Sarah Wipauer: Fehlende Gespenster
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Johannes Witek
Sarah Wipauer: Fehlende Gespenster. Roman. Wien (Residenz Verlag) 2026. 368 Seiten.
26,00 Euro.
Sarah Wipauer geht in ihrem
Debütroman dorthin, wo die Poesie hin soll: In die Zwischenräume, in den
Untergrund, in die Fantasie, in den Mixer zwischen Fakt, Fiktion,
dem was ist
und dem was sein sollte. In die glatten Fugen zwischen Bullshit und Nichts.
Ist das ein Roman über Wien, Tod,
Frauen, Österreich, vergessene Geschichte, erfundene Geschichte, nichts davon,
alles davon? Irgendwie alles auf einmal. Das Wien, das in diesem Roman
entsteht, wird vom Untergrund aus gehäutet wie eine plastische Phantom-Zwiebel,
tatsächlich (für mich) stellenweise vergleichbar mit Henry Millers Paris in Tropic
of Cancer: das unzuverlässige Erzähl-Ich sendet einen dermaßen eindrücklich
durch die Straßen und Bezirke, in diesem Fall vom unten herauf, dass einem das
Wien dieses Romans wie ein schwebender Sepia-Abdruck im Hirn hängt.
Das als Autorin in dieser
Konsequenz Hinzubekommen ist – hier kommt das verflixte Wort: Kunst. Was in
diesem Roman gibt es wirklich, was gibt es nicht? Gibt oder gab es eine
pneumatische Untergrundbahn in Wien mit der die Toten zum Zentralfriedhof
befördert wurden? Eine kurze Internet-Sidequest zeigt: Als kurioser Vorschlag
im 19. Jahrhundert, der dem Roman offenbar als Inspiration gedient hat. In der
Realität allerdings nie. Aber, ich vermute, da sind wir uns alle einig: es
sollte sie geben, und dank des Romans gibt es sie jetzt.
Stell dir eine sauberst
funktionierende Großstadt vor, in der du in deinem Büro sitzt und ein erheblich
zu buntes Fruchtjoghurt isst, während unter dir durch Röhren Leichen zum
Friedhof zischen. Da schmeckt das Konzentrat im Joghurt doch gleich doppelt so
super. Und wenn es eine solche Untergrundbahn gibt, gäbe, jemals gegeben hätte
-- dann würde sie in Wien definitiv “Die Pneumatische” genannt.
Der Roman ist treffsicher in
seinen Austriazismen, sticht in die österreichische Mentalität rein wie eine
Nadel in das Insekt als Studienobjekt: irgendwo zwischen Morbidität, Symbolik
und Kontext; vergessener Geschichte, fehlender Geschichte, tatsächlicher
Geschichte; zwischen realen Straßen und erfundenen Untergrundwegen, realen
Personen und Dingen, die diese realen Personen nie gemacht haben, z.B. als Tote
durch eine pneumatische Untergrundbahn zum Friedhof gejagt zu werden: irgendwo
da hängt dieser Roman, als Erinnerung an das, was vergessen wurde, und als
Erinnerung an das, was sein könnte.
Dungeon Crawler Merian. Über den
Bezug zum Namen wurde woanders bereits geschrieben, mir gefällt das konsequente
Fehl-Naming der vater- und mutterlosen Erzählinstanz im Roman. Ist witzig. Insgesamt muss man der
Autorin dafür Propz geben, dermaßen konsequent aus Zeitgeist, Mode und der
üblichen Vorstellung eines Wien-Romans (soweit existent) zu steppen und einen
neuen, freshen Alternativentwurf zur Realität zu präsentieren, irgendwo
zwischen Erinnerung, Vergessen, Phantom und Möglichkeit.
Realität ist die Banalität der
Watschen des Alltags, die uns jeden Tag mit demselben alten müden Geräusch
trifft. Wir haben Kunst und Literatur, um dieser Watschen zu entkommen. Das
bietet dieser Roman.