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Szilárd Borbély: Berlin Hamlet

Rezensionen / Verlage


Jan Kuhlbrodt

Szilárd Borbély: Berlin Hamlet. Gedichte. Herausgegeben und übersetzt von Heike Flemming. Berlin (Bibliothek Suhrkamp) 2019. 201 Seiten. 24,00 Euro.

Zu Szilárd Borbély: Berlin Hamlet. Gedichte


„Berlin, der Stadtgott war wieder zu sich gekommen. Machte
sich aufgeregt fertig. Das Radio pries ununterbrochen eine
Avantgarde-Ausstellung, die im Hamburger Bahnhof
eröffnet hatte. Ich fand nur schwer hin. So eine Station
gibt es nicht. ...“
      
Ende vergangenen Jahres fand ich ein Buch im Postkasten, mit dem ich nicht gerechnet hatte, denn es war mir bei der Durchschau der Verlagsankündigungen nicht aufgefallen. Vielleicht ist es auch so, dass ich angesichts der Menge der Veröffentlichungen unaufmerksam werde, schon das Programm eines Verlages wie dem Suhrkamp Verlag beginnt mich zu überfordern, und ich habe die hybride Vorstellung, alles, oder zumindest alles Wesentliche lesen zu können, längst abgelegt. Alles Wesentliche für mich? Auch das werde ich nicht bewältigen.

Der Regen ist am längsten.
und der Gedanke,
der ihm folgen wird,
hört er auf.

Das ist die Eingangsstrophe des Gedichtes, das den Namen [Allegorie VI.] trägt.

Nun scheint es in der Presseabteilung bei Suhrkamp einen guten Geist zu geben, der mir hin und wieder auf die Sprünge hilft, und also fand ich dieses Buch im Postkasten, und ich bin ehrlich dankbar, denn es gehört zu den eindrücklichsten Büchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Übersetzt aus dem Ungarischen hat es Heike Flemming, und sie hat auch ein Nachwort geliefert, das die übersetzten Texte ins Gesamtwerk Borbélys einordnet, als auch Borbélys Schaffen in den Kontext der ungarischen Literatur um die Jahrtausendwende. Borbély wurde 1964 im Nordosten Un-garns geboren und starb 2014 durch Suizid.

Interessant sind vor allem die Aussagen des Autors hinsichtlich der jüngsten Geschichte der ungarischen Literatur. Er nimmt in den Neunzigerjahren, also nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, keinen wesentlichen Wandel in den künstlerischen Ausdrucksformen wahr, sondern betont, dass es schon in den Jahren zuvor dazu gekommen sei. Und vielleicht kann man sagen, dass eine postmoderne Formensprache, die sich in den Siebzigern und Achtzigern akkumuliert hat, in Borbélys Texten kulminiert.
    Gerade im ersten Teil des nun bei Suhrkamp erschienenen Bandes wird das sichtbar. Er speist sich aus Texten; die im Original wie das vorliegende Buch unter dem Titel „Berlin Hamlet“ im Jahre 2003 erschienen sind.
    Im Band findet eine doppelte Überblendung statt: Zeitlich werden Situationen aufgerufen der Zehner- und Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, die die Folie bilden, vor der Momente dramatischer Veränderungen in den Neunzigern ablaufen. Berlin, die Stadt, die die Kulisse des Ganzen liefert, macht darin gewissermaßen einen Schritt in die Neuzeit, oder ins neue Jahr-tausend, im Gehen aber wird alter Belag aufgerissen und Historisches sowie jüngst Vergangenes sichtbar. Die Zeitschichten werden aus ihrer Überlagerung heraus ineinandergeschoben. Benjamin und Kafka treffen auf den Faust spielenden Gründgens und den gegenwärtigen Flaneur Szilárd Borbély. Und weil sich die Ebenen überschneiden und berühren, werden auch die lyrischen Formen freigelegt und für den gegenwärtigen Leser fruchtbar. Es wechseln eher narrative Passagen mit reflexiven Briefformen, Fragmenten und Realismus mit Allegorischem.

Während Borbély an diesem Band arbeitete, kam es zu einem dramatischen Ereignis, seine Eltern wurden in ihrem Wohnhaus überfallen, ausgeraubt und ermordet. Dieser Mord wird zum Hintergrund des zweiten hier präsentierten Teils: Leichenprunk. Dieser Teil, auch hier wieder das Zitieren alter und ältester Formen, verbindet Borbély die Ereignisse mit der Anrufung religiöser und historischer Motive, sucht Trost in Chassidischen Gedanken, aber weist auch auf die Grenzen jedweder Tröstung hin. In einer Nachbemerkung wird von der zuweilen entwürdigenden und vor allem ergebnislosen Aufklärungsarbeit der Polizei berichtet. Borbély schreibt diesen Text in der dritten Person, als könne er so den Ereignissen entfliehen.


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