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Thien Tran: Gedichte

Rezensionen/Verlage


Armin Steigenberger

Thien Tran: Gedichte. Hrsg. von Ron Winkler. Nettetal (ELIF Verlag) 2019. 140 Seiten. 20,00 Euro.

Ein Blick in die Zukünfte der Vergangenheit


Ende 2020 jährt sich der Todestag des deutsch-vietnamesischen Lyrikers Thien Trans zum zehnten Mal. Ich hatte zu Lebzeiten des Dichters in Zeitschriften und Magazinen einige Gedichte gelesen; sein erstes und einziges Buch kannte ich damals noch nicht. Als ich von seinem Tod las, war ich geschockt. Abgesehen von seinem Debüt ‚fieldings‘ war Thien Tran und uns kein zweiter Band vergönnt, schreibt Herausgeber Ron Winkler im Vorwort.

In der schnelllebigen Literaturwelt mit vielen fluktuierenden Orten, Namen und Gesichtern wird selbst ein einigermaßen bekannter Autor manchmal rasch vergessen; dennoch scheinen die gleichermaßen befremdende wie anziehende Stimme und das einzigartige poetische Anliegen Thien Trans genug Bestandskraft gehabt zu haben, dass aus einem vorliegenden weiteren Manuskript sowie vielen verstreuten Gedichten posthum ein weiterer Band geformt werden konnte. Insofern ist es beglückend zu sehen, wie diese Gedichte mit großer Geduld, behutsamer Hand und verlegerischer Professionalität zusammengestellt wurden. Diese Aufgabe scheint nicht leicht gewesen zu sein, da Thien Tran von einem Gedicht oft etliche unterschiedliche Versionen erstellt hat, welche dann auch in diversen Magazinen in verschiedener Form veröffentlicht wurden¹ – abgesehen von einer weiteren Fassung, die für sein neues Manuskript vorgesehen war. Ein Möglichkeitenband, der viele Entknospungsfantasien anbiete (Christian Metz). Der Prozess der Bearbeitung, die Schwierigkeiten des Lektorats werden im Nachwort von Jo Frank und Ron Winkler transparent gemacht².

Im Dezember vergangenen Jahres konnte ich beim Lyrischen Quartett im Münchner Lyrik Kabinett eine Besprechung seines Bandes miterleben³. Alle kontroversen Betrachtungen zum Gedichtband können in dieser Diskussion eingehend studiert und nachgehört werden.
    Die Diskussion stagnierte ein wenig an dem Punkt, ob die Texte nun in der vorliegenden Fassung als fertig erachtet werden können oder nicht. Das ist keine Ausgabe letzter Hand, merkte Hubert Spiegel an. Der engagierte Elif Verlag hat das Wagnis auf sich genommen, alle Gedichte in ein stimmiges Ganzes zu fügen. Der Band erfuhr Förderung durch das Haus für Poesie in Berlin.

Schon das Vorwort von Ron Winkler zeigt, wie komplex die Gedichte sind, wie erstmalig und frisch sie ihre Sujets wählen, ganz zeitgeisthaft in ihrer Entstehungszeit sind und dennoch weit über sie hinausblicken. Da probiert gerade jemand etwas, das genau jetzt gegenwärtig ist, sagte Florian Kessler im Lyrik Kabinett, über sein Erlebnis bei einer Lesung Trans beim Open Mike 2008 sprechend.

Ich möchte mich in dieser Rezension nur inhaltlich äußern. Es ist keine leichte Aufgabe, sich beschreibend an ein Buch heranzuwagen, das schon im Vorfeld polarisiert und recht konträre Wahrnehmungen ausgelöst hat.

