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Revolution der Sterne / Brett voller Nägel

Rezensionen/Verlage


Astrid Nischkauer

Revolution der Sterne. Eine Anthologie russischer Dichtung der Gegenwart (russisch/deutsch). Hg. und übersetzt von Alexander Nitzberg. Wien (Klever Verlag) 2021. 350 Seiten. 28,00 Euro. ISBN 978-3-903110-69-4

BRETT VOLLER NÄGEL 布满钉子的木板 NPC-Anthologie 新世纪诗典 Band 1: A–J. Gedichte. Chinesisch/Deutsch. Übersetzt von Martin Winter. Herausgegeben von Juliane Adler und Martin Winter. Wien (edition fabrik.transit) 2021. 510 Seiten. 24,00 Euro. ISBN  978-3-903267-00-8

Revolution der Sterne –  Brett voller Nägel
Russische Dichtung der Gegenwart –  Neue Poesie aus China


In ferne Länder und Kulturen zu reisen, ist im Zuge der Pandemie schwieriger bis zeitweise ganz unmöglich geworden. Umso spannender sind literarische Exkursionen wie diese, zu der ich hiermit einladen möchte: Auf der einen Seite haben wir eine Anthologie russischer Dichtung der Gegenwart (Revolution der Sterne. Übersetzt von Alexander Nitzberg, Klever Verlag), auf der anderen eine, die neue Poesie aus China vorstellt (Brett voller Nägel. Übersetzt von Martin Winter, fabrik.transit). Empfehlenswert sind die Anthologien in jeder Hinsicht, da sie beide sehr umfangreich und wohldurchdacht sind und die beiden renommierten Übersetzer Experten für die jeweilige Literatur sind. Jede Anthologie überzeugt für sich, noch viel spannender wird es jedoch, wenn man beide zu einer vergleichenden Lektüre heranzieht, da die zwei Anthologien, die beide 2021 erschienen sind, in der Konzeption unterschiedlich, dabei aber gleich spannend, sehr schön und sorgfältig gemacht sind. Jede ist auf ihre Weise ein Paradebeispiel dafür, was Lyrik-anthologien zu einzelnen Ländern leisten können.

Am Himmel strahlt ein voller Mond.
Es schläft ein Hund. Die Blätter schweigen.
Und Stille jedes Ding bewohnt,
sie ist der ganzen Welt zu eigen!
(Dimitrij Misgulin, übersetzt von Alexander Nitzberg, in: Revolution der Sterne)        

Gemeinsam haben die beiden Anthologien, neben höchster Qualität auf allen Ebenen, auch die Tatsache, dass sie zweisprachig sind und neben der deutschen Übersetzung immer auch das Gedicht in Originalsprache enthalten. Damit kann man, selbst wenn man weder Russisch noch Chinesisch kann, trotzdem zumindest das Schriftbild von Original und Übersetzung vergleichen. In einer direkten Gegenüberstellung der beiden Anthologien werden ihre Besonderheiten sichtbar. Daher möchte ich die Lektüre beider Anthologien ans Herzen legen. Beide Übersetzer, Alexander Nitzberg ebenso wie Martin Winter, sind Experten auf ihrem jeweiligen Gebiet, als poetische Reiseführer sind wir bei ihnen damit bestens aufgehoben. Alexander Nitzberg hebt die Bedeutung traditioneller Formen und eines gehobenen Stils für zeitgenössische russische Dichtung hervor und legt sehr viel Augenmerk darauf, in seinen Übersetzungen nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form im Sinne einer klassischen Nachdichtung zu übertragen. Dem gegenüber stellt die Anthologie von Martin Winter Gedichte aus China vor, die in Alltagssprache verfasst sind. Auf Initiative des Dichters Yi Sha, der 2011 einen nationalen Kongress für neue Poesie gründete, wird in China täglich ein Gedicht in mehreren sozialen Medien zugleich veröffentlicht, das somit sofort ein riesiges Publikum erreicht. Diese gegensätzliche Ausrichtung von hohem Stil und Alltagssprache der Gedichte lassen schon die Titel – Revolution der Sterne und Brett voller Nägel – erkennen.

Ich sah mich um und stellte plötzlich fest:
Die Menschen tun jahraus, jahrein dasselbe –
sie stellen lauter Seifenblasen her.
[…]
Ein Blick von oben zeigt – das Leben kocht
und blubbert munter vor sich hin!
(Grigorij Kruschkow, übersetzt von Alexander Nitzberg, in: Revolution der Sterne)

Alexander Nitzberg führt in seiner Einleitung aus, dass die von ihm aus dem russischen übersetzten Gedichte vorwiegend versteckt politisch sind.

