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Roman Polách: Grad 8 (Gedichte)

Lyrik heute
Foto: Ondřej Mazura
Roman Polách
Grad 8

aus dem Tschechischen übersetzt von Patrik Valouch


Stadthorizont – der Horizont strahlt in einer grauweißen und orangenen Farbe, die Zeitungsüberschriften sind auch ohne Lichtquelle problemlos zu lesen. Einige Sterne der bekannten Sternbilder sind kaum oder gar nicht sichtbar.

1.

sobald wir alle auf der arbeit sind
füllen die tiere die straßen
eine feuerkatze brennt gelassen am gehsteig
ein buntspecht nässte sein bäuchlein in roter farbe
und kratzt an der baumrinde
der spähspatz weiß dass die menschen auf der arbeit sind
und dass sie an ihre nächsten denken die sie im halbschlaf nur
morgens und dann erst wieder abends sehen wenn sie die augen schließen
beginnt im dunkeln wieder die welt der tiere denen
wir aber nicht mehr begegnen wir wollen nur noch aufholen
was wir tagsüber nicht geschafft haben und halten uns wütend an den händen
wenn wir auf der arbeit sind gehört uns die welt nicht
nicht mal unser leben gehört uns
aber noch ist lange Markéta nicht schluss weil
die menschen zum glück nicht alles wissen
ein eintrag über die lebensdauer eines
wunderschönen vogels in gefangenschaft
gibt fünfzehn jahre an
doch die lebensdauer in der freien natur
ist bis heute unbekannt


2.

der wind hat anscheinend den rosa gedenkaschenbecher der urtante heruntergestoßen
behauptet Markéta
überall fliegen hier fleischige tauben schön schlanke elstern unten beim kesselhaus schlagen
sich oft dohlen um das wasser in den pfützen... alle welt hätte diesen aschenbecher
berühren können ich wäre nicht verwundert wenn ich auf die zeitungsüberschrift blicke
riesengroße vogelschwärme sind beinahe imstande den horizont verdecken
aber wir haben nicht gesehen wer oder was den gedenkaschenbecher heruntergestoßen hat
wir haben nicht gesehen wie die vögel den horizont verdecken weil wir uns selbst fast nicht sehen
eines tages werden meine kinder groß sein und ich werde mit grauen ihren wachstum wie
eine flut verfolgen
ich begreife nicht warum ich meine kollegen altern sehe anstatt meine kinder aufwachsen
zu sehen
mit meiner familie zu sein ihnen die zeit zu widmen die übrig bleibt bis zu meinem und ihren tod
ich beuge mich über den balkon und beobachte ob es unten auf der wiese reste vom heruntergestoßenen aschenbecher gibt und tatsächlich –  dort liegen rosa stückchen die ich
wohl aufsammeln sollte
doch nach einem aufmerksameren blick stelle ich fest dass es am ende erste frühlingsblumen sind


3.

„Dort wird‘s einen Elefanten, und einen Nilpferd, und einen Pfau geben.“
Mama und Kind freuen sich auf den Zoo
unglaubliche Geschöpfe
brüllen wie Bagger
Flugzeuge oder mit Kohle überladene Züge
die Hälfte des Tages pfeift dann ein Lastwagen ab
der Sandplatz eines späten Nachmittags
die Taschenlampe der Sonne beobachtet
die letzten Tiere
ihrer Art


4.

Die Sonne ist so geschwängert voll
als müsse sie jeden Augenblick explodieren
am Kai gehen so viele Menschen umher
sie sammeln sich panisch entlang des Flusses – ein Angriff
Alarmsirene Frühling Freizeitgranate
Familien endlich beisammen
Liebe als unerwartete Feststellung Einbruch von Nähe
die aufgrund der Arbeitstyrannei fast unerkannt bleibt
horch – das Beschwatzen des Windes das Belatschern des Flusses
die Verstohlenheit des Lichts das Röntgen des Lebens
eine Hydra von Autos die schon alles befördert haben was nur möglich war
es stimmt nicht dass man sich auf nichts verlassen kann
hier ist ein Stein
da drüben bricht herausfordernd Licht an festlichen Fenstern
der Hund zieht dich zum Licht hinaus der Kater wartet bis
du endlich von der Arbeit und aus den Kneipen nach Hause zurückkommst
ein Käfer geht unter die Erde ein Vogel fliegt unglaublich hoch hinauf
ein Fischkörper wird vom Wasser gekühlt ein Reh wurde irgendwo gerammt und ein Marder flüchtete in den Kanal um sich zu verstecken fast ist er damals mit mir zusammengeprallt
ein Tag so schön als müsse das Ende der Welt kommen


