Sascha Kokot: Geisternetze
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Barbara Zeizinger
Sascha
Kokot: Geisternetze. Gedichte. Berlin (Buchreihe Gegenwarten, Band 32, Gans
Verlag) 2026. 92 Seiten. 20,00 Euro. ISBN 978-3-946392-72-9
Schön ist es hier
»Ein
Gedicht, das mich berührt, gefangen nimmt und hält, das eigene Erfahrungen
widerspiegelt, einen Denkprozess in Gang setzt oder Erinnerungen weckt, das ist
für mich ein gelungenes Gedicht.«
So Sascha Kokot in einem Interview für das Ministerium für Schule und Bildung in
Nordrhein-Westfalen.
All diese Kennzeichen findet man in seinem neuen Gedichtband »Geisternetze«
wieder. Es gibt fünf Kapitel, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit dennoch thematisch
berühren. Erzählt wird von Liebe, von der Entstehung neuen Lebens und immer
wieder von Verlust.
Im Mittelpunkt, auch ganz konkret als drittes von fünf Kapiteln, steht eine wohl
nicht ganz leicht zustande gekommene Schwangerschaft, die der »Technologie
dieser Zeit« zu verdanken ist, verbunden mit Hoffnungen und Ängsten.
»wir warteten für Wochenund wussten die Wahrscheinlichkeitwählt willenlos gegen uns andoch wir webten weiter an Wunder«
Das
Wunder geschieht, trotz »Visite / in den Notaufnahmen dieser Stadt« wundervoll
poetisch beschrieben als »Mohnkorn«, »drittes Herz« als »Flocke«, die hereingeschneit
kommt. Das lyrische Ich beschreibt seine Freude an das zukünftige Leben zu
dritt, auf einen Neuanfang, stellt sich etwas vor, »das ich bisher nicht
kannte.«
Um
eine andere Liebe geht es im ersten Kapitel, um eine Beziehung, bei der zu
Beginn »alle Tage Sonntag ist«, »die schöne Katze« sich in der Herzgegend ein
Nest baut, aber bald schleichen sich Bilder ein, die auf ein Ende der
Zweisamkeit hindeuten, bis es heißt,
»in den Träumen besuchst du mich nochsie wissen nicht, dass du längst fort bist«
Oft
spielen in den Bildern Jahreszeiten eine Rolle, wobei deren positive oder negative
Konnotation sich in den Gedichten abwechseln.
Nicht nur im ersten Teil des Lyrikbandes sind Baustellen das Bild für
menschliche und gesellschaftliche Zusammenhänge. So gibt es in dem Kapitel
»Quartier« ein altes Haus inmitten neuer Häuser, das von vergangenen
Jahrhunderten berichtet und irgendwie verloren in dieser »geselligen Gegend« steht.
Ferner treffen wir bei diesem Stadtrundgang auf Flugzeuge, auf eine Tram, auf
Pendlerschritte. Das Leben hier ist laut (»Kreischkonzert«), anstrengend (»ich
habe meine 21 Gramm verloren / beim Durchqueren dieser Nacht«) und dann in
seiner Alltäglichkeit wieder sehr schön:
»Am Morgen sehe ich wie müde kleine Händein großen Händen den Zaun entlanggeführtund am Abend müde große Händevon kleinen Händen gewärmt werdender Tag aufgeregt nacherzählt wird«
Bei
allen Irritationen der Gegenwart voller Drohnen, Influencer, dem Internet, dieser
im zweiten Kapitel beschriebenen »Geister«, die uns dem realen Leben entfremden,
gelingt es Sascha Kokot, diese mit einem Gedicht zu relativieren. Darin
beschreibt er eine komplizierte Autofahrt mit Stau, Schneeketten, Umwegen,
eigentlich nichts Besonderem, aber die Stärke dieses Textes liegt in den
letzten beiden Zeilen:
»hier waren wir kurz nach 5schön ist es hier«
Während
in der Mitte des Bandes die Gedichte vom Beginn eines neuen Lebens handeln, sprechen
sie im letzten Kapitel vom Sterben der Eltern. Dies ist nicht nur ein
endgültiger Abschied von ihnen, sondern auch ein »Nachhall von Kindheit«,
verbunden mit einem »Geisternetz« voller Erinnerungen, beim Ausräumen der
Wohnungen, dem Sortieren von Kleidung, und wenn »die gesammelte Kindheit / von
den Wänden genommen wird«.
Liebe, Umbrüche, Trauer, Verlust, all diese Themen werden von Sascha Kokot in großer Klarheit und gleichzeitig voller poetischer Bilder dargestellt. Und mit positiven Zeilen entlässt er uns:
»und der November breitet sich ausso friedlichals hätte es vor einem Jahrdie Todesnachricht nie gegebenund nur diesen einen Anrufder uns heute erwartet«