Den sehr hellen Einband des Hardcover-Bandes schmückt (Weiß ist die Farbe des Todes und der Trauer im asiatischen Raum), üppig gedeihend, eine Topfpflanze mit kleinen weißen und hellgrünen Blütenblättern, die sich emporrankt; bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese Zimmerpflanze als Computergrafik mit kleinen, splitterhaft mosaikartigen Elementen, rechts unten wie ein groß herausgezoomter Ausschnitt: Kleine opalisierende Spiegel, camoufliert mit einer Anmutung von Pflaumenblüte.

das, was wir uns
unter Molekülen vorstellen,
kann in allen geometrischen Formen
stattfinden (…)

Gleich zu Beginn wird man mit 15 kurzen zyklischen Gedichten konfrontiert, subsummiert unter der Überschrift ERSTER VERSUCH: FIELDINGS, - die vom Titel her mit Thien Trans ersten Band korrespondieren und vermutlich als alternative Versionen seiner fieldings zu lesen sind. Texte, die auf Eindrücke reagieren, Impressionen koppeln, Bilder wie Mehrfachbelichtungen überlagern. Gleichzeitig wird der extreme Grad an Zivilisation, in dem wir uns befinden, dargestellt: Diese Dichtung wagt sich ins scheinbar Weihelose, wie es im Vorwort Ron Winklers zu lesen ist. Scharfe Beobachtungen streifen nebenbei Zugeflogenes. Zufälligkeitsspiele? Fluxus?

Es ist eine schiere Wucht, was hier an Medien, Bildern, Eindrücken synästhetisch in eins gebracht wird. Überblendung und Überschreibung findet statt. Kopplung von Bildern, Diskursmischung von Wissenschaftsjargon, mimetisch eingemorphtem Essaysprech und mannigfachen Sprech-akten. Auch und gerade bei Thien Tran ist es sehr wichtig, wie etwas gesagt wird. So bekommen Glenn Goulds Goldberg-Variationen eine extra Portion Mayonnaise, so gibt es eine Endorphin / Ausschüttung in Achteltriolen. Ein Liebesgedicht für M. endet mit MERCI BUH KUH. Manchmal reißt ein Vers auch einfach ab. Ich erlebe die Texte als flirrend, dynamisch, „eigenartig rauschhaft“.

6

zu 80 % Grillen-
     zirpen, in der Mittags-
hitze: sunlight limonade /
     waterfalls, bright.  

Man kann meinetwegen sagen, dass die Verfahren „der Nuller Jahre“ teilweise nicht mehr ganz neu sind, dennoch ist das pulsierende Element in Trans Dichtung bestechend und frisch wie eh und je. Das, was sich damals zukünftig angefühlt hat, tut es auch heute noch. Insofern ist der wissende Blick von damals in die Vergangenheit (damaliger?) Zukünfte vielfach ein überaus heutiger. Ausgangspunkt ist häufig ein Naturereignis. Darum „ranken“ sich in diesen Gedichten fast miniaturhaft alle Dinge; gleichzeitig haben diese Verse für mich einen unbändigen Humor, hitzig und jung, der so ganz im Gegensatz steht zu der ihnen bescheinigten Melancholie, denn was wären sonst zu 80 % Grillen- / zirpen, in der Mittags- / hitze ? Allein schon die Zeilen-umbrüche sind es, die mich bei diesen 15 Texten bewundernd schmunzeln lassen. Eingemischt werden Passagen in Englisch und Französisch, kleine Geschichten, die wie absurde Anekdoten klingen, wie beschädigte Plots.

Es gibt ein lyrisches Ich, das erratisch wirkt, das in einem Gedicht in einer Einzimmerwohnung ohne Fenster lebt, teilnahmslos, versprengt; das sich passiv verhält, sich nicht einmischt, gelegentlich kommentiert, mit inwendigen Poetologien aufwartet, aber selten aktiv eingreift. Es gibt auch Gedichte, in denen es intensiv über sich selbst reflektiert und sein Spiegelbild in Stücke schlägt. Das Selbstbildnis, welches das lyrische Ich von sich hat, oszilliert; häufig ist etwas Dunkles darin.

Es gibt daneben manchmal ein lyrisches Wir, das genauso ephemer ist, (…) eigentlich können wir uns nur abfinden / mit den Berechnungen der Gezeiten und das Kreischen / den Möwen überlassen (…). Das Ich wirkt vereinzelt, manchmal lustvoll in (s)einer Art Selbstgenuss, manchmal eigentümlich düster und abgeklärt. Beteiligtheit durch Unbeteiligtheit heißt Ron Winklers Formel im Vorwort.

