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Stefán Sigurðsson: Black Friday und Männer ohne Wasser

Werkstatt/Reihen > Reihen > Wortlaut Island

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Stefán Sigurðsson
 
 
Black Friday und Männer ohne Wasser
 
 
(Aus: Apollýón / Appolyon, Orðastaður ehf., Reykjavík 2023)

Aus dem Isländischen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer


BLACK FRIDAY
Der Stern verblasst

Dunkle Trauer wütet
gießt sich über die Erde
einer Seuche gleich und
schlingt sich tückisch um alles Denken
Schamlose Heuschrecken
rasen mit entstelltem Blick
auf die Automatiktüren zu
die verführerisch
an ihren Flügelarmen ziehen

Die Wespen dringen ein
in den Riesensaal der Eitelkeit
und stürmen hin zur
glitzernden Angeberei

Geschrei und Tumult
durchdringendes Kinderweinen
tiefste Verzweiflung
Gekämpfe auf beiden Seiten

Der Stärkste steht auf mit der Beute
und der Kreditkarte auf der es glänzt von Tod
der sich in den Augen ausgezehrter
schwarzer Kindergesichter spiegelt
übersät mit tränenklebenden Fliegen



MÄNNER OHNE WASSER

Männer ohne Wasser
in nasse Verbände gehüllt
tragen ihre zerfallenden Knochen
zur Kreuzung
sie lungern dort herum und lauschen
dem richtungslosen Rauschen des Windes
Ihre Wörter Erdklumpen
die leblos in ihren Mündern
rasseln –
Wörter die das Licht nicht erreicht
In ihren Augen tragen sie
staubgebundenes Blut

Sie sind begierig nach bodennassen Brunnen
und baden dort ihre Seelen
strecken knorrige Finger nach
einer schartigen Kelle aus
füllen sie mit gestohlenem Wasser
und wässern darin ihr heimlich gegessenes Brot

Graue Wolken im Westen


Stefán Sigurðsson, geb. 1964 in Kópavogur, lebte zunächst in Akureyri im Norden Islands, zog mit zwanzig Jahren für einige Zeit nach Reykjavík, sodann nach Norwegen und Däne-mark, wo er hauptsächlich in Lagerhäusern arbeitete. Im Jahr 2000 kehrte er nach Island zurück und schrieb sich an der Universität von Island für ein Sprachstudium ein. Seit 2005 ist er als freiberuflicher Übersetzer tätig. Er übersetzt hauptsächlich technische Texte, hat aber auch einige Gedichte aus dem Norwegischen und Dänischen sowie zwei Romane aus dem Dänischen ins Isländische übersetzt: Ved vejen von Herman Bang (2008) und Mine piger von Susanne Staun (2010). Als Schriftsteller hat er sechs Gedichtbände, einen Band mit Kurzgeschichten und einen Roman veröffentlicht. Sein letztes Werk ist der Gedichtband Í tómi tímans / In der Leere der Zeit (2024).

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