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Schreibheft No. 97 (2021)

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Michael Braun

Zeitschrift des Monats

Schreibheft, No. 97 (2021)

DAS  MANIFEST DER  MUSE


Für seinen Traum vom „Großen Amerikanischen Gedicht“ wollte der Dichterarzt William Carlos Williams (1883-1963) einst auf „die Sprache des Wasserfalls“ zurückgreifen. Die Passaic Falls, die Wasserfälle bei der Industriestadt Paterson in New Jersey, waren in den 1930er Jahren sein poetischer Resonanzraum. Sein Ehrgeiz war, das ambitionierteste Projekt der amerikanischen Lyrikgeschichte, Ezra Pounds Cantos, mit einem großräumigen Gedicht noch zu überbieten. In seinem long poem wollte er „die Ähnlichkeit zwischen dem Geist des modernen Menschen und einer Großstadt“ abbilden. Als Schauplatz seiner poetischen Mythologie hatte er sich Paterson erwählt, eine Stadt, mit der er bis in die intimsten Einzelheiten vertraut war. Von Beginn an stellte ihn aber die Niederschrift vor größere Probleme. Denn in seinen bis dahin publizierten Gedichten (z.B. Sour Grapes von 1921) hatte er sich in schlanken Formen versucht – Knappheit, Exaktheit und sinnliche Unmittelbarkeit waren seine lyrischen Markenzeichen. Als er im Dezember 1943 mit seinem Projekt eines „Großen Amerikanischen Gedichts“ nicht mehr weiterkam, ließ Williams seiner Frustration in einem Brief an seinen Dichterkollegen James Laughlin freien Lauf: „Dieses gottverdammte, wahrlich gottverdammte Gedicht Paterson macht mich fertig. Ich bin versessen darauf, es zu schreiben, weiß aber nicht recht, wie ich schreibe und streiche, schreibe und streiche. Umrisse und Absicht sind vollkommen durchgeformt, das Gedankengebäude steht, aber die Technik, das Wie die Methode sind bis heute nicht gelöst. Ich strample mich ab und scheitere.“
      Williams fand indes Wege, um das Scheitern abzuwenden. Dass es auch krumme Wege waren, die die kalte Aneignung von fremden Texten und die Instrumentalisierung einer Dichterkollegin einschlossen, erhellt nun die neue faszinierende Ausgabe der Literaturzeitschrift Schreibheft. In der aktuellen No. 97 des Schreibhefts hat der Literaturforscher Stefan Ripplinger unter dem Titel „Das Manifest der Muse“ ein fesselndes Dossier über eine von Williams später in Paterson anonymisierte Stimme zusammengestellt. Die Dichterin Marcia Nardi, eine bis heute in den USA völlig unbekannte Autorin, hatte sich 1942 wegen eines Problems mit ihrem ungebärdigen Sohn hilfesuchend an den Dichterarzt Williams gewandt und ihm einige Gedichte gezeigt. Williams schwang sich sofort zum Förderer der Autorin auf und erwirkte die Veröffentlichung einiger Nardi-Gedichte in einer Anthologie. Nach einer Weile fühlte er sich durch die immer umfangreicher werdenden Briefe Nardis bedrängt und brach im Frühjahr 1943 den Kontakt zu ihr ab, während er gerade mit dem „gottverdammten Gedicht“ haderte, mit dem er nicht zurande kam. Als dann 1946 und 1948 die ersten beiden Bücher des insgesamt aus fünf Büchern bestehenden Paterson-Poems erschienen, musste sich Marcia Nardi verraten fühlen. Denn in beide Bücher integrierte Williams wortwörtlich zwei ihrer umfangreichen Briefe, ohne freilich die Autorenschaft Nardis auch nur anzudeuten. Zwar gehört es zum Wesen von Paterson, dass neben Liedern und Eklogen auch dokumentarische Passagen aus Chroniken, Briefen, Testamenten, Plakaten und Tabellen darin montiert sind, aber nur bei Nardis Briefen wird die Quelle anonymisiert. Im dritten Buch von Paterson hat Williams auch „das Rätsel von Mann und Frau“, die Fragwürdigkeit ehelicher Verbindungen und das weibliche Begehren thematisiert: „Welches Ziel außer Liebe, die dem Tod ins Auge blickt?/ Eine Stadt, eine Ehe – die dem Tod/ ins Auge blickt“. Aber er sah davon ab, die Urheberschaft der wuchtigen Briefe Nardis kenntlich zu machen und entschied sich dafür, ihre Subjektposition zu verbergen. Das Schreibheft dokumentiert nun die zwei Briefe Nardis, die in Paterson auftauchen, nebst einigen Gedichten der Autorin und zwei instruktiven Essays zum Thema von Stefan Ripplinger und der New Yorker Literaturwissenschaftlerin Rachel Blau DuPlessis.  
           In weiteren starken Dossiers werden zwei weitere amerikanische Autorinnen profiliert, die ebenfalls im deutschen Sprachraum noch völlig unbekannt sind. Da ist zum einen Lorine Niedecker (1903-1970), die in einer Hütte auf Blackhawk Island westlich von Fort Atkinson/Wisconsin eine eigene Spielart des Nature Writing entwickelte. Der Dichter und Übersetzer Norbert Lange versammelt im Schreibheft einige Briefe und Gedichte Niedeckers und dokumentiert die Vorarbeiten zu einem späten Lebensprojekt der Autorin – nämlich dem Versuch, den Lake Superior, den größten See Nordamerikas zu umrunden. Ein urbanes Gegenstück zu dieser sehr auf Naturbeobachtung konzentrierten Poetik von Niedecker stellt das Werk der 1952 geborenen und in Bennington/Vermont lebenden Schriftstellerin Mary Ruefle dar. Über Ruefles bizarre Kurzvorlesungen („Am Anfang war William Shakespeare ein Säugling und wußte rein garnichts. Er konnte nicht einmal sprechen“) und ihre sich assoziativ verzweigenden Kurzerzählungen begeistert sich Clemens J. Setz. Einige Beispiele von Ruefles lakonischer, alltagsnaher Dichtung übersetzt Esther Kinsky: „Ich trug Blut an den Kleidern, drei Tage lang. / Ich benutzte meine Initialen, nie meinen Namen. Ich mähte das Gras nicht/ und reparierte nichts,/egal ob den Schuppen/ oder technisches Versagen./…Ich las keine Zeitung,/ auch keine alten Bücher/ oder das Kleingedruckte auf Dosen./ Alles wurde auf gut Glück erwärmt.“
     Das neue Schreibheft ist Pflichtlektüre – dokumentiert es doch am Beispiel dreier amerikanischer Autorinnen nachhaltige Akte der Auflehnung gegen einen patriarchalisch geprägten Literaturbetrieb.


Schreibheft No. 97 (2021), Rigodon Verlag, Nieberdingstr. 18, 45147 Essen, 180 Seiten, 15 Euro.


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