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Sibylla Vričić Hausmann: meine Faust - Gedichte

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Andreas Hutt

Versuch über das Ungesagte

Der Band „meine Faust - Gedichte“ von Sibylla Vričić Hausmann


Vielleicht ist jedes Sprechen unabgeschlossen, Fragment? Vielleicht ist jede Rezension Eingeständnis eines Scheiterns, weil sie neben dem, was über Texte gesagt wird, so vieles einschließt, was nicht gesagt worden ist.
       Der Band „meine Faust - Gedichte“ von Sibylla Vričić Hausmann besteht aus den beiden Abschnitten 𝛼-bet/ Gebet und 𝜔-myth/ Komet. Nun ist der Topos von Alpha und Omega in der Literatur nicht neu, wobei Alpha gewöhnlich für den Anfang und Omega für ein Ende steht, aber in welchem Zusammenhang sind hier die Zusätze Gebet und Komet zu sehen? Soll Gebet auf die metaphysische Seite der Lyrik hinweisen, den Versuch über bildhaftes, hermetisches oder offenes Sprechen dem Wesen der Dinge, dem Dasein näherzukommen, Gedichte als quasireligiöse Sprechakte aufzufassen? Und wofür stände dann der Komet als Zusatzbezeichnung für den zweiten Abschnitt? Texte, die kurzzeitig am Himmel aufscheinen, bevor sie ihrer Bahn ziehen, Nachwirkung wie einen Schweif hinter sich herziehen?      
       Vielleicht kommt man der Bedeutung der Kapitelbezeichnungen in Hausmanns Band näher, indem man einen Blick auf die formale Gestaltung der Texte wirft? Grob gesprochen bewegen sich die Gedichte im ersten Teil des Bandes im Rahmen des formal Erwartbaren, wenn man als Leser einen Lyrikband zur Hand nimmt. Dabei tastet sich die Autorin im Kapitel „goldene Blumen“ in Richtung des Prosagedichtes vor und scheint im Kapitel „Meere sind Wüsten, Wüsten Meere“ die Möglichkeiten von Hybriden zwischen Gedicht und Aphorismus auszutesten.

1
zwischen den Zähnen viele wache Vögel

2
was durch meinen Körper läuft,
ist immer Reaktion und Wollen,
zu viel Wollen

3
ungewollt lustig, das ist mein Motto.
es hat keine Schärfe. es ist alt und
abgeschliffen wie ein Faustkeil
[]

Im zweiten Teil des Bandes überwiegen Prosagedichte. Das Kapitel „Manifest des weichen Steins“ arbeitet sogar mit einer männlichen Figur als Reflektor, von der ausschließlich mit Hilfe des Personalpronomens „er“ gesprochen wird, und enthält narrative Elemente. Hier ist die Synthese von Lyrik und Prosa in dem Sinne am weitesten vorangetrieben, dass poetische Elemente einer Geschichte, die erzählt wird, dienen, indem sie z.B. der Reflektorfigur Resonanz verleihen. Folgerichtig findet sich gegen Ende des Bandes ein Text, der sich selbst nicht mehr der Gattung Lyrik zuordnet, sondern als Essay zu erkennen gibt.
         So betrachtet könnte man die Zweigliedrigkeit des Buchs dahingehend deuten, dass die Autorin im Teil Alpha im Gedicht ihren Anfang nimmt, um im Teil Omega bei der Prosa oder dem Essay zu enden.

Auffällig ist, dass die Kapitel in Hausmanns Band häufig kurz sind. Darüber hinaus, dass Gedichte an sich dazu neigen, den Eindruck fragmentarischen Sprechens zu machen, wirkt diese Kürze auf den Leser so, als sei gerade ein Thema angerissen worden, könne aber noch weiter ausgeführt werden. Dadurch bekommt der Band eher den Charakter einer sprachlichen Plattform, an die formal und inhaltlich an vielen Stellen noch angedockt zu werden vermag, als den eines abgeschlossenen Projekts.
        Als Fazit bleibt: Sibylla Vričić Hausmann ist ein reichhaltiger, interessanter Band gelungen. Ich habe ihn nicht verstanden, aber ich habe ihn gern gelesen.      

in unseren Träumen hasten wir durch Wälder voller einäugiger Bäume
kaum glauben wir uns entkommen, steht da wieder unter den Giganten einer
richtet sein Astloch auf uns

es gibt kein Entkommen aus den Kreisen der Zeiten

wir sollen bezeugen: die Sylvesternacht, Fluch des Übergangs
wir sollen willens sein zu essen, uns fortzupflanzen, die Brut zu pflegen
die Flügel um sie zu legen, ihr Gewicht zu spüren
zu spüren, was in unseren Adern fließt

was wir weiterschenkten

wir. als könnte ich für andere sprechen
Pflanzen, Kinder, Uhren stehen still, mehr weiß ich nicht als Nicht-Theologin

Kinder wünschten sich, ihre Eltern würden auseinandergehen
Kinder wünschten sich, ihre Eltern würden sich noch lieben
Kinder wünschten sich, ihre Eltern würden sie unter die Fittiche nehmen
Kinder wünschten sich, flügge zu werden


Sibylla Vričić Hausmann: meine Faust - Gedichte. Berlin (Kookbooks Verlag) 2022. 80 Seiten. ISBN 978-3-948336-16-5, 24,00 Euro.
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