellier müssen
Sein, das Leben in einem anderen Leben muss sein, das
Geländer an der Küste der Bibliothek
Muss sein, die Outer Banks müssen sein, die Lambert-
Steinwich-Schule in Stralsund muss sein, Manuela Tesch,
Andrea Holtfreter und Carola Büttner müssen sein, beim
Hochsprung, beim Fasching und beim Abi-Ball, sie müssen
Sein, die roten Haare von Karona Behnke in der Knieper-
Vorstadt müssen sein, die sturen, verschrobenen Nervenflocken
Beim Bumsen müssen sein, Milada, Yaleo, Loukha und
Jahnvi müssen sein, der Schiffsfriedhof in North Carolina
Muss sein, Swell Wood Village muss sein, die Villa 1117
Muss sein, unser Regierungsgebäude muss sein, Überwachungs-
Kameras und belgische Schäferhunde müssen sein, weiße,
Unbeschriebene, zu unterschiedlich starken Bündeln von
Schnipsgummis zusammengehaltene Papierstreifen müssen
Sein, deine oder meine Haushose muss sein, deine, was nicht alles sein
Muss, bevor du abtrittst, dich im Schleim der regionalen Kontinente
Auflöst, die nicht gegebenen Handelfmeter müssen sein, ob
Deutschland nun verreckt oder nicht, sie müssen sein, Sabine
Peleikis in der Carl-von-Essen-Straße muss sein, die Junge
Gemeinde in der Jacobi-Kirche muss sein, Claudia Fratscher,
Sylvia Schlie, Hanka Güther, Heike Zilm, Silke Schöder und  
Jutta Seibt müssen sein, oh Jutta, ist heute Montag oder Sonntag
Muss sein, die Briefe an Gott, an Gott, müssen sein,
Otchanganarriva, siebzehnter April, mein lieber Gott, ich
Glaube, ich habe dir immer viel zu wenig an deinen Unterarm
Gegriffen, um dir zu zeigen, dass du wenigstens auf halber
Höhe mit meiner verlegenen Aufmerksamkeit rechnen kannst.
Was nicht alles so weitergeht, wenn du schon nicht mehr kannst und
Dein Körper endlich auf sein schwächstes inneres Klima stößt, Gottes
Unterarm geht weiter, die Gebete mit der Holzklasse gehen weiter,
Dein schwarzer Kamm, der schwarze Kamm im Badezimmer geht
Weiter, geht schwarz und im Badezimmer, geht weiter, geht
Weiter, die Legende von der Dorfkapelle geht weiter, die
Letzte Flasche Puligny-Madrechon geht weiter, geht grün an den
Stränden, geht weiter, geht weiter, deine Zähne eignen sich gut
Für die Ferne, geh zu deinem Strandkorb, es war doch so schön,
Horizontniederungen, alles mögliche, Möwen vor der Abschluss-
Prüfung, alles mögliche, Floating Cabins, alles mögliche, ich
Habe Schiffe mit Licht gesehen, diese polierte
Dunkelheit zufriedener Einschusslöcher, Leolana III muss
Sein, Anarene, der Ausgang im Kosmos muss sein, nicht ganz so
Hoch wie in Amerika, aber er muss sein, komm wieder runter, Mike,
Lass alles so, wie du es vorgefunden hast, pistazienhaft
Und roh, das Mikadogestrüpp der Funkmasten, die
Metallsahne der Stahlüberzieher, das waren wohl die
Seetüchtigen Fetzen eines hinausgeschleuderten
Paradieses, die Fritz Heckert muss sein, wenn nur noch zwei
Schiffe auf diesem nächtlichen Meer unterwegs wären, ein
Schiff mit dem Namen MS Freundschaft und das andere
Unter dem Namen Justus von Maurik, auf welchem dieser
Frachter würdest du wohl lieber sagen, leg dich schon hin, wenn
Du mich suchst, ich bin noch auf dem Oberdeck, bei allen meinen fest-
Gewachsenen Sternen, ich habe die wenigen Lichter auf dem Meer
Gesehen, meine Blicke zu diesen Booten sind wirklich gezählt, aber
Was zählt schon die Reichweite, das irritierte Blut in der Brust, wenn
Diese Schiffe nach dir einfach ungesehen weitergehen, mit Neon-
Münzen an Deck, aber nicht ganz so hoch wie in South Dakota, die
Boote und Flugzeuge, Horizontgebirge, alles mögliche, ich
Hasse ein Meer, das nach mir weitergeht, mit seinem Möwenpack,
