Roni Bahat: Fünf Gedichte
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Foto: privat
Roni Bahat
Fünf Gedichte
Aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer
Blutorange
Mein einziger Wunsch war, in das Intervall zu fallen
zwischen dem Schälen einer Orange und der nächsten
der Geruch, das Jucken in den Handflächen
Mutter hält eine Orange.
Ich kann keine Orange sehen, ohne die Hände
meiner Mutter, wie sie sorgfältig weiße Enden
entfernt, die an dem orangenen Fleisch hängen
alles, was sich glätten lässt, reinigen.
Es ist nicht ihre schuld
wir wissen das beide.
Dieser Sommer
Den ganzen Sommer
ein eingewachsener Nagel
trockene Haut an den Sohlen
zwischen den Zehen
Schnitte an den Fußgelenken und an der Innenseite
vom linken Bein, ungestüme
Weiblichkeit (Zyklusschwankungen)
Untersuchungen auf Geschlechtskrankheiten
geschwollene Lymphdrüsen
Haareschneiden (nur von Orli, nur die Spitzen).
Rachenentzündung, Virus im Bauch, Erkältung
sogar mehrmals. Sichtbare Poren
Hautunreinheiten. Sonnenschutzcreme
weißer Abdruck über der Brust, wo
der Knoten gemacht wurde. Drei Overalls
drei Kleider (eins ist ein Geschenk
nicht gekauft), und ein Badeanzug.
Miki ja. Chalid nein.
Und nicht mal einer
schläft in meinem Bett.
Ich verlangte nach Umarmungen von 30 Sekunden
und verabschiedete mich bloß in mein Kinderbett
in dem jetzt Papa liegt.
Ich zählte nicht das Geld, Stunden Schlaf, die ich nie
zurückbekäme
nachts wachte ich auf, murmelte danke, klatschte
Beifall
morgens bat ich darum, nicht zu sterben, nicht jetzt,
nicht
diesen Sommer.
Ich kauerte in der Frosch-Haltung
hielt den Kopf fest
und rührte mich nicht
wachte von allein um sechs Uhr morgens auf
schrie aus dem Fenster, tanzte
fünfmal in meinem Zimmer, zweimal in der Küche
erhielt Preise, schwieg darüber
rahmte Zeugnisse
erschrak, als man mir sagte
brich dir ein Bein oder bring was zustande
ich umgab mich mit den richtigen Leuten
überquerte den Atlantischen Ozean
sehnte mich nicht
das heißt, drehte vor Sehnsucht durch
hatte Angst zu verlieren
das heißt, loszulassen, was noch nicht ist
redete immer wieder über Arbeit
beim ersten Mal sagte ich:
Was soll nur werden, Roni, das ist doch wirklich zu
viel
wann hast du denn Zeit dafür. Den ganzen Sommer
schmiegte sich
keiner an mich.
Erde
Erinnerst du dich, wie wir in den Stoffladen rein sind in
der Nachalat Binjamin
auf der Suche nach dem passenden weißen Farbton
für den Vorhang
den du für mich nähen wolltest, damit ich angenehmes
Licht hätte im Zimmer
die Privatsphäre, die ich brauche
um mich einzupuppen
in der eigenen Ecke. Du hast erzählt
von dem jungen Mann, der dir gefiel
ich nickte dir zu, blickte konzentriert,
bis der Verkäufer
der außerdem ein buddhistischer Mönch war, fragte
was für ein Sternzeichen wir sind
und zu dir sagte, mit einer Handbewegung „mach weiter“:
Ihr Element ist die Erde, sie wird alles aufsaugen.
Anschließend saßen wir in dem kleinen Café
da kam der Rabbiner mit den roten Armreifen
wir haben gelacht, aber welche genommen, auch Geld
gegeben
und ich packte mich fest ein in den schwarzen Anorak
um von jenem einen zu erzählen
der zurückkam, und wieder ging, wo ich mir sagte
er wird noch mehrmals kommen und wieder gehen
obwohl ich spürte, ich muss ihn freigeben
wie Staubblätter auf dem Höhepunkt des Sandsturms
der aus Syrien kam
hoffen, er kehrt in einem anderen Gilgul, der nächsten
Runde wieder
wenn er sich angefüllt hat
mit der Sehnsucht nach Erde.
Glas
Ich wollte zurück in mein Elternhaus
die Fahne auf Halbmast setzen
das Kämpfen sein lassen, nicht festhalten
an den Männern, die durch dein Blut fließen.
Ich stieg in das Taxi, wollte sagen
Tagore 57
Mutter, Vater, Doron und Amir
das Wohnzimmer mit dem Glastisch
im Kreis laufen auf dem Teppich
mit Feldflaschen um den Hals
dabei singen „Oi oi oi, sie knetet, knetet“
die Gesichter mit den Händen umfassen
den Körper auf die Couch fallen lassen
unter die Decke aus Ägypten schlüpfen, von Mamas Großmutter
die, die man ständig nähen muss
und Mutter mich nicht in meine Wohnung mitnehmen lässt (zu Recht)
Hühnersuppe essen, Seinfeld schauen, schlafen
den Staudamm einreißen zwischen ihnen und mir
sagen: Kann nicht, muss, wurde verführt.
Der Fahrer sah mich im Rückspiegel an
ich sagte: Nachum Sokolov 8 bitte
dort ließ ich mich fallen
und wiegte das Becken
bis ich einschlief.
Wein
Seit er weggefahren ist
werfe ich Weintrauben aus dem Fenster.
Es sind noch fünf übrig.
Ich habe am Wein gerochen, den Kleidern
bin um fünf Uhr morgens ins Emek ha-Ela gefahren
und habe die Weinstöcke betrachtet
das Verhalten von Pflanzen ist veränderbar
durch bloßes Betrachten
je mehr ein Weinstock sich gemüht hat, an eine Wasserquelle zu
gelangen
umso bessere Früchte wird er geben.
Ich lasse die Trauben zwischen den Fingern wandern
wie Perlen an einer Gebetskette
schätze die gewünschte Distanz.
Anmerkungen:
„Oi oi oi, sie knetet, knetet“: Sind Worte aus dem jiddischen
Volkslied Chanale, die kleine Bäckerin (Chanale ofa ketana), dessen Verfasser
unbekannt ist.
Alle
Gedichte aus: Roni Bahat: M and M (m & m), Haifa: Pardes Hoza’a Laor
2024.
Roni
Bahat,
geboren 1989 in Tel Aviv, wo sie auch heute lebt. M and M (m & m)
ist ihr Lyrik-Debüt; der Band erschien im September 2024 mit Unterstützung der
Rabinovich Foundation im Pardes Verlag. Zuvor waren
ihre Gedichte in verschiedenen israelischen Tageszeitungen und
Literaturzeitschriften zu lesen, darunter Haaretz, Ma’ariv, Helikon,
Mosnayim, Iton 77 und Ma’ayan. Sie ist außerdem
Filmemacherin; 2024 gewann sie den Filmpreis des Kulturministeriums für
Künstler:innen am Beginn ihr Laufbahn. Ihr letzter Kurzfilm Grenze
(Gvul) wurde von dem französischen Fernsehsender Canal+ in sein Programm aufgenommen
und auch in Israel ausgestrahlt. Ihre vorherigen Kurzfilme Alte Sachen
und Begin ernteten ebenfalls internationale Erfolge. Roni Bahat hat
literarisches Schreiben an der Minshar School of Art in Tel Aviv und Verhaltensbiologie
am Academic College of Tel Aviv-Yaffo studiert.
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