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Ruxandra Novac: Alvarda (Auszug)

Lyrik heute
Ruxandra Novac

Drei Auszüge aus dem Gedichtband Alwarda, Pandora M Verlag
 
(Sofia-Nădejde-Preis für Frauenliteratur, Lyrik)

übersetzt aus dem Rumänischen von Manuela Klenke


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Eine staubige Stadt und ein flüssiges Haus. Der Körper verfügt über eine ausgeprägte Fähigkeit, sich der Kraft anzupassen, die auf ihn einwirkt, seine Ausdauer zu dosieren, seine Konturen von ihr umformen zu lassen, im Grunde. Und über L.U.S.T, die die Augen funkeln lässt. In merkwürdigen, bedrohlichen Zeiten träumen wir von Wasser.
Utensilien. Ein größerer Körper als meiner, obwohl es meiner war. Ein organisches Filmband. Mich faszinierte der Ausdruck body liquids, nie habe ich darin das erkannt, was man normalerweise darunter versteht. Body liquids waren nur die Lymphe, etwas Unsichtbares, das zurückbleibt. Keine Gewalt, nur deren Reste. Keine Teilhabe, nur begrenzte. Nicht anwesend, aber als anwesend betrachtet sein, es soll ein bisschen glänzen, während man sich verliert. Lymphe, Speichel. Das Verlangen, das das Wasser im Mundwinkel zusammenlaufen lässt. Das war eine komplett falsche, kaputte Nacht, ich wünschte mir, es hätte sie nie gegeben. Wir haben uns niedergerissen. Morgen ist Supermond. Ich denke an tote Räume, bis zum Gehtnichtmehr gefütterte Insekten darin, Überfluss. Das Schlimmste, was es auf der Welt gibt. Endlos verviel-fachte Sachen. Nicht um 4 a.m., die Spritze des Morgens, sondern Sonntag zur Mittagszeit, nicht die goldene Finsternis, die blutigen Morgen, auch nicht die polaren Abende, sondern Sonntag zur Mittagszeit, wenn die Kräfte dich verlassen, Sonntag zur oxidierten Mittagszeit der Körper, geschmolzen übers Herz.



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Du hasst dich aber und keiner kann dir die Wucht wegnehmen. Du erfindest eine doppeldeutige Sprache, die sie in sich trägt. Du gehst über diese Sprache hinaus, treibst sie voran. Shdjddjdkk. Tauch mit ihr in die Tiefe, vervielfältige sie noch einmal. Verwandle sie innerhalb ihres eigenen Universums. Nichts bleibt unverändert. Es ist nicht mehr die Sprache der Menschen, sondern die der Tiere, die der Mineralien, die gegeneinanderstoßen, die der im Wind zerbrochenen Dinge. Da ist kein Haus mehr, sie hat sich in allen Häuser, die du jemals bewohnt hast, verwandelt; sie ist explodiert. Du hast die Panik überwunden, die erste von allen, jene Art von Panik, die am schwierigsten zu entschärfen ist. Die Angst, dass du von jemand anders ersetzt sein wirst, dass du womöglich bereits ersetzt worden bist, ohne dass du es weißt. Sie kommt von weit weg, jetzt ist sie da, bei dir. Es ist gut, dass du das weißt – nein, es ist nicht gut. Die Flüssigkeiten des Körpers sind verschwunden, alles wirkt aufgeräumt. Die Flüssigkeiten der Welt befinden sich hinter einem Quecksilbervorhang. Sie sind nicht mehr in deiner Reichweite. Das Leben verbessert sich, beruhigt sich. Du kannst endlich unrein sein. Du hast mit ganzer Seele gearbeitet und sie wurde zerstört. Bruxelles, Detroit. Autos und Heizöl. Industrie und ihre Ruinen. Die Stadt bekommt immer weniger Staatsgeld, sie wird sich selbst aufbrauchen müssen, das tut sie auch, aber immer seltener, mit immer weniger Ressourcen.



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In Wirklichkeit sind alle Städte sehr alt und bluten. Zwischen den Flugzeugen Kreisläufe, in die Körperwasser eingedrungen ist, aus den verschwitzten Körpern der anderen, so wie in einem englischen Rave, genau so, nur in kleinem Maßstab, in der gelatineartigen Masse zwischen Schlaf und Erwachen. Zu einer Stunde wie Spandexfasern, wenn stille Lebewesen erscheinen, lehnt sich eines der Mädchen mit ganzem Körper auf meine Schulter, die in Wirklichkeit abwesend und formlos ist. Ein Hauch von goldenem Puder auf den Fingern, ihr seid Rücken an Rücken in diesem Moment, in der Luft aufgelöst und doch fühlst du, erst in den Wirbeln, dann auf der Haut, einen Brand und der ist das einzige Physische. Du weißt, dass der Sommer lang und aufwühlend sein wird, brutale Flüssigkeiten, die die Menschen verbinden, werden unter ihrem Schutz bewusstlos. Goldenes Pulver, die das Zurückhalten liquidieren, wie in Dour, als wir in der Nacht stundenlang das Auto auf der Wiese gesucht haben, bis wir auch das vergaßen. 80er, Repeat, Ozeane. Inseln, überall Inseln und darauf Unfälle, Gegenunfälle — Organisieren —
Gegenorganisieren — Vorsicht.


Ruxandra Novac, geb. 1980 in Făgăraș, gilt als eine der Speerspitzen der literarischen Gruppierung Fraturi/Brüche, welche zu Anfang des Jahrtausends die literarische Produktion dominiert hat. Als Gymnasiastin schrieb sie Gedichte und las 1997 erstmals öffentlich beim literarischen Kreis Interval aus Brașov (dt. Kronstadt). Ruxandra Novac studierte Sprach-wissenschaften an der Universität Bukarest und debütierte mit dem Gedichtband ecograffiti. poeme pedagogice. steaguri pe turnuri/ ecograffiti. pädagogische lyrik. fahnen in den türmen (Vinea Verlag 2003, 2005). 2018 wurde das Buch im Tracus Arte Verlag neu ver-öffentlicht. Ihre Texte wurden in verschiedenen Anthologien veröffentlicht, neben Rumänien u.a. auch in Moldawien, USA, England, Belgien, Slowenien, Tschechien. Ruxandra Novac lebt zurzeit in Deutschland.
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