In der Anthologie von Martin Winter sind hingegen erstaun-lich viele brisant politische und hochaktuelle Gedichte enthalten – erstaunlich deswegen, weil es in China ja ganz offiziell Zensur gibt, der sich weder Buchverlage, Zeit-schriften, noch Onlineforen entziehen können. Mit leuch-tenden Augen erzählt Martin Winter gerne davon, wie am Beginn der Pandemie so viel online veröffentlicht wurde, dass die Zensur für einige Tage restlos überfordert war und damit das Internet für diesen Zeitraum praktisch frei war.

SICHERSTER PLATZ
abendnachrichten
wieder ein arzt ermordet
meine mutter sagt
im krankenhaus bei deiner arbeit
wenn es gefährlich wird
renn zu einer kamera
und bleib im fokus
(Benben S. K., übersetzt von Martin Winter, in: Brett voller Nägel)

Auf den ersten Blick mag eine vergleichende Lektüre zweier Anthologien, die sich so riesigen Ländern wie Russland und China widmen, nach Größenwahn klingen, würde doch schon eine davon mehr als ausreichend Lesestoff für viele Stunden und Tage bieten. Revolution der Sterne umfasst 350 Seiten, Brett voller Nägel gar 510. Alexander Nitzberg stellt uns dreißig russische DichterInnen vor, Martin Winter einundachtzig chinesische. So unterschiedlich die beiden Anthologien auch sein mögen, ist jede auf ihre Art und Weise besonders und großartig. Von Mitteleuropa betrachtet sind beide Länder nicht nur riesig, sondern zuallererst einmal sehr weit weg. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass Russland und China Nachbarländer sind, was auch zu gegenseitigem Interesse und Austausch führen kann, wie Martin Winter im Falle von Yi Sha in seinem Vorwort ausführt: „Seit 1993 übersetzt er Charles Bukowski ins Chinesische. Aber er liebt auch Anna Achmatowa. Im Herzen glauben Yi Sha und seine Freunde und Freundinnen immer noch an eine Kraft und eine Stellung der Poesie, wie sie Achmatowa repräsentiert, auch wenn sie selbst eher wie Bukowski klingen und sich in vieler Hinsicht als Außenseiter verstehen.“ Es mag interessant erscheinen, dass sich DichterInnen mit einer so alten Lyriktradition wie der chinesischen in der Nachfolge einer vergleichsweisen jungen Lyrik wie der russischen sehen. Alexander Nitzberg zur russischen Lyrik: „Die russische Lyrik ist, abgesehen von der Volkspoesie und der anonymen kirchlich geistlichen Dichtung, noch sehr jung, nicht viel älter als Mozart. Sie wird in der Mitte des 18. Jahrhunderts aus der Taufe gehoben, in ihrer Prosodie festgelegt und in mustergültige Formen gegossen.“ Einer der offensichtlichsten Unterschiede eines Großteils der Gedichte in den beiden Anthologien ist die Verwendung von Alltagssprache im Chinesischen und eines meist gehobenen Stils im Russischen. Yi Sha, dem Gründer des nationalen Kongresses für neue Poesie in China und damit einer zentralen Figur in der zeitgenössischen chinesischen Dichtung, geht es mit der Verwendung einfacher Sprache in seinen Gedichten vor allem darum, möglichst viele zu erreichen, wie Martin Winter darlegt: „Yi Sha schreibt in Alltagssprache. Manchmal experimentell, immer nahe an einer gesprochenen Umgangssprache, die möglichst viele verstehen.“, während in der zeitgenössischen russischen Dichtung die Rückbindung an die Tradition und das produktive Weiterführen poetischer Verfahren wichtig sind, wie Alexander Nitzberg ausführt: „Die wohl wichtigste dieser Eigenarten ist die ungebrochene Anbindung an die Tradition: Russische Dichtung lebt in einem Geflecht aus geistigen Bezügen zur Vergangenheit und aus überlieferten poetischen Verfahren. Das bedeutet nicht zwangsläufig Nachfolge, sondern oft, ganz im Gegenteil, Auflehnung. […] Die zweite Eigenart liegt in einer gewissen Überspitztheit, einem Tonfall, der nicht alltäglich ist und mitunter pathetisch zu wirken vermag.“ Doch auch Yi Sha sieht die Weiterentwicklung der modernen chinesischen Lyrik nicht als Bruch mit der Tradition, sondern vielmehr als Fortführung, als Staffellauf: „Wenn ich zurückblicke, dann ist das Vorwärtsschreiten der modernen Lyrik in China ein Staffellauf, ein Weitergeben einer großen Aufgabe von Generation zu Generation.“ Insofern ist, was auf den ersten Blick grundverschieden erscheinen mag, im Grunde vielleicht doch wesensgleich, so wie Alexander Nitzberg und Martin Winter unterschiedlich übersetzen, in ihrer Begeisterung für die jeweilige Sprache und Literatur aber auf einer Wellenlänge schwimmen.

