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Sarah Kofman: Nietzsche und die Metapher

Diskurs/Poetik/Essay > Glossen
Jan Kuhlbrodt

Sarah Kofman: Nietzsche und die Metapher. Übersetzt von Florian Scherübl. (Wolff Verlag) 2014. 290 Seiten. 19,90 Euro.

Es gibt beglückende Leseerfahrungen, die einher gehen mit einer Erschütterung, was die Schicksale von Texten und Autorinnen bzw. Autoren betrifft. Unendlich dankbar aber bin ich den Autoren, Herausgebern und Übersetzern, die eben solche Texte in den deutschen Sprachraum bringen, und mir, der ich kein Französisch lese, eine Rezeption ermöglichen. In vorliegendem Fall ist es der Herausgeber und Übersetzer Florian Scherübel und der Wolff Verlag, die mir Sarah Kofmans Text „Nietzsche und die Metapher“ zugänglich machten. Es dauerte einige Jahre, bis das Buch, das bereits 2014 erschienen war, auf meinem Schreibtisch landete. Aber das ist wohl das Schicksal von Publikationen in kleineren Verlagen, dass die Aufmerksamkeit des Publikums selber eine fehlende Werbemaschinerie nur schwer ausgleichen kann.
    Kofman untersucht also in ihrem Buch Nietzsches Metaphorik und macht so die Lektüre des zwischen Wissenschaft und Belletristik changierenden Werkes des Altphilologen, Dichters und Philosophen aus dem Saaletal noch spannender, als sie ohnehin schon ist.

„Keine Lektüre ohne Interpretation, ohne Kommentar, das heißt ohne eine neue Schreibweise, welche den Sinn der ersten leicht verschiebt, die Perspektive des Aphorismus in eine neue Richtung treibt, ihn bei sich selbst ankommen lässt. Jede Lektüre gebiert einen anderen Text, schafft eine neue Form: Das ist er, der Effekt der Kunst.“

Das schreibt Sarah Kofman in ihrem Buch „Nietzsche und die Metapher“.  Es ist eine Art Ausgleichslektüre. Erschienen ist sie vor einigen Jahren im Wolff Verlag. Kaum wahrgenommen, dabei handelt es sich bei Kofman um eine der Hauptprotagonistinnen des Dekonstruktivismus. Ihre Leistungen auf diesem Gebiet stehen nicht hinter denen Jaques Derridas zurück, und doch: Schaut man auf die übersetzten und im deutschen Sprachraum angebotenen Texte, dann scheint es, dass von Derrida zwar jede Einkaufsliste übersetzt wurde, von Sarah Kofman aber nicht einmal ihre Werke, die sich nicht mit Derrida beschäftigen. Mit dem Nietzschebuch, liegt aber wenigstens ihre Dissertationsschrift vor. Und die hat es in sich.  

Wenn ich auf Sätze wie folgenden stoße, bin ich für einige Zeit angeregt und beglückt, unter anderem deshalb, weil der Übersetzer sich nicht zum letztgültigen Interpreten aufschwingt, sondern in aller Vorsicht auf Varianten verweist.

„Als metaphorische ist die Sprache ausgesprochen ‚ungerecht’/ ‚unrichtig‘ (injuste), selbst, wenn einzig diese Ungerechtigkeit/Unrichtigkeit (injustice), als Ausgleich der Differenzen, die Gerechtigkeit und soziale Ordnung erlaubt.“ a.a.O. S. 60.

Sarah Kofman war das dritte von sechs Kindern polnisch-jüdischer Eltern, Fineza (geborene Koenig) und Rabbiner Berek Kofman, die 1929 nach Frankreich emigriert waren. In der Familie wurde Jiddisch und Polnisch gesprochen. 1942 beantragte Berek Kofman, der im Personen-register der Polizei des Vichy-Regimes als Staatenloser geführt wurde, die französische Staatsbürgerschaft für seine Tochter Sarah. Im Juli wurde er in das Sammellager Drancy deportiert, mit dem 12. Deportationszug am 29. Juli ins KZ Auschwitz, wo er ermordet wurde. Sie und ihre Geschwister überlebten außerhalb von Paris. Der Großteil der Familienangehörigen des Vaters in Polen starb beim Aufstand im Warschauer Ghetto. Von den Erfahrungen der Flucht traumatisiert verbrachte Sarah zusammen mit ihrer Schwester Annette neun Monate in einem Sanatorium für Kinder und wohnte anschließend in einem Heim für Kinder von Deportierten.  Nach dem Abitur studierte sie 1955 bis 1960 Philosophie an der Sorbonne, und unterrichtete nach ihrem Diplom-Abschluss am Lycée Saint Sernin in Toulouse und von 1963 bis 1970 am Lycée Claude Monet in Paris. Von 1970 an arbeitete sie mit Derrida als dessen Assistentin. In ihren letzten Lebensjahren, sie starb 1994, wurde dieses Schicksal der Verfolgung und Vertreibung zur Zeit der deutschen Besatzung Frankreichs Gegenstand auch ihres literarischen Werkes.


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