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Sabine Sicaud: Das Kino

Gedichte > Gedichte der Woche

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Sabine Sicaud
Das Kino
aus dem Französischen von Tim Trzaskalik


Das Kino
 
(Für einen alten Herrn,
der das Kino nicht kapiert)

Schattenloch. Dunkle Grotte, wo man wage fühlt,
Wie sich Wesen regen. Bleich die nackte Leinwand
Eine aufs Unbekannte sich öffnende Bucht ...
Leise Musik, Schwüle, ein Flüstern und Wispern,
Duft nach Mandarinen,
Zuckerstangen, gerösteten Mandeln.
Erwartung, der sture Klang eines Glockenspiels.
Kleines Getänzel sich verstreuender Strahlen.

……………………………………

Dann brüsker Sonneneinschlag. Das Mysterium
Dieses sich belebenden Schneerechtecks.
Blühende Gärten, Gipfel, Flüsse, Idyllen,
Tragödien, Städte, Wälder, die weite Welt ...
Die weite Welt, und der Himmel, weit, der Zauber
Stimmlos
Mit Augen, mit Lippen sprechender Gesichter.
Genaue Gesten, Ruhe, Kraft
Oder überstrapazierte Nerven, Fieber,
Glück und Verzweiflung. Worte? Nein. Wozu?
Das Lächeln, die Träne,
Der Wimpernschlag ...
Die Emotion braucht keinen Lärm.
Eine Linie, Punkte ... der Faden
Der heiteren oder traurigen Geschichte.

Magst Du Menschen in Bewegung sehen?
Du sitzt da und betrachtest die Menge.
Magst Du die Wüste? Du durchquerst sie, im Sommer,
In der Feuersglut, und dazu brauchst Du
Nur den Sand an Deiner statt laufen zu lassen.
Die Ebenen, Berge, Meere vertrauen Dir
Ihre Geheimnisse an, und der Pol so nah,
Dass Eskimo Nanuk ihn brüderlich empfängt.
Und der Dschungel so nah,
Dass Du Dich ihm anschließt, dem Jäger der Panther ...
O die schönen Reisen, die Du nie machen wirst!

Du kennst alle Helden,
Aus der Geschichte und auch aus der Legende;
Alle Geschichten aus Tausendundeiner Nacht,
Die Märchen von einst und die Märchen von heute,
Und die Tempel, die Paläste,
Und die Dörfer und Weiler im Mondschein,
Sie kennst Du auch, Du, eingesperrt vielleicht
hinter grauen Wänden, grauen Dingen
In Deinem grauen Leben – oder schlimmer noch ...


Schau, Blumen gehen auf, Vögel laden Dich ein:
In Aladins Obstgärten füllen sich Körbe:
Du, der Du eingesperrt warst, pflück sie, die Träume!
Wie ein Porphyrbogen öffnen sich die Wände: Flieh!
Es regnet oder der Wind pfeift über das Dach,
Oder ein heißer Julitag
Oder auf der Straße zu viel Sonntagsgeschwätz,
Dann komm in den wundersamen Winkel und schau ...

Hier ist die erlebte Stunde,
Und sei sie auch schrecklich – alle Dramen möglich! –
Um ihres halben Schreckens erleichtert,
Und da sitzt Du, wie die noch ganz Kleinen,
Und lachst, Du der weinte ... Du lachst,
Du, Greis, wie Schulkinder, die nichts verblüfft.

Charlie ist da… Charlie! Und Keaton, und Fatty,
Und für dieses gute Lachen,
Erobert in Dir selbst,
Geben Sie Dir ihr Bestes, ihr Bestes!

Stumme Kunst, in der Tat ... Füg nichts hinzu. Lieb sie,
Und Du wirst sie lieben, was auch immer Du sagst,
Die lebende Kunst, ihr neues Gesicht,
Ihre neue Sprache aus Längen und Sprüngen
Und Trugbildern und beweglichen Dekoren ...
Komm und setz Dich ruhig neben diese Leute,
Die der Schatten schluckt, sei unvoreingenommen.
Schau es, das Wunder der Nacht dieses schmalen Saals
Mit den langen grauen Wänden: ein Film, der läuft.


Sabine Sicaud (1913-1928), aus: Poèmes d’enfant, 1926.
Sabine Sicaud, aus Villeneuve-sur-Lot, im Südwesten Frankreichs, war elf Jahre alt, als sie ihren ersten Poesiepreis erhielt (den Jasmin d'Argent in Agen). Im Alter von dreizehn Jahren erschienen ihre Poèmes d'Enfant (Kindheitsgedichte), mit einem Vorwort von Anna de Noailles. Mit fünfzehn Jahren starb sie an Osteomyelitis (Knochenmarkentzündung). Im letzten Lebensjahr beschrieb sie ihre Leiden visionsstark in Gedichten, die als Les Poèmes de Sabine Sicaud erst 1958 veröffentlicht wurden.

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