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Ron Winkler: Magma in den Dingen

Rezensionen/Verlage


Andreas Hutt

Ron Winkler: Magma in den Dingen. Gedichte. Frankfurt a.M. (Schöffling & Co) 2021. 98 Seiten. 20,00 Euro.

„kann ich das zur Sprache bringen oder ist es schon dahin gebracht?“¹
Ron Winklers Gedichtband „Magma in den Dingen“


Vielleicht kann man sich den Gedichten Ron Winklers annähern, indem man das Cover seines neuen Bandes betrachtet. Es zeigt einen asphaltgrauen emblematischen Fisch, der mit einem Propeller versehen über einer kargen Landschaft fliegt. Auf dem Fischsymbol befinden sich waagerecht zueinander gespiegelt zwei Häuserzeilen.
    Ron Winklers Gedichte scheinen mir genau das zu sein, was das Cover darstellt: surreale Tableaus, fliegende Fische, auf denen man wohnen kann. Realitätsbezüge sind nebensächlich, alles kann zur Sprache gebracht, Gedicht werden. Damit setzt der Autor in „Magma in den Dingen“ die Schreibansätze fort, die er bis zu seinem letzten Band „Karten aus Gebieten“ ausgearbeitet hat, nicht ohne sie weiterzuentwickeln.

Im ersten Zyklus „Alpine Störung“ wendet sich Winkler einem Topos zu, der von ihm bereits in früheren Bänden wie „Vereinzelt Passanten“ oder „Fragmentierte Gewässer“ aufgegriffen wurde, nämlich dem Naturgedicht. Winkler präsentiert in fünf Blöcken zusammengefasst über fünfzig Texte, die sich mit den Alpen befassen. Dabei dienen die Berglandschaften lediglich als Assoziationsraum für das lyrische Ich, das seine Gedanken – häufig in Form von Handlungs-anweisungen – einem lyrischen Du übermittelt.

Geh durch die Klamm, an der sich auch die Wellen brechen,
hell wie brennendes Magnesium, Sommerscheibenfleisch,
der Einfluss Chinas
schwerwiegend bis in die zu einem Lächeln ausgeformten Mundwinkel hinein,
die bei Druckverlust der Riffkante beinahe
entsprechen

Es geht in diesem Kapitel nicht um die Darstellung der Natur, sondern darum, dass das lyrische Du das Verhältnis zur Landschaft im Sinne des lyrischen Ichs klären soll, so dass Landschaft Sprache und damit Gedanke wird.  

dort, wo das sich einrieselnde Geröll von dir geäußert zum Geheimnis wird,
zweisam sein wie Crusoe

Die „Alpine Störung“ ist dadurch gegeben, dass die Erwartungshaltung des Lesers, Sprache diene zur Beschreibung bzw. Interpretation der Landschaft gebrochen wird, Sprache als Werkzeug zur Übermittlung klar entschlüsselbarer Inhalte infrage gestellt wird.  

Das zweite Kapitel des Bandes besteht im Wesentlichen aus Gedichten, die mit dem Titel „Nachtrag“ benannt sind. In diesen Texten wird das Verfahren, Raum zum Assoziationsraum, Erleben zum sprachlich-assoziativen Erleben werden zu lassen, auf die Spitze getrieben, indem in einigen Gedichten grammatische Regelbezüge zwischen den Worten aufgegeben werden („ich […] muss niemanden vereisen“, Nachtrag 17 – oder „das Cheval steht weiblich an/ das Zaun.“, Nachtrag 3) oder der Wirklichkeitsbezug in anderen vollständig verblasst (Nachtrag 6, Nachtrag 10).

Manchmal missrät Winkler ein Bild („doch hab ich den ganzen Tag an HIV verloren“, Nachtrag 2) oder gerät zu kalauerhaft („ich farme noch einmal/ von vorne an“, Nachtrag 1 – oder „oh unerträgliche Verkleidigkeit des Seins“, Flug Ginsberg 965), worüber man angesichts der Fülle der Bilder und der Sprachgewalt des Autors gern hinwegsehen kann.

Vor einigen Jahren äußerte sich Ron Winkler bezüglich der Frage, was in einem Gedicht für Kohärenz sorgt, dahingehend, dass vielleicht ganz wenig das Gedicht zusammenhalte.² Im Band „Magma in den Dingen“ bilden Orte, die manchmal eher erahnbar als klar analysierbar im Gedicht aufscheinen (z.B. Strand im Nachtrag 1), und Motive sowie Assonanzen die inhaltliche oder sprachliche Klammer, die in Winklers Texten für Kohärenz sorgen (z.B. „Wanderlust/ hast du gewusst“, Nachtrag 10 oder „wie weiß das Joch ist. die Budgetlinie im Weichbild: weiß“, Alpine Störung III).
    Auf diese Weise schafft es der Dichter, sich dem sperrigen Thema Arbeit an der Sprache mit Humor und einem beeindruckenden klanglichen Ästhetikempfinden für Worte anzunehmen. Dadurch, dass er innersprachliche Bezüge sowie die Beziehung zwischen Sprache und Realität permanent aufbricht, ergeben sich Denkanlässe bzw. Denkanreize für den Leser, somit eine eminente Bereicherung bei der Lektüre.    

Nachtrag 17

in einem blühenden Baum ein Summen,
als wär noch einmal zwanzigstes Jahrhundert. in meiner Hand
sind zweifelhafte Arten. am Ufer
finden sich wie überall verschiedene Orte,
beim Atmen kriegst du ein Gespür dafür.
Personen, die du kennen könntest, oszillieren. sie alle
haben ihre anderen mitgebracht. ich lass die Fragezeichen
einseitig geöffnet, muss niemanden verreisen. ich bin wie meist
in einen Punkt verwickelt, von dem aus ich dich starten kann. du drohst
mit Schwan, wo ich doch nur das Flattern zoologisiere,
das der Pflanzenwelt direktes Gold bereiten kann.


¹ Alpine Störung, III – S. 19.
² Was hält ein Gedicht zusammen? Hrsg. Von Helmut Hühn, Nancy Hünger und Guido Naschert, Weimar 2018.


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