Sigune Schnabel: Die Zeit hat ihre Farbe verloren
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Ulrich Schäfer-Newiger
Dieses dünne Land Sprache
Es war Ernst Bloch, der in seiner typisch knorzigen Pfeifenraucherprosa notierte: Wir lernen als Kinder sprechen, aber erst als Jünglinge versuchen wir es, nämlich ganz. Dann kommt der Trieb, Saft ins Wort steigen zu lassen. Der merkwürdige Trieb, unser Leben zu sagen, so augenblicklich und voll. Damit ist zugleich, etwas grob, der poetische Gegenstand der Gedichte von Sigune Schnabel umrissen: Sprachgebrauch, Spracherwerb, Sprachskepsis, eingebettet in Bezüge zur Natur, vor allem in Gestalt des Meeres, des Meeres- und Landgetiers, der Pflanzen, Landschaften, Jahres- und Tageszeiten, und zu einem Du, das in den Texten als Widerpart immer wieder erscheint. Ihre Gedichte verlangen deshalb (auch und konzentriert), darauf zu hören, was sie sagen und nicht nur darauf, wie sie wirken und was sie sind.
Der Band ist in neun Kapitel grob chronologisch, im Sinne von ‚Mit-der Welt-vertraut-und-zugleich-entfremdet-Werden‘ gegliedert, beginnend mit ‚Kindheit‘ und endend mit ‚Und die Menschen ließen Städte regnen‘ in welchem die acht Gedichttitel chemische Elemente bezeichnen, sechs davon radioaktiv, eine Art Apokalypse andeutend.
Im ersten Gedicht schon setzt die Erzählerin als über sich selbst reflektierendes Kind poetische Marken: Muschelbänke, Zaubersprüche, Rotbarsch. Also: Meerestiere und Sprache. Zu der aber hat schon das Kind ein ambivalentes Verhältnis: Wenn ich groß bin, will ich beweisen, / dass Sprache kleiner ist als ich, heißt es im dritten der sechs Kindheitsgedichte. Im sechsten: Ich habe die Worte gewechselt / weil sie mir nicht passten. Und weiter im zweiten Kapitel, im Gedicht mit dem Titel Erst spät begann ich zu sprechen: Die Wörter fassten mich / an den Händen / ich aber wollte / alleine spielen / ließ sie am Fußende der Tage. Schon hier und früh also äußert sich der Selbstbestimmungsanspruch der Phantasie gegenüber der Beschränktheit der Sprache. Damit ist das Verhältnis der Ich-Erzählerin zur Sprache, also dem Medium, welches ihr zur Vermittlung ihres Welt- und Selbstverhältnisses dient, mit dem sie die Autonomie ihrer ‚Ichs‘ (Aber ich ging zu den wilden Tieren. Oder: Immer, wenn ich schlafe, bin ich sandige Erde.) anzeigt, mit dem sie ihr Leben sagen will, zum Ausdruck gebracht: Es ist ein kritisch-skeptisches Verhältnis; Sprachskepsis durchzieht mittelbar oder unmittelbar alle Texte (und ich schlage jedes falsche Wort / ans Kreuz.)
Das Besondere an den Gedichten Schnabels ist nun, dass diese Sprachskepsis nicht in der schon klassischen Manier durch syntaktische Verrenkungen, semantische Wortspiele oder kunstvoll gesuchte Metaphern zum Ausdruck gebracht wird, sondern in eindeutiger Sprache als Kommunikationsmittel. Oder wie ein anderer Kritiker es formulierte: „Ihre Sprache ist klar und deutlich, an keiner Stelle unscharf oder verschwommen.“ (Amadé Esperer). So formuliert sie etwa im Gedicht Januarlied: An meinem ersten Tag trug ich die Sprache heran. / Sie ruhte auf dem Rücken / ausgezehrter Männer, ein Klumpen. Aber auch gerade diese althergebrachte Sprachfunktion unterliegt ihrer Kritik, ihrer Skepsis. Im Gedicht Die Welt hat ihre Sprache verloren – Lied der Kriegsgötter heißt es (und man hört in der Ferne Hofmannsthal im Chandosbrief reden): Was sind schon Worte – sie malen nur Lügen übers Land.