WELLEN IN WELLEN
eine welle beißt einer welle ins ohr
eine welle übernimmt eine welle
eine welle bedient sich der trägheit einer welle
[…] (Ao Yuntao. übersetzt von Martin Winter, in: Brett voller Nägel)

Die Anthologie Revolution der Sterne, herausgegeben und übersetzt von Alexander Nitzberg, versammelt dreißig zeitgenössische DichterInnen aus Moskau und St. Petersburg, die jeweils mit fünf Gedichten vorgestellt werden. Neben einer Kurzbiografie gibt es auch immer einige Anmerkungen zur generellen Einordnung der Gedichte, damit wir beispielsweise einschätzen können, ob das, was wir vor uns sehen, typisch für die russische Poesie oder eine seltene Besonderheit ist, wie das bei der Verwendung des vers libre von Alexej Aljochin der Fall ist:

Rabelais

die meistgelesene
und von talent gezeichnete
sparte
der französischen gegenwartsliteratur

ist die speisekarte
(Alexej Aljochin, übersetzt von Alexander Nitzberg, in: Revolution der Sterne)

In seinem Vorwort kritisiert Alexander Nitzberg, dass es üblich sei, zeitgenössische russische Dichtung in der Übersetzung an hiesige literarische Moden anzugleichen und oft nur den Inhalt, nicht aber die meist streng gebundene Form (Versmaß, Reim, Tropik, etc.) zu übertragen. Er schlägt einen anderen Weg ein, orientiert er sich doch immer am jeweiligen Stil und schlüpft damit in immer neue Gewänder. So wie auch ein Schauspieler nicht als Privatperson auf der Bühne steht, sondern in immer neue Rollen schlüpft und andere Charaktere verkörpert. Die Anthologie Revolution der Sterne wird dadurch zu einer ungemein vielstimmigen. Der hohe Stil, der in vollem Ernst und nicht parodistisch angeschlagen wird, erscheint für Gegenwartsliteratur tatsächlich ungewöhnlich und ist eine Besonderheit dieser Anthologie.

Siehe, den drohenden Finsternissen
spottet der Weise: Zu oft schon hat
er, wie im Spiel, dem Verfall entrissen
manch eine moderzerfreßne Stadt.
(Maxim Amelin, übersetzt von Alexander Nitzberg, in: Revolution der Sterne)

Die Anthologie möchte uns die große Unbekannte, welche die russische Gegenwartsliteratur für den deutschsprachigen Raum immer noch ist, ein wenig näherbringen. Dass man aber auch im Fremden Wohlvertrautes finden kann, führt uns der Dichter und Aktionist German Lukomnikow vor, indem er uns an der Nase herumführt und kurzerhand Joseph von Eichendorffs „Mondnacht“ als eigenes, russisches Gedicht ausgibt. Denn „ALLES GENIALE IST EINFACH“, wie es im darauffolgenden Gedicht von ihm heißt.

Kaffee? –
             ist ein Licht, das sich mit dem Löffel umrühren läßt
(Andrej Sen-Senkow übersetzt von Alexander Nitzberg, in: Revolution der Sterne)

