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Roland Barthes: Kritik ihrer selbst

Diskurs/Poetik/Essay > Glossen

Roland Barthes:

Aus "Was ist Kritik?" (1963)

"Die Kritik ist etwas anderes, als im Namen "wahrer" Prinzipien richtig zu sprechen. Es ergibt sich daraus, daß die Hauptsünde der Kritik nicht in der Ideologie liegt, sondern in dem Stillschweigen, das man über diese bewahrt. Dieses schuldige Schweigen hat einen Namen: es ist das gute Gewissen oder, wenn man lieber will, die Unehrlichkeit. Wie kann man ernsthaft glauben, das Werk sei ein Objekt außerhalb der Psyche und der Geschichte dessen, der sich mit ihm auseinandersetzt, ein Objekt, demgegenüber der Kritiker eine Art Exterritorialrecht genießt. Infolge welchen Wunders sollte die tiefe Kommunikation, die die meisten Kritiker zwischen dem von ihnen untersuchten Werk und seinem Autor voraussetzen, aufhören, wenn es sich um ihr eigenes Werk und ihre eigene Zeit handelt? Sollte es Gesetze der literarischen Schöpfung geben, die nur für die Schriftsteller, nicht aber für den Kritiker gelten? Jede Kritik muß in ihrem Diskurs (sei es auch auf noch so diskrete und abgewandte Weise) einen implizierten Diskurs über sich selbst enthalten. Jede Kritik ist Kritik des Werkes und Kritik ihrer selbst."

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