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Sandro Zanetti: Celans Lanzen

Rezensionen/Verlage


Jan Kuhlbrodt

Sandro Zanetti: Celans Lanzen. Entwürfe, Spitzen, Wortkörper. Zürich (Diaphanes Verlag) 2020. 256 Seiten. 25,00 Euro.

Lanzen


Sandro Zanetti hat ein für meine Begriffe höchst anregendes Celanbuch vorgelegt.
    Zanetti, Jahrgang 1974, war Juniorprofessor in Hildesheim und unterrichtet seit 2011 als Professor für allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Das Buch heißt: „Celans Lanzen. Entwürfe, Spitzen, Wortkörper“ und ist im Verlag Diaphanes in der Reihe Denkt Kunst erschienen.

Der Titel bezieht sich auf einen kurzen Text, den Celan gemeinsam mit Edgar Jené 1948 in Wien verfasste und der den Surrealismus als Kunstform emphatisch verabschiedete. Der Titel des Textes ergibt sich aus einer anagrammatischen Behandlung der Namen Celan und Jené. Eine Lanze.
    Das Motiv der Lanze allerdings findet sich auch schon in früheren Texten Celans. Dieses Motiv aufnehmend und gewissermaßen in ein eigenes textliches Genre verwandelnd, betrachtet das Buch einzelne Komponenten des Celanschen Werkes, ohne sie zu einem übergreifenden Gesamtbild zu modellieren. Das Werk ist das vorliegende in seiner ihm eigenen Struktur.

„Sondern Theorie heißt (hier): eine Perspektive, ein Zugang, womöglich auch ein Umweg, der etwas erschließt oder zugänglich und in diesem Sinne auch nachvollziehbar macht.“

Zanetti also entwirft selbst Lanzen, das heißt, Texte mit kurzen (spitzen) Überschriften, die sich auf einzelne Aspekte des Celanschen Werkes, aber auch auf Auffassungen und theoretische Positionen beziehen. Dabei kann der Autor sich natürlich auf eine mittlerweile breite Celan-Forschung stützen und auch auf eine forcierte Entwicklung ästhetischer und literaturwissenschaftlicher Positionen in den letzten Jahrzehnten.

Zum Beispiel setzt das Kapitel „Du und Ich“ mit einem kurzen Rekurs auf Gadamer ein, um die Gadamersche Position letztlich unter anderem mit Celanschen Selbstaussagen zu konfrontieren und auch zu dekonstruieren.

„Fürs Du im oder ausgehend vom Gedicht hielt Celan im Meridian fest, dass es sich überhaupt erst im Zuge des Angesprochenseins durch das Gedicht konstatiere.“

Das Du bringt jedoch durch die Nennung zugleich sein Anderssein mit. Das Du wäre letztlich also kein Außertextuelles. Aber: Celans Ausführungen im Meridian zufolge konstituiere sich das Angesprochene und durch Nennung gleichsam zum Du gewordene erst im Gespräch, im Dialog. Hier findet sich deutlich der Verweis auf den diskursiven Charakter. Und das ist eines der Momente, auf die Celan – und in diesem Zug auch Zanetti – immer wieder insistieren.

Ein weiterer spannender und in diesem Zusammenhang auch bedeutender Aspekt, nicht nur in Celans Werk, ist die Frage nach dem Biografischen. Dass echte Dichtung antibiografisch sei, so zitiert Zanetti eine Notiz Celans, um aber im Folgendem nach dem Wirklichkeitsgehalt von Dichtung zu fragen. Und er kommt zu einem vorläufigen Fazit:

„Und doch hat sich hier die Spur eines Lebens dokumentiert. Dieses Leben hat sich allerdings ganz in die Schrift zurückgezogen. Es hat sich damit auch entfernt von einem Leben, das sich – unberührt vom Schreiben? – bloß außerhalb des Schreibens abspielen würde.“

Am Anfang des Bandes finden sich einige Ausführungen, die auf Celans Bezüge zur Geologie eingehen, die Celans Texte mit geologischen Fachbüchern aus seiner Bibliothek abgleichen. Und die Celans naturkundliches Interesse und Wissen belegen. Dazu sei noch einmal an eine Anekdote erinnert, von der Gadamer berichtet:

„Heidegger hat mir erzählt, daß Celan im Schwarzwald (oben) über Pflanzen und Tiere besser Bescheid wußte als er selber,“ (Hans Georg Gadamer in: Wer bin Ich und wer bist Du? S. 15)
    Gadamer bringt also in seinem Celanbuch zum Ausdruck, dass Heidegger erstaunt gewesen sei, dass Celan so viel über die Natur wisse, obwohl er doch in der Stadt lebe. Hier zeigt sich vielleicht der Unterschied zwischen dem Walkjankerträger und Philosophen Heidegger und dem Kosmopoliten Celan. Heidegger begegnet der Natur, wie er es in seinem Vortrag „Die Technik und die Kehre“ (Opuscula 1) der ganzen modernen Menschheit unterstellt, im Zusammenhang mit der Atomkraft als Ge-stell. Sein Landleben erweist sich als Staffage. Celan hingegen begegnet der Natur mit Verwunderung und Interesse. Und wieweit dieses Interesse in seine Dichtung reicht, wird in einigen Passagen der Lanzen Zanettis ersichtlich.

Damit allerdings ist das Lanzenbuch in seiner Vielschichtigkeit nur angerissen.


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