Revolution der Sterne ist mit 30 DichterInnen als großer Einblick gedacht, Brett voller Nägel ist ein sogar noch größer angelegtes Projekt, handelt es sich dabei doch erst um den ersten Band einer mehrbändig geplanten Reihe in alphabetischer Ordnung. Band 1 versammelt 81 DichterInnen von A-J, die jeweils mit unterschiedlich vielen Gedichten vorgestellt werden. Manchmal mit nur einem, dann wieder andere mit mehreren, oder gar mit bis zu dreizehn Gedichten. Dass die chinesischen Gedichte vorwiegend in Alltagssprache verfasst sind habe ich bereits erwähnt. Diese an sich rein formale Entscheidung hat aber auch inhaltliche Konsequenzen, da es in vielen der Gedichte um Alltag, Familie und das Leben an sich geht. Erst die Alltagssprache ermöglicht es den DichterInnen, Worte für die ungeheure Brutalität der Welt zu finden. So gibt es Gedichte, die in nüchternen Worten Dinge erzählen, bei denen einem erst einmal die Luft wegbleibt. Beispielsweise berichtet ein Gedicht davon, wie fünf Jugendliche in einer kalten Regennacht vergiftet mit Schaum vor den Nasenlöchern sterben, weil sie vor der Kälte Zuflucht in einer Mülltonne gesucht und ein Feuer entfacht haben – „niemand nimmt irgendwelche Notiz“. Ein anderes Gedicht erzählt davon, wie große Armut zu einer Familientragödie führt, da nur eine von zwei Schwestern weiter in die Schule gehen und studieren kann, während die andere in der Fabrik arbeiten muss, was dann schlussendlich dazu führt, dass sich diese Schwester, der nur Fabrik und Heirat blieb, nach einer Fehlgeburt mit einem Pflanzenschutzmittel umbringt. Nichts für schwache Nerven ist auch das Gedicht SAUSCHLACHTEN, in dem von einer Kaiserschnittgeburt bei vollem Bewusstsein der werdenden Mutter erzählt wird, weil der Doktor einfach keine Geduld gehabt hatte zu warten, bis die Narkose wirkt.

Besonders an dieser Anthologie ist auch die ungeheure Aktualität der Gedichte, da Martin Winter für die Zusammenstellung der Anthologie auf online veröffentlichte Gedichte zurückgriff und damit von der Schnelligkeit des Internets profitiert. So enthält Brett voller Nägel, erschienen 2021, bereits einige Gedichte, welche die Corona-Pandemie thematisieren:

MUNDSCHUTZ
In der Viruszeit
hat mein Sohn seinen 3M-Mundschutz
schon über einen Monat getragen,
den hat ihm damals ein Freund geschenkt,
als er Hangzhou verlassen hat.
Meine zwei Stück Mundschutz,
einen hab ich am achten Tag
des neuen Mondjahres bekommen,
den zweiten am achtundzwanzigsten Tag.
Ich trag sie übereinander,
niemand teilt welche aus,
nirgends kann man sie kaufen,
wir dürfen sie ja nicht verlieren.
[…] (Bai Diu, übersetzt von Martin Winter, in: Brett voller Nägel)

Brett voller Nägel enthält ebenfalls Kurzbiografien aller DichterInnen, die auch in Hinblick auf kulturelle Unterschiede spannend sind. Geburtsdaten, Wohnorte und Stichworte zum literarischen Werdegang sind natürlich enthalten, daneben aber auch viele Informationen, die man in einer mitteleuropäischen Anthologie eher selten anführen würde, wie beispielsweise: „hat Verwandte aus Japan“, oder: „Strebt nach Ehrlichkeit im Schreiben“. Die Kurzbiografien zeigen uns noch etwas, das wohl mit der Erstveröffentlichung in sozialen Medien zusammenhängt: Neue Poesie aus China ist etwas Generationenübergreifendes, und so enthält der Band auch einige Gedichte von Schülerinnen, was nicht nur sehr schön, sondern auch eine ungeheure Wertschätzung gegenüber der Jugend ist.

KLASSISCHES GEDICHT
ich leg das gedicht das ich grad schreib
unter die sonne
damit es gelb wird
wie ein klassisches gedicht
von zigtausend jahren
(Jiang Erman, übersetzt von Martin Winter, in: Brett voller Nägel)

Kurzum, zwei wirklich gelungene, wunderschöne Anthologien, die uns die übersetzten Gedichte voll Begeisterung näherbringen! Obwohl es zwei recht umfangreiche Bände sind, erschlagen sie einen nicht, sondern machen neugierig auf mehr. Man möchte gar nicht daran denken, wie viel Arbeit hinter den beiden Anthologien steckt – mit Sicherheit sehr viele Jahre der kontinuierlichen, gewissenhaften Übersetzungstätigkeit – wobei selbst zu übersetzen natürlich nicht nur sehr zeitaufwändig und anstrengend, sondern vor allem unglaublich schön, spannend, bereichernd und faszinierend ist, insofern kann man den beiden Übersetzern nur gratulieren!

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