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Richard Dove: Unterwegs nach San Borondón

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Barbara Zeizinger

Richard Dove: Unterwegs nach San Borondón. Aachen (Rimbaud Verlag) 2020. 88 S. 20,00 Euro.

Worum es im Leben geht


Es geht im Leben schließlich doch um Nichts, schreibt Richard Dove in seinem Gedicht mit dem bezeichneten Titel Homo bulla. Die Zeile ist seinem Gedichtband Unterwegs nach San Borondón entnommen, in dem er sich lyrisch auf die unterschiedlichsten Reisen begibt und dabei auslotet, inwiefern die oben zitierte Behauptung stimmt, zu widerlegen oder zu relativieren ist. Wer war ich, was bezweckte diese Reise? Dies fragt er sich in dem Titelgedicht, das sinnvollerweise am Ende des Bandes steht. Um diese Frage zu beantworten, bleibt er nicht in der Gegenwart stehen, sondern schlägt einen großen Bogen in Vergangenheit und Mythologie und relativiert dadurch viele unserer Gewissheiten.
          Wir begeben uns mit dem Autor also auf Reisen auf Dr. Benns Spuren. Doch während es bei Gottfried Benn heißt: Meinen Sie Zürich zum Beispiel / sei eine tiefere Stadt / wo man Wunder und Weihen / immer als Inhalt hat?, wird bei Richard Dove aus dem Sie ein Du und aus Zürich wird Bottrop, wo es keine Wunder und Weihen gibt, sondern wo neben Alltag der All-Tag / immer winkt mit Raba(t)t, wobei das lyrische Ich bei Dove am Ende des Gedichts erkennt, dass das Ich sich erst durch die Begegnung mit dem Fremden, hier Uiguren und Bucharen, erkennt.

Nun löst man bei Reisen mit der Lyrik Richard Doves kein All-Inclusive-Ticket. Im Gegenteil wird dem Leser, der Leserin einiges abverlangt. Es ist eine Reise durch Zeit und Raum. In Sappho denkt zurück an Lesbos steht in der dritten Strophe Jeder Mensch ist flüchtig und in dem Gedicht Symposion, in dem auf Platons fiktiven Dialog angespielt wird, heißt es: Irgendwo draußen / irren zerrissene Kugelmenschen, / die im unplatonischen Gebrüll, / ihre andere Hälfte suchen. In beiden Gedichten ist bestimmt nicht nur von der Antike die Rede.
      Natürlich spricht Dove von der Gegenwart in all ihren Facetten. Sei es Lockdown, sei es Eurozentrismus, sei es in einer Ode auf den Terror, sei es die Erinnerung an die ermordete maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia, der ein Denkmal verweigert wird. Diese Gegenwart ist allerdings ohne Rückblicke nicht zu verstehen.

Mehrere Gedichte beschäftigen sich mit Kollateralschäden des Weltkriegs I-III, mit Auschwitz, wie in dem Gedicht Nur Bahnhof verstehen: Oświęcim, / Stillleben mit Bahnhof, / so schnell vorbei - // so schön verdrängt.
         Eine besondere Rolle spielen in dem Lyrikband Gedichte anderer Dichter und Dichterinnen. Mal bezieht er sich wie bei Gottfried Benn auf deren Texte, mal lässt er sie (Sappho, François Villon, Quevedo u. a.) selbst zu Wort kommen. Jahrtausenddichter*innen I/II sind für ihn der deutsch/israelische Dichter Tuvia Rübner und Friederike Mayröcker. Letztere vergleicht er mit Hölderlin. Heut wär er du: Das Sehnen dem Abgrund zu, / Schiefesten Orkus, kennst du wie andere.
     Vom Sonett über Monoreim, von prosaischer über lyrische Sprache – Richard Dove beherrscht alle Facetten des lyrischen Sprechens. Das Spiel mit der Sprache, setzt er ebenso ein wie Ironie. So beginnt das Gedicht Ein Rechner blickt zurück in einem betont hohen Ton, der dann sofort gebrochen wird: Die Menschen kannten sich schon aus mit Wonnen / Und Qual der sogenannten Existenz, /Doch in den wunden Herzen steckten Stents- / Kaum angetreten, hatten wir gewonnen.
       Im letzten Gedicht Unterwegs nach San Borondón, fragt das lyrische Ich, wie eingangs bereits erwähnt, nach dem Zweck der Reise. Nachdem es dann noch einmal zusammenfasst, wo es überall gewesen ist, entlässt es uns mit dem versöhnlichen Vorschlag, als Atom im Generationenraumschiff das Biotop zu retten. Doch auch in der letzten Zeile bleibt Richard Dove sich treu: Es könnte, so wird gewarnt, auch am allerersten Riff scheitern.


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