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Prudenci Bertrana: Mein Freund Pellini

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Prudenci Bertrana
MEIN FREUND PELLINI (1923)
Aus dem Katalanischen von Matthias Friedrich

I

Mit einem Riesen aufnehmen konnte er es nicht, aber man erkannte ihn schon von Weitem. Pellini stach nicht nur mit seiner Statur, sondern auch mit seiner Konstruktion hervor. Er schien wie aus knorrigem, widerspenstigen Holz geschnitzt, so hart, dass es weder bild-hauerische Subtilitäten noch anatomischen Feinbearbeitungen zugelassen hatte. Ließ man sein Erscheinungsbild als grob behauener Klotz Mensch einmal auf Seite, besaß er eine merklich flache Form. Es mangelte ihm an Korpulenz, als hätte der Skulpteur zur Modellierung anstelle eines Blocks mit exakt abgemessenen Proportionen lediglich eine Bohle auf Vorrat gehabt. Augenfällig wurde die Einkerbung jedoch erst am Hinterhaupt, das bedrängt wurde von den Nackenmuskeln; der Nacken wiederum, sehnig wie der eines Gladiators, war so breit und platt wie eine Landstraße. Von vorne oder hinten betrachtet bot der Mann einen stattlichen Anblick; von der Seite wirkte er bloß kümmerlich, biegsam und spillerig.

Pellini stammte aus Italien, aber weil er lange Jahre in Frankreich gelebt hatte, waren ihm seine Muttersprache und die Gebräuche seiner Heimat abhandengekommen. Als ich das Vergnügen hatte, seine Bekanntschaft zu machen, arbeitete er als Werkmeister in einer Knopffabrik. Pellinis täglicher Marsch durch die Straßen der Stadt zeigte Stunden und Minuten mit chronometrischer Präzision an. Sein exotisches Äußeres hatte ihn allgemein bekannt gemacht; für die Menschen war er eine öffentliche Uhr. Aus dem drängeln-den Gewühl der Arbeiterinnen und Arbeiter auf dem Nachhauseweg hob er sich kraft seiner Körpergröße und seines regelmäßigen, ernsten und würdevollen Gangs ab; ebenso kraft des frischgebügelten Leinenanzugs und des pelzbesetzten, bis über die Brauen hinabgezogenen Bowler, wodurch sich außer auf die kreisförmige kahle Stelle am Scheitel auch ein Blick auf den muskulösen, sonnengebrannten und furchteinflößenden Strang der Nackenwirbel erhaschen ließ. Und während er mit seinen langen Armen schlenkerte (ihrerseits mit unweigerlich viel zu kurzen Ärmeln ausgestattet), spazierte er steifen Schrittes über den Bürgersteig; mit der Attitüde eines Kriegers, wie ein Oberschanzgräber.

Unser erstes Gespräch ergab sich bei einer dieser unverhofften Begegnungen zwischen Jägern. Anlass war eine mit nämlicher Betätigung verbundene Unwägbarkeit: Pellini war just ein Kaninchen erwischt (oder, wie es in seinem italienisch-katalanischen Kauderwelsch hieß, ein Konilchen) und war völlig desillusioniert. Hinterher brachte ich in Erfahrung, dass die Kameraden ihn in ähnlichen Situationen umsorgt hatten. Sämtliche seiner Bekanntschaften machte Pellini im Wald, immer dann, wenn ihm ein Konilchen entwischt war. Und umgänglich wurde er nur unter diesen tragischen Umständen, in der Hoffnung, man möge ihm helfen.

Ich selbst fand Sympathie an diesem außergewöhnlichen und einprägsamen Mann, wie er sich, von Angst erschüttert, mitten auf dem Rübenfeld in Rage und penible Nach-forschungen hineinsteigerte, während er seinen Hund mit den zärtlichsten Worten und den schmeichlerischsten Versprechungen ermutigte, die ein Hund auf Erden zu hören bekommt.

