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Slata Roschal: Wir tauschen Ansichten und Ängste wie weiche warme Tiere aus

Rezensionen/Verlage


Fabian Widerna

Slata Roschal: Wir tauschen Ansichten und Ängste wie weiche warme Tiere aus. München (hochroth München) 2021. 40 Seiten. 8,00 Euro.

Opake Ketten von Leben und Ereignissen


Der erste Eindruck, der bestehen bleibt, nachdem man den neuen, zweiten, bei der Münchner hochroth-Dependance veröffentlichten und kürzlich in die Liste der besten Independet Bücher 2021 des bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst aufgenommenen Gedichtband Slata Roschals, Wir tauschen Ansichten und Ängste wie weiche warme Tiere aus, zum ersten Mal gelesen hat, ist nach Wir verzichten auf das gelobte Land (Reinecke & Voß, Leipzig: 2019) die abermals unbestreitbare, teils ins surreale abdriftende Lakonie der meisten der einunddreißig teils in Verszeilen gebrochenen, teils in Prosa gefassten Texte in geschlossenem Zeilenfall – ergänzt durch einen vom 15. – 27.07.2019 datierten Prosabericht  „Die Entdeckung Amerikas“ (30‒34) im letzten Drittel, der mit der Logik der bis dahin in der Regel weniger als, bis maximal halbseitigen Texte bricht und daher wie angelegt erscheint, den vorangegangenen und wenigen folgenden Texten im besten Wortsinn (surreal) einen egozentrierten Kontext zu unterbreiten.
      Formal ist der Band rigide strukturiert: die acht Blocksatzgedichte sind durchwegs am unteren Seitenrand orientiert, jene zweiundzwanzig Flattersatzgedichte am oberen. Selbige geben, könnte man meinen, und darauf lassen Anzahl, Abfolge und Frequenz schließen, den Ton an; sie treten einzeln und in Zweier- bis Vierer-Abfolgen auf – und neigen dazu, dass in ihnen die Zeilenumbrüche weitestgehend eigene semantische Einheiten bilden, wodurch ihre Gedankengänge fragmentiert, disparat erscheinen, während jene in geschlossenem Zeilenfall, allerdings ebenso schnörkellos, jeweils für sich alleine stehen und ihre Gedanken grammatisch komplexer in gebundener Sprache, prosaisch entwickeln.
       Mehr lässt sich für das Dafürhalten des Rezensenten am Aufbau des Bands nicht ablesen. Die aufeinanderfolgenden Verszeilengedichte erwecken nicht den Eindruck semantischer Komplexe. Vielmehr handelt es sich wie um scheinbar willkürlich angeordnete Nukleotid-Abfolgen einer sequenzierten DNS des Lebens des lyrischen Ichs, deren Gene nicht zum Ausdruck kommen, nur angedeutet werden, und damit ein relativ opakes, beziehungsweise nur in ihren kleinsten bis kleineren Einheiten von etwa ein bis vier Verszeilen luzides Panorama eines Lebens ergeben, eines Lebens zwischen (Selbst-)Reflexion und Reflexionen über die (in der Regel nicht Innen-) Leben der Anderen, einer Art in mehr als in die absolut nachvollziehbarsten Richtungen fließenden Bewusstseins.

Indes erzählen die Blocksatzgedichte in ihren semantischen Bestandteilen unmissverständlich zusammenhängende Ge-schichten, vom Hormonhaushalt, den kleinen „Fabriken an Gas, Kalorien, Urin“ (11), dem „festen Zuhause“, nach dem die stabilen Blumenkübel mit „Lavendel, Rosmarin und Bambus nebeneinander“ (20) aussehen, über die unter-schiedlichen Verhältnisse in einer „Botschaft in Berlin“ und „im Konsulat, in München“ (26) oder die Einsamkeit, „die einem Vitamin zu ähneln“ (37) scheint – das heißt: nicht, dass diese Texte auf poetische Metaphorisierungen der Schwierig-keiten und Seltsamkeiten, die ein durchschnittliches Leben zu bewältigen bereit hält, völlig verzichten würden, aber sie machen sehr sparsamen Gebrauch davon, beziehungsweise: verlassen sich nicht darauf, die semantische Komplexität, die mit kreativer und vor allem zahlreicher Metaphern gemeinhin induziert werden soll, überhaupt nötig zu haben.

Damit kommt es zum Punkt von Roschals zweitem Band: Die Opazität der in Verszeilen gebundenen Situationen stellt sich rein parataktisch dar, die Satzfolgen, die keine komplizierteren grammatischen Konstruktionen zur Folge haben, werden häufig durch Apokoinus quasi verlängert – und nicht, wie klassisch üblich, bloß im satzpragmatischen Sinne ergänzt – weil diese (und daher kommt im Wesentlichen der Eindruck des Surrealen) den zuvor eröffneten situativen „Trigger“ kontraplausibel in eine auch grammatisch andere Richtung lenkt; wie bereits der erste Text deutlich macht:

Ich dachte meinen Tod als ein kannibalistisches Manöver
Als Rücken fest an Rücken Hand an Bauch (5)

Schon die erste Zeile verschiebt den Tod, den man abseits mythischer oder der Verhältnisse von Seegurken gemeinhin wohl als existentielle Konstante jedweden Lebens annehmen kann, in den historisch abseits seltener kultischer oder paraphiler Kontexte fast durchgehend tabuisierten Bereich des anthropophagen Kannibalismus, aber damit nicht genug: Der Kannibalismus steht nicht für sich, sondern attribuiert mit dem Manöver eine durch und durch institutionalisierte oder zumindest zweckgebunden tradierte Maßnahme; ob nun im militärischen Sinn der Demonstration von Einsatzfähigkeit und Entschlossenheit; oder im Sinn notwendiger Kursänderung in Schiff- oder Luftfahrt – jedenfalls als (zumindest potentiell, und wenn nur durch diplomatische Interventionen) reversible Aktion.
    Der attribuierte Kannibalismus zur Definition des (immerhin imperfekt) gedachten Tods hingegen evoziert eine Form von (dystopischer) Gewalt, die je nach denkbarem Manöver einen Raum zu denken gibt, der Kannibalismus entweder im Sinne der Demonstration von Einsatzfähigkeit und Entschlossenheit legitimiert, oder ideell in einem Raum realisiert, in dem das kannibalistische Manöver möglich erscheint, ohne zu unerwünschten Kollisionen zu führen.
      Die invasive Instanz bleibt hier nicht nur im Dunklen, das Gedicht hat sogar die Chuzpe, in der nächsten Zeile, mir nichts dir nichts, weitere Attribuierungen hinzuzufügen, die die vorhergehende, so clever sind sie, nicht einfach bloß en détail charakterisieren oder nivellieren, sondern interpunktorisch nicht einmal voneinander getrennte, körperliche, vielleicht sogar zärtliche Zwischenmenschlichkeiten engführen – und den Tod mit der nächsten Zeile erneut transgredieren, diesmal ganz hinein in einen metaphorischen Raum:

Er wiegt sich schwimmt und wird zum Floß
Die nächsten Zeilen unterbrechen diese Bewegung:
Wir tauschen Ansichten und Ängste
Wie weiche warme Tiere aus

Aber auch dieses Wir, dieses Plötzliche, als prekäre Gemeinschaft, diffundiert gleich wieder, lässt die Nachbarin zu Wort kommen, einen gutgemeinten „Hinweis auf der Pinnwand“, das ausgehende Licht, so weit: so alltäglich die Konklusion dieser Folge:

Der Fahrstuhl hält bis acht Personen aus
Und was wenn ich schon sieben Kinder hätte
Und was wenn ich ein letztes tragen sollte

Zu derartigen oder ähnlichen Verschiebungen, die sich unmittelbar in das Leben des lyrischen Ichs hinein verdichten, in sehr konkrete Situationen und emotionale Zustände, kommt es den ganzen Band hindurch immer wieder, bisweilen nimmt die Bewegung aber auch die entgegengesetzte Richtung, bisweilen weniger kryptisch, wie folgendes, man könnte annehmen, Einsamkeitsgedicht zeigt:

Der Oberst hat niemand der ihm schreibt
Ich habe keinen der mir auf eine meiner Emails antwortet
Jeden Morgen um die gleiche zeit
Liegt auf der Fensterbank eine gestreifte Feder
Das Mehrfamilienhaus wird grau gestrichen
Kikimora schläft durch Spinnfäden fliegen auf
Im Nachbarsgarten krächzt es knackt es
Ich stelle mir ein Feld an Kürbisköpfen vor
Ich stelle mich wie eine Vogelscheuche auf (24)
     
Das lyrische Ich streift vom Oberst ausgehend, der vielleicht ganz naheliegend lediglich eine Inverhältnissetzung und Relativierung der eigenen Einsamkeit darstellen könnte, von der alltäglichen Fensterbank in die nähere Umgebung, verliert sich erneut in einer Idee, platziert sich selbst innerhalb dieser Idee – aber wieder nur als etwas Abschreckendes, nicht einmal die Vögel des Feldes werden ihr nahekommen wollen.
     Dagegen sind die Blocksatztexte unwahrscheinlich klar, halten mit der Konkretheit, die die anderen Texte allenfalls zeilenweise entwickeln wollen, um mehr Mühe darauf zu verwenden, ein Gefühl für die Situation zu transportieren, als diese en détail auszuformulieren, von vorn herein nicht hinterm Berg – erwecken, sehr viel mehr als die vordergründig disparaten, sprunghaften Gedichte, sogar den Eindruck eines durchgehenden, vielleicht sogar chronologisch strukturierten Gedankenstroms, dessen grammatisch klare Form jeweils als Bindeglied gelesen werden könnte, zwischen den enigmatischeren Gedichten.
     Dass Roschals Band in aller Sperrigkeit, die damit oder auch mit dem Versuch einhergeht, eine mehr als nur oberflächlich konsistente Lesart zu entwickeln, dennoch Spaß macht, liegt vor allem daran, dass Hinweise auf mögliche Bedeutungen oder Bedeutungskomplexe nie sehr weit in der sprachlichen Form verborgen liegen. Gleichzeitig variiert das lyrische Ich, mit einer recht begrenzten Anzahl an Stilmitteln, die semantischen Verschiebungen in ausreichendem Maße, dass es nicht langweilig wird, gedanklich aufgelockert durch die Prosapassagen, Text für Text auf die jeweilige Stoßrichtung abzuklopfen.
     Man kann daher nur hoffen, dass Roschal noch viele weitere, ähnlich spannungsgeladen un-konventionelle lyrische Projekte zur Veröffentlichung bringen wird.


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