Die Autorin ist sich – gerade unter diesen fragwürdigen Sprachumständen – der Hilfeleistung von Metaphern wohl bewusst. Vor allem das Meer und mit ihm zusammenhängende Dinge und Tiere erscheinen in vielfachen Variationen als Metapher: Es erfüllt mehrfach die erkennbare Sehnsucht der Erzählerin, zur Natur zurückzukehren. Wir lesen zum Beispiel: Ich steige zurück ins Meer. Oder: Ich legte mich dem stillen Meermann an die Brust. Oder: Du rufst mich zurück / an Land, / ohne zu wissen, / dass ich längst Flossen habe. Oder: Am Meer halte ich den roten Seemannsknoten, / bis du dich zu mir setzt. Im zentralen Gedicht Sprache, dieses dünne Land, lesen wir: Das Meer ist meiner Fährte gefolgt / mit Zungen die erschüttern, / und ich: ein Tier, / das aus der Sprache fällt / in luftgetränkten Welten. // Du stellst dich Wort für Wort / auf Deich und Wege. Oder: Die Welt blutete Bäche / bis in die Meere hinein.
Die Gedichte künden vom erlebten, skeptisch-subjektiven Bewusstsein der Erzählerin, welches sich jeweils auf äußere Ereignisse bezieht, die aber, diese Deutung lässt die Metaphorik der Autorin zu, auch Träume oder Tagträume (Ernst Bloch wollte im Tagtraum die Vorstufe zur Kunst erkennen.) oder imaginierte Erlebnisse sein können: Gras wächst über alles, was ich jemals sagte. Oder: Ich trieb dahin, bis ich über Bord fiel. Auch der Blick des schon erwähnten Du wird einmal in einem Text zum Meer und zur Gischt. Und immer wieder sind es Wörter und Buchstaben, die dieses Bewusstsein bestimmen: Heute schlucke ich Buchstaben / und ersticke fast / an den Leerstellen dazwischen. Oder: Meine Lippen / berühren den Stamm / aller Worte zugleich. Oder Ich habe dem Wasser zugehört. Am Abend trägt es das Gesicht einer Frau.
Auch das Verhältnis zum ‚Du‘, welches im Fortgang der Erzählungen zunehmend Raum gewinnt und dem erzählenden Subjekt zusätzliche Konturen verleiht, ist – wie schon erkennbar wurde – abhängig vom Sprach- und Wortgebrauch: und es ist Brauch, dass du / dein Wort brichst. / Die eine Hälfte reichst du mir. / Du weißt: / Ich habe sie gesucht. Dieses Zitat ist zugleich ein Beispiel für mitunter überraschende poetische Wendungen der Autorin, für die allein sich die Lektüre ihrer Gedichte lohnt.
Ihre Sprache ist einerseits der Kitt, der die Erfahrungen der Autorin mit der äußeren Welt (auch Natur) zusammenhält und verbindet, andererseits die Reibungsfläche, an der sich das erzählende Subjekt abarbeitet, um das Selbstverhältnis zu klären: Ich höre den Atem / der Straße / und wie die Sprache schmilzt. Oder: Meine Sprache spielt immer im Schatten der Dohlen bei den hohen Eichen am Fluss. Schließlich: doch die Söhne haben die Sprache verloren. / Auf den Lippen verwitwen die Buchstaben / noch vor der Geburt.
Im letzten Kapitel, das eine dystopische Welt zeichnet, vermerkt die Erzählerin schließlich: Manchmal liest der Tod aus mir, / spricht Gedichte, obwohl es keine mehr gibt.
Die Sprache als Teil der Welt ist kein Land, mit dem es sich für die Sprechende sicher oder verlässlich leben lässt. Von dieser Erfahrung handeln die Gedichte. Am Ende berichtet die Erzählerin: In einem anderen Schlaf / brachten sie Sonnenblumen zurück / und legten sie auf die Erde, / und ich sah, dass es gut war, / und ich lag überall im Boden. Aber da hat sie sich längst verwandelt in das Element Deuterium, (in etwas Unlebendiges also), welches zugleich der Titel des letzten Gedichtes ist. Das „Ich“ hat sich in diesem Schlusskapitel in die im Titel jeweils genannten Elemente (Uran, Polonium, Plutonium usw.) verwandelt. Von Weltunter-gang ist darin die Rede, aber auch vom Grün, das aus dem Holz brach und in ihr Schlusswort wuchs.
Die skizzierte, ständige Auseinandersetzung mit der Sprache, dem „Element“, aus dem die Gedichte selbst bestehen, machen den Gedichtband zu einem empfehlenswerten, lesenswerten Beispiel für eine poetische Sprachreflexion, die nicht ins Abstrakt-Kombinatorische gleitet, sondern die Skepsis an der Sprache direkt benennt und anschaulich macht.
Die neun, vor Beginn eines jeden Kapitels erscheinenden, ungegenständlichen und kräftig farbigen Bilder von Marianne Behechti, können als nicht verblassender Gegenentwurf zur von der Autorin als nicht zuverlässig bleibend diagnostizierten, verblassenden Sprache verstanden werden.
Sigune Schnabel: Die Zeit hat ihre Farbe verloren. Gedichte. Visbeck (Geest-Verlag) 2023.
140 Seiten. 12,50 Euro.