Niemals werde ich den Ausdruck auf diesem hageren Gesicht vergessen, auch nicht die Sehnsucht in Pellinis Blick, den säuerlichen Zug um sein italienisches Lästermaul, das Mahlen seiner kantigen, mit schwarzen und hie und da weiß hervorscheinenden Stoppeln bedeckten Kiefer, die so stark und schwingungsfähig waren wie Maschinen zur Zer-kleinerung landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Derart teuflisch-ungestüm war seine Aura, dass man sich nicht vorstellen konnte, wie ein ängstliches Kaninchen seinen Händen entwischt sein sollte. Hättet ihr seinen Zorn, sein zyklopisches Aufstampfen und die tragisch gerunzelte Stirnfalte selbst miterlebt und gehört, wie er mal ein inbrünstig-grollendes Schnauben losließ, mal Flüche auf Gott und die Welt hervorpresste, euch hätte die unterschwellige Angst befallen, dass die Erde in ihrer Gesamtheit büßen müsste für Pellinis Unglück und das seines Mümmelmännchens. Oh! In den Augen des Italieners waren die Felder ein einziger Pfuhl an Kaninchen, von ihren Schrotkugeln verletzt und nicht auffindbar dank der hartnäckigen Einmischung durch das Schicksal, was ihn persönlich nicht gekränkt hatte.

Ich versuchte, die Welt vor einer Katastrophe zu bewahren, indem ich die Rache des ungeduldigen Pellini mied. Ich half ihm bei der Suche nach diesem Kaninchen und brachte hierfür meine fünf Sinne und die meines Hundes ein. Nicht die Spur. Später, nach angestrengten Überlegungen, ihrerseits hervorgegangen aus langjähriger Erfahrung und einer allumfassenden Kenntnis von Kaninchen, Rübenfeldern, dem Temperament junger Hunde und der trügerischen Treffsicherheit manches Büchsenträgers, konnte ich Pel-lini endlich besänftigen.

Wir teilten den Tabak aus unseren Beuteln und den Wein aus unseren Flaschen; und als wir, unter der wohltuenden Wärme der Herbstsonne auf einer Schutzmauer sitzend, unsere Pfeifen entzündeten, er von einer tiefen Schwermut ergriffen, ich von einer heimtückischen Freude (es ist doch immer ein Vergnügen, wenn einem Kameraden ein Kaninchen entwischt), besiegelten wir unsere Freundschaft, die über Jahre anhalten und reich an Freuden und Anekdoten sein sollte.

Ehe wir Abschied voneinander nahmen, suchte ich aus reiner Gefälligkeit noch einmal mit ihm gemeinsam die nähere Umgebung ab, denn wir konnten nicht ausschließen, dass wir das Kaninchen doch noch fanden, aber allmählich überkamen mich Zweifel, ob es überhaupt existierte.

Schließlich sagte ich dem Italiener Lebewohl und ließ ihn in einem Zustand recht befriedigenden Verzichts zurück. Ich sah, wie er ein scheußlich großes Messer aus der Tasche zog, eine Herbstrübe aus dem Boden riss, sie sorgfältig schälte und sie, in Scheiben geschnitten, mit heißer Gier verschlang, allesamt in einem Happen, wie jemand, der sich schwarz für weiß vormacht.

II

Zum Behufe gemeinsamer heroischer Wanderungen verbündete ich mich mit Pellini. Mit der eigennützigen Absicht, gemeinsam Triumphe zu erringen, tun sich zwei Jäger für gewöhnlich zusammen, sobald sie sicher sein können, dass der eine dem anderen nicht ins Gehege kommt. Pellini hatte noch nie etwas geschossen und würde vermutlich auch zu Lebtag nichts mehr schießen. Bei Sichtung eines Stücks Wild, ob mit Fell oder Federn, brannten ihm die Nerven durch: Dann blieb ihm nicht einmal mehr Zeit genug, sich zu erschrecken. Entweder schoss er schräg daneben oder aber er betätigte erst den Abzug, wenn sich das heißbegehrte Opfer außer Reichweite befand. Er war nicht nur unentschlossen, sondern auch empfindlich über alle Maßen. Im unmittelbaren Anschluss an einen Fehlversuch blieb er minutenlang sitzen, den Mund weit aufgerissen und den Hals in die Luft gereckt, und schickte zur Verfolgung des Flintenschusses seine Seele aus. Ungeduldig, fassungslos, zitternd, bedauernswert. Es hätte euch leidgetan, ihn so zu sehen und keinen Äther oder Orangenblütenwasser in eurer Jagdtasche zu haben, um ihn wieder unter die Lebenden zurückzubringen.

Pellini begriff sehr wohl, dass er als Jagdkamerad meines Rufes nicht würdig war. Er schob die Schuld auf seine viel zu