5.

die Sonne verkündet jeden Tag das Ende der Geschichte
die Applikation des Weltalls erinnert jede Nacht ihren Benutzer
daran nachzusehen was vor einer Milliarde Jahren geschah
wenn er nicht mehr den Vogelgesang und den kläffenden Hund ohne das Wissen seines
Herrn hören wird
das Räuspern einer Dohle die sich ein ganzes Halbjahr darauf freut in diesen Park zurückzukehren
das weiße Rauschen des Lebens
wenn keine immer besser werdenden Höhlenformen die übereinander geschichtet sind
stehen werden
tausend Stockwerke hohe Höhlen
die allumfassende Verlängerung des zehn tausende Jahre alten Menschen
der genauso grausam zu seinesgleichen und zusehends grausamer gegenüber allen Lebewesen ist
die er dem Gesetz nach fast alle ausgerottet hat denn die Entwicklung ist die Externalität der Jagd
es wird einen Eintrag wert sein
in die ständig nachwachsenden Nägel der Erde
in der wir so gerne mit Angst erwachen vor dem was uns erwartet
in den verschieden beleuchteten Nachtfenstern
unserer Rücken die zusammen den Tod berühren dem wir bereits versprochen sind
und den unser Hund so treu bewacht
geweiht von der Unmittelbarkeit des Lebens


6.

Ein Streit als würden wir ein Fenster öffnen wollen
damit der Luftzug der Liebe hineinfegt
alle haben wir die Zukunft in den Augen
in den Händen halten wir die Angst wie Hanteln
das In-den-Tisch-Hauen das Die-Türe-zu-Machen
völlig fremde Stimmen unter uns
ferne Stürme und ihr Stuhlgeklapper
ältere Paare und junge Mütter bummeln im Park
auf die der Krebs der Sonne und die
Unverständlichkeit des Lebens scheinen
alle haben Angst wie Kinder vor dem was von ihnen übrig bleibt
der allerletzte Käfer wird das erblicken war wir nicht mehr erblicken werden
nur wird gerade eben unser Streit online weitergeführt
und somit auch die Menschheitsgeschichte
die man im weit entfernten Weltall
aus eigenen Machtperspektiven
noch etliche weitere Milliarden von Jahren beobachten wird


7.

das erste Gedicht war die Begegnung zwischen Mensch und Tier
das erste Gedicht war der Augenblick als jemand einem Stern einen Namen gab
das erste Gedicht wurde von der Trauer des Todes geschrieben
irgendein Nebel nach der Explosion einer Supernova
die den Wissenschaftlern zufolge der Eiszeitjäger hätte beobachten können
mit ihrem Rot dehnt sie sich 1000 Meter pro Sekunde aus
wie können wir Gedichte in dem Augenblick schreiben wenn wir wegen den Lichtern unserer Kronen
nicht das sommerlich glühend heiße Brizolit des Weltalls zu sehen vermögen
wenn uns die hundsfrohe Freude märchenhafte Teleskope vergönnt
oder Reservate von Galaxien zwischen dunklen Bäumen
wenn es die Achtung vor dem Tod nur bei Mikroskopen gibt
trotz der vergeblich gebauten Sargsiedlungen
entspricht es dem Gesetz der Herrlichkeit und des Grauens der Menschlichkeit dass wir eines Tages untergehen werden
und dennoch wird die Schönheit der Supernova sich ständig ausdehnen


Roman Polách (*1986), Dichter, Literaturkritiker und Literaturwissenschaftler aus Ostrava (Ostrau, Tschechische Republik). Mit seinem letzten, an die engagierte Dichtung anknüpfenden Gedichtband Délka života ve volné přírodě (Graphic House 2021; dt. Lebensdauer in der freien Natur) gehört Polách zu einem der wichtigen Stimmen der jüngeren tschechischsprachigen Gegenwartslyrik.

Der Übersetzer bedankt sich herzlich bei Klaus Anders für wertvolle Anregungen und die kritische Durchsicht der Übersetzung.


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