Seinem Schaum und seinen dunklen, aufgedunsenen Erkältungs-
Schüben, die Straßen werden kürzer, die Länder werden enger, die
Inseln werden dürftiger, je nachdem, von welcher Seite aus sich
Sand und Stein und Strandkorbschalen nur allzu leicht auf ihre
Schwimmerqualitäten stützen, der Regen, die Flut, die abgesonderten
Wintergärten, wie kannst du nur allein so an den Fenstern
Stehen, ich merke doch, wie dir die Küchentür langsam aus-
Geht, ich höre doch, wie du andauernd dein zweites Glas Wein
Benutzt, ich sehe doch, wie der sauber gescheitelte Besteck-
Kasten in dieser Zeit dein Ein und Alles gewesen sein
Muss, die Messer auf der einen Seite, die Messer in der
Mitte, die Messer auf der anderen Seite, ohne dich würde ich
Meine Brote wahrscheinlich noch immer mit einem Korkenzieher
Bestreichen, es war sensationell von dir, meine Schubfächer
Endlich von diesem ganzen Zeug zu befreien, das man in all den
Jahren doch nur deshalb solange aufgehoben hat, weil man
Denkt, es strebe in seiner ewigen, vor sich hin dümpelnden
Zwischenlagerung endlich seinen wahren, elementaren
Funktionen entgegen, das sinnlose Aufheben von Gegenständen
Hat immerhin den Vorteil, dass diese Dinge damit einer
Feineren Verwendungssterblichkeit aus dem Wege
Gehen, ich werde auch weiterhin alles aufheben, was ich noch
In diesem Augenblick scheinbar nicht mehr richtig gebrauchen
Kann, ich werde die Flaschenkorken aufheben, für mein russisches
Handwerk, Bewegungsblocker in den Jalousinenschienen, in
Scheiben geschnittenes Unterlegholz für schiefe Regale, Mutter-
Ersatz an Windspielen im Garten, weil wir die Schraubenenden
Im Gras nie wiederfinden, ich werde das Ende meiner Bücher in
Lagerhallen aufheben, ich werde Das Paradies von Guibert
Aufheben, die Holzklasse über den Bergen, dem
Meer, den Staub auf dem Plattenspielerdeckel für alle
Pulloverärmel, die Schulterlilie von Lady de Winter, Die Krebskönigin
Von Landolfi, die rührseligen Autofiktionen bei den Spielen um die
Deutsche Hallenmeisterschaft, alles von Landolfi, ich werde Closing
Time von Tom Waits aufheben, Astral Weeks von Van Morrison,
The Allman Brothers at Filmore East, Jesus Blood Never Failed Me Yet
Von Gavin Bryars, Spirit of Eden von Talk Talk, die Soloplatte von
Mark Hollis, Brandig von Eigner, Locus Solus von Roussel, Schule der
Arbeitslosen von Zelter, Der graue Peter von Zschokke,
Die Betoninsel von Ballard, Kapitulation, Der zerbrochene Schlaf und
Gebete in die Gottesferne von Herhaus, Löwenherz von Monika
Helfer, Siebentürmeviertel von Feri-San, Wodka und Messer von
Arturo-San, Neunzehnhundertfünfundsechzig, Schwarzland, L´Atelier  
Und Große, beruhige Körper von Ulrich Zieger, When von Vincent
Gallo, Licht von Christoph Meckel, alles von Zieger, Die Reise von
Bernward Vesper, Nachspielzeit von Jürgen Becker, Ich hielt meinen
Schatten für einen anderen und grüßte von Drawert,
Das erste Buch von Grabinoulor von Pierre Albert-Birot,
Fragmente einer Sprache der Liebe von Roland Barthes,
Der Tag am Strand von Heere Heeresma, alles von Meckel,
I.M. von Connie Palmen, Briefe an Hartmut von Rolf-Dieter Brinkmann,
Schlaflose Schönheit von Robert Kelly, die Tagebücher von
John Cheever, Geometrischer Heimatroman von Gert Jonke,
Gesammelte Erzählungen von Kurt Kusenberg, Schall und Wahn von
William Faulkner, Bestiarium von Cortazar, Selbstportrait in einer
Streichholzflamme und Warum wir die Frauen lieben von
Cartarescu, Der Beweis von Aira, Wenn es nicht mehr wichtig ist von
Onetti, die Cahiers von Valerý, Leben und Zeit des Michael K. von
Coetzee, alles von Böhmer, Die Ameisen von Boris Vian,
Fast nur Männer, ich werde alle Frauen aufheben, Djuna
Barnes, Adelheid Duvanel, Elizabeth Bishop, Lydia Davis,
Emily Dickinson, Sylvia Plath, Anne Sexton, Ingrid Mylo, um
Nur einige zu nennen, ich werde tii ilo von Mari Kalkun
Aufheben, Cloudbusting von Kate Bush, Little Girl Blue von
Janis Joplin, die Platten von Sufjan Stevens, Neshamah von
Tim Sparks, Friday Night in San Francisco von John McLaughlin
Paco de Lucia und Al Di Meola, die Counting Crows, fünfzig
Männer, siebzehn Frauen, eigentlich einundfünfzig Männer, ich habe
Lieber gleich gezählt, hysterisch und weltabgewandt, irgendwer fehlt
Immer, ich werde Eleonore Frey, Zsuzsanna Gahse,
Agota Kristof und Inger Christensen aufheben, ich werde
Den Song von den Winden im Winterpalais aufheben, ich werde alles
Aufheben, was ich im letzten Moment noch einmal gebrauchen
Kann, Wü, Tinky, Winky und Lala, ich werde meine wenigen Freunde
Aufheben, ich werde Pellmann und Koch aufheben, die
Musketiere der Königin, ich werde meine liebste Gemahlin
Aufheben, ich werde meinen Sohn aufheben, meine schon
Vor Jahren in Berlin versickerte Tochter, ich werde meine
Schwester aufheben, die Sozialphobien der Unverbindlichkeit,
Mexico City, ich werde alle Absagen am Vorabend von
Festen aufheben, die Sitzgruppe am Golf, die Ziegenberge
Unserer Zwerge, die Brombeeren im Stall, das Drama der
Folklore in den Eisgebieten muss sein, wo sind wir nur
Hingekommen, wie konnten wir mit unserer Poesie nur so
Vor die Hunde gehen und schon am Vorabend der Revolution so
Unnötig aufhören zu kämpfen, ich werde alles sein lassen, wenn ich
Nicht mehr kann und mein Körper endlich auf sein schwächstes,
Inneres Klima stößt, Gottes Unterarm geht weiter, geht schwarz
An den Stränden, geht weiter, geht weiter, die Gedichte müssen
Sein, die Nervenflocken müssen sein, beim Bumsen, beim
Hochsprung und Fasching, jedes einzelne und noch nicht von Gott
Verlassene Gedicht muss sein, jedes schon totgeglaubte und
Für alle Zeit aus dem Verkehr gezogene Gedicht, es muss
Sein, die neue Nationalliteratur hätte nicht sein müssen, die
Begehbarkeit unserer Biographien in Romanen bis ins letzte,
Aufgeräumte Zimmer hätte nicht sein müssen, die Knöchelmonitore
An unseren Lebensadern hätten nicht sein müssen, sie werden immer
Gescheiter, was nicht alles so sein muss, bevor man abtritt, sich im
Schleim der regionalen Kontinente auflöst, der Untergang der
Auslaufmodelle geht weiter, geht hell an den Stränden, geht
Weiter, geht weiter, die Siege in Hallen, auf Bühnen, in
Sälen, die Lebenslaufbücher, durch die wir uns quälen, die allen
Gefallen, als spielte uns das in die Karten, die Schauspieler,
Die zwischen Drehpausen schreiben, während im TV die
Tatorte warten, Romane von Kritikern, Kritikerinnen,
Die Jobs beim Rundfunk und Fernsehen haben, sich
Endlich beim Schreiben auf ihre Stärken besinnen,
Aber Sprecherinnen in Talkrunden bleiben, ihre
Arbeit wird von Kollegen besprochen, als wäre
Ein neuer Gesang ausgebrochen, so feiert in
Hallen, genießt die Saison, als gäbe es im
Leben nur eine davon, verehrt niemals
Dichter, die euch gefallen, verbrüdert
Euch schamlos doch lieber mit allen,
Hört auf mit Gedichten, es gibt
Viel zu viele, sonst setzen sich
Gleichsetzungsansprüche frei,
Die Sieger bestimmen den
Jüngeren Ton, sehr viele
Bevorzugen Autofiktion,
Wir können behaupten,
Wir waren
Dabei.


Kapitel 12 in Thomas Kunst: Masleboi. Roman. Berlin (Suhrkamp Verlag) 2026.  223 Seiten. 25,00 Euro.
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