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Robert Lowell: Der Quäker-Friedhof in Nantucket

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Robert Lowell

DER QUÄKER-FRIEDHOF IN NANTUCKET

übersetzt von Daniel Bayerstorfer


I

Ein brackiges Gebiet, nicht tief, nah Madaket
Noch immer brach die See sehr grausam und die Nacht
Stieß Dampf in unsere Nord-Atlantik-Flotte,
Als der ertrunkene Seemann sich ans Treibnetz klammert. Licht
Blinkt auf dem matten Kopf und Marmorfüßen,
Er rüttelte am Netz
Mit den gewendelt und geflochtenen Muskeln seiner Schenkel:
Die Leiche war blutleer, ein Pfusch aus Rot und Weiß,
Seine offenen, starren Augen
Waren lüsterlose Totenlichter
Oder Kabinenfenster eines grundgelaufenen Wracks,
Schwer von Sand.
Wir wiegen die Leiche, schließen
Ihre Augen und stemmen sie meerwärts, woher sie kam,
Wo der fersenköpfige Katzenhai seine Schnauze
An Ahabs Stirn und Leere rammt. Und der Name
Verriegelt ist von gelber Kreide.
Matrosen, die dieses Omen der See vorwerfen,
Wo Dreadnoughts ihre unterweltgekrümmte
Göttlichkeit gestehen sollten,
Wenn dir die Macht fehlt,
Dieses Atlantische Bollwerk sandzusacken, anvisiert
Vom Erderschütterer, grün und unermüdlich, keusch
In seiner stählernen Gusshaut: Frag nicht nach einer Orphischen Laute,
Das Leben rückzupflücken. Die Kanonen der stählernen Flotte
Prallen zurück und wiederholen
Die heiseren Grüße.


II

Wann immer sich Winde bewegen und ihr Atem
Die eingeschnürten Bollwerke dieser Kaizunge hievt,
Beben die Seeschwalben und Möwen an deinem Tod
In diesen heimischen Gewässern. Seemann, kannst du
die Meerflügel der Pequod hören, landwärts pochend,
Kopfentlang gefallen und brechend an unseren Atlantikwall
Nah’Sconset, wo die schwankenden S-Boote an der
Glockenboje platschen und der Spinnaker sich bläht,
Wenn das verheddert kreischende Hauptsegel die
Sperre klärt: Nah Madaket, wo Landratten die Brandung
Peitschen und ihre Ködertintenfische nach dem Blau-
barsch werfen? Seemöwen blinzeln seewärts mit schweren
Lidern. Die Windschwingen klopfen auf die Steine,
Cousin, and schreien nach dir und die Klauen rasen
an die Kehle des Meers und ringen’s in den Schlamm
Dieses alten Quäker-Friedhofs, wo die Knochen
In der langen Nacht nach der verletzten Bestie rufen,
die im Osten bei Ahabs Walfangbooten dümpelt.


III

All ihr, genesen von Poseidons Tod
An eurer Seite, Cousin, und das gepflügte Salzwasser
Ist unfruchtbar auf dem blauen Bart des Gottes,
Hinter uns reicht bis zu den Burgen Spaniens
Nantuckets westlicher Hafen. Bis Cape Cod
Kanonen, die die Tiden wiegen,
Die sprengen das Seegras, um eine Wasseruhr
Aus Kielbauch und -Strömung, rühr in Salz und Sand
Beim Festzurren des Erdgerüsts, wiegt
Unsere Kriegsschiffe in der Hand
Des großen Gottes, wo die Reue der Zeit blaut
Was immer es war, das diese Quäker-Matrosen ließen
Im verrückten Gedrängel ihres Lebens. Sie starben,
Als die Zeit die Augen aufgeschlagen hatte,
Hölzern und kindisch; nur Knochen bleiben
Dort, im Nirgendwo, wo ihre Boote himmelhoch
Geschleudert wurden, wo die Matrosen Neues
Vom IST fabulierten, dem geweißelten Monster. Was es sie
Kostete war ihr Geheimnis. In den Pottwalschlieren
Seh ich die Quäker ertrinken, hör sie wimmern:
"Wenn Gott selbst nicht an unserer Seite war,
Wenn Gott selbst nicht an unserer Seite war,
Wenn sich der Atlantik gegen uns erhob, warum
Dann wurden wir so schnell geschluckt?"


IV

Das ist das Ende der Walstraße und dem Wal,
Der Nantucket-Knochen an die gedroschene Schüttung spie
Und rührt das aufgewühlte Wasser zu Wirbelströmen an,
um das Pequod-Gepäck Richtung Hölle zu schicken:
Das ist ihr Ende, Dreiviertel-Deppen,
die nach Halmen schnappen, um seewärts
und seewärts zu Segeln auf dem Flossendreh-Wal,
Blut und Wasser spuckend, wenn er krank wie
Ein Köter Richtung Atlantik-Buchten rollt:
Clamavimus, O Tiefen. Lass die Seemöwen klagen

Um Wasser, um Tiefe, wo die hohe Tide
mit ihrem wunden Selbst murmelt, murmelt und ebbt,
Wellen suhlen sich in ihrer Schwemme, geh raus, raus
Lass nur die das Totengerüttel der Krabben zurück,
Der Strand nimmt zu, seine enorme Schnauze,
Die an der Ozeansflanke saugt.
Das ist das Ende vom Auf-den-Wellen-Rennen;
Wir sind rausgesprudelt wie Wasser. Wer wird mit
Dem Mast-gezurrten Meister von Leviathan tanzen,
Die Felder runter, auf den ungesteinten Gräbern der Quäker?                     


V

Wenn die Eingeweide des Wals scheiden und die Rolle
Seiner Fäulnis diese Welt überrennt
Jenseits des baum-getilgten Nantucket und Woods Hole
Und Martha’s Vineyard, Matrose, wird dein Schwert
Trillern und fallen und sinken ins Fett?
In die große Aschengrube von Jehoshaphat
Die Knochen schreien nach dem Blut des Weißen Wals,
Die fette Fluke wölbt und kracht auf ihre Ohren,
Die Todeslanze walkt ins Heiligtum, zerreißt
Die kanonenblaue Schwinge, drischt wie ein Flegel,
Und hackt das aufgewickelte Leben raus: Es wirkt und schleift
Und reißt das Pottwal-Zwerchfell in Fetzen,
Walspeck-Brocken schwappen zu Wind und Wetter,
Matrose, und Möwen umrunden das geschwefelte Gezimmer,
Wo die Morgensterne sich gemeinsam aussingen
Und der Donner schüttelt die weiße Brandung und zerteilt
Die rote, in den Mastkorb gehämmerte Flagge. Verstecke
Unsern Stahl, Jonas Messias, in Deiner Flanke.


VI

UNSERE LADY VON WALSINGHAM

Dort, nachdem die Büßer ihre Schuhe abgestreift
Und dann barfuß die noch übrige Meile liefen,
Und die kleinen Bäume, ein Strom und Hecken reihen
Sich langsam entlang der Englischen Linie auf,
Wie Kühe vorm alten Schrein, bist du vom Weg
Deines nachgeschleppten Schmerzes abgekommen.
Der Strom fließt ab unter dem Druidenbaum,
Shiloahs Wasserwirbel gurgeln, machen Gottes
Trutzburg glücklich. Seemann, du warst glücklich
Und riefst Zion an diesen Strom. Doch siehe:
Unsere Lady, zu schmal für ihren Baldachin,
Sitzt nah dem Altar. Da ist überhaupt keine
Wohlgestalt oder Anmut in diesem ausdruckslosen
Gesicht, mit seinen schweren Lidern. Wie zuvor
Dieses Gesicht, für Jahrhunderte Erinnerung,
Non est species, neque decor,
Ausdruckslos drückt sich Gott aus: Es geht
über das bewehrte Zion hinaus. Sie weiß, was Gott weiß,
Nicht Calvarys Kreuz oder die Krippe in Bethlehem
Jetzt, und die Welt soll kommen nach Walsingham.


VII

Die leeren Winde krachen und die Eiche
besprengt und sprengt auf das Kenotaph,
Die Zweige zittern und eine Gaffel
Dümpelt auf dem ungelegenen Hieb
Des fettgeschmierten Wellenschlags,
der auf einer Untief-Glocke explodiert,
im alten Maul des Atlantiks, seiner Quelle;
Atlantik, du bist mit blauen Matrosen verschmutzt,
Seemonstern, dem Aufwärts-Engel, Abwärts-Fisch,
Unvermählt und verrostet, spärlich an Fleisch,
Markt einst für übermütige, geflügelte Wipper,
Atlantik, wo dein Glocken-Fänger seine Beute
Ausweidet, könntest du die brackigen Winde mit
dem Messer schneiden,
Hier in Nantucket, und die Zeitschichten verwerfen,
Als der Herrgott den Menschen aus Meerschlamm
Formte und in sein Angesicht den Lebensatem hauchte.
Und blau-lungige Überbrecher walzten sich
zum Ort des Blutdurst-Stillens.
Der Herr überlebt den Regenbogen Seines Willens.


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