(…) ich kreise einsam
wie jeder andere auch
durch das dunkle Universum
meiner selbst (…)
  
Raue Atemlosigkeit ist in vielen Gedichten ein oft unwillkürliches, sprunghaftes Durchzappen von einem ereignislosen Ereignis zum nächsten, den daily hype damit karikierend, sich auf nebensächliche Details kaprizierend, – genau dadurch jedoch wird vieles offenbar, was nicht gezeigt wird. Oft neben allem rauschhaften Zusammenbringen und Aufschichten unter-schiedlichster spannungsgeladener Partikel bekommen viele Texte zudem etwas Konstatierendes, (…) reine Bildfolgen / des Unspektakulären.

In den Texten greifen immer mehrere Phänomene ineinander, alles ist zugleich da. Gleichzeitigkeitstexte: Impressiv da, wo sie unbeabsichtigt und regelrecht absichtslos wirken.
    Unter den Texten, beinahe inkognito, finden sich immer wieder Anklänge an Liebesgedichte. Im Gedicht L’AMOUR SPIRITUEL lesen wir:

(…)                        also machte sie kehrt
    noch ehe ich mich entschuldigen konnte
und noch wollte ich mich
entschuldigen

zu spät: um uns herum bildeten sich
    durchsichtige Basalt- und Eisenmoleküle
die beiden Grundelemente des Städtischen (…)              

Last but not least gibt es in einigen Gedichten parodistische Momente. Im Gedicht KINGS OF ROCK ’N’ ROLL bevölkert allerlei „Elvishaftes“ die Szenerie, trifft Elvis auf Elvis, wird über Elvis-Imitatoren und über Elvis-Merchandising die Schraube ins Absurde gedreht und die Elvis-Realität dargestellt.

Tran besitzt ein Adlerauge für Auflösungsprozesse, die quasi in diesen Dingen selbst wohnen, und bekommt Beschreibungen hin, die wie Selbstzerstörungsprozesse ihr ureigenes immanentes Grauen mitliefern. Der Autor spürt Disharmonien auf und desavouiert jedwedes „Heimelig-Werden“ mit seinen Gedichten – und man weiß nicht, inwieweit das nun zivilisationskritisch gemeint ist oder einfach nur krass ernüchternd und schroff konstatierend. Es hat dennoch zu keinem Moment etwas Beliebiges, es wirkt auch nicht so, als werde (wie es die Futuristen getan haben) eine naive Freude an der Geschwindigkeit, am Lärm, medialen Overload und an der technisch machbaren Gleichzeitigkeit zelebriert. Es wird dabei oft schlaglichthaft gezeigt, wie sich das Ich zu allen Dingen verhält, (…) ich fand mich in einem Luftloch wieder / ein grauer Betonblock / auf dem Hinterhofgelände / meiner Phantasie. Die eigentliche Tragik besteht für mich darin, dass diese Gedichte ihre Sujets so vollständig durchdringen, dass es schmerzlich wird. Schmerzhafte Blickwinkel, denen man nicht entkommen kann, die immer auch genügend Kritik an all den technischen Spielzeugen und Konsumartikeln mitliefern, an der hightech- / automatisierte[n] ( …) apparatur, am (…) Realismus in Dolby Surround usw. Die Gedichte reiben sich am (französischen) Kino, an MTV und der Popindustrie. Hochtechnische Vorgänge werden dargestellt, oft mit einem Augenzwinkern, das einem dennoch einen harten Spiegel vorhält.

Immer wieder geht es explizit um Objekte. Es gibt ein gewisses Faible für abstrakte Prozesse, das Sachverhalthafte. Es scheint als gebe es zwei Pole: die objektive kühle, wissenschaftliche Betrachtung des Philosophen und Wissenschaftlers, und daneben die subjektive Wahrnehmung des Dichters, woran das lyrische Ich festhält: Das Delirium beginnt genau hier / an dieser Stelle: (…)  genau hier, an dieser Stelle, genau hier / an diesem Punkt // fange ich an zu phantasieren.

Was ich nur ansatzweise nachvollziehen kann, ist die Auffassung, der Band habe eine sehr große Melancholie … im Gegenteil, für mich haben viele Texte etwas strotzend ( trotzig?) Lebendiges, Kraftvolles, dem auch der Humor nicht fehlt. Ist es der verkrampfte Umgang mit dem (Frei-)Tod eines Menschen, der eine solche Lesart evoziert? Wenn, dann finde ich eine gewisse Verfolgtheit in den Texten wieder, vielleicht auch ein Ausgeliefertsein an die Unveränderlichkeit der Dinge, das zur Pein wird. Oder eine Übermacht der Berieselung von allen Seiten und Kanälen, ein steter Tropfen, der hin und wieder durch rasiermesserscharfe Komik pariert wird, in der sich freilich auch Verzweiflung widerspielt.

(…)
geradeaus in die Spirale hinein und rückwärts
    aus der Spirale wieder hinaus
mit dem Rücken zur Wand. wir machten Kopfpausen
Realitätspausen dort, wo wir nicht weiterwussten
    und wir wussten wirklich nicht weiter
überall lag Schnee. (…)
          
Angesichts des Todes eines Menschen auf dessen expliziten Humor hinzuweisen, fühlt sich komisch an. Doch da sie in guten Momenten entstanden sind, kann es nicht pietätlos sein, diese Momente wertzuschätzen. Oder ist es diese Form chaplinesker Komik, die in summa als hochtragisch empfunden wird?

Aus dem Gedicht Starterpaket 2.0:

immer morgens
    nach dem Aufwachen
bin ich glücklich
wie nur sonst was. verdammt

mir wuchs ein Hirschgeweih
    noch bevor ich Wasser aufsetzte
dann fing es an zu kochen
die morgendliche Teezeremonie
werde ich von nun an
stets mit Hasenohren halten
(…)
                    
Melancholie könnte da entstehen, wo das Subjekt in seinen Beobachtungen, oder vielmehr im System der eigenen Art, wie gefangen ist und kein Entkommen aus der eigenen Weltsicht mehr gelingt. Es gibt zahlreiche Stellen, die mir einen Schauer über den Rücken jagen.

(…)
nur manchmal wünsche ich mir
meine Einsamkeit zurück, und manchmal
    nur die Slow Motion
der Wolken.
      
Ron Winkler schrieb 2011 über Thien Tran in einem Nachruf, zu lesen im Nachwort des Bandes: Ein Dichter, dem es gegeben war, tief ins Wirrnis-Herz der Poesie vorzudringen und heiß-kalte Hypothesen darüber zu äußern, wie es um uns und unsere Gegenwart bestellt ist. In zartfühlender Hybris und schneidender Emphase. Mit großer Lust daran, laboratorisch zu singen und wenigstens sequenzweise daran zu laborieren.


¹ Beim Text DIE SOZIOLOGEN BEZEICHNEN DIES ALS LANGEWEILE werden zwei Versionen neben-einanderstellt. Thien Tran hat andererseits mit diesen Versionen gearbeitet und zwei unterschiedliche Texte erstellt, wie die Gedichte ABSOLUTES NEIN 1 und 2 oder MOON CONFERENCE I und II zeigen.
²  Im Anhang mit der Überschrift SPUREN werden strittige Entscheidungen anhand der erwogenen Alternativen gegenübergestellt.
³ Im Lyrischen Quartett von 11.12.2019 diskutierten Florian Kessler, Kristina Maidt-Zinke und Hubert Spiegel mit ihrem Gast Christian Metz.
Vermutlich mit Anspielung auf Martin Sheen in Apocalypse Now.
Siehe Vorwort Ron Winkler.
Dies wurde in o.g. Besprechung des Bandes geäußert.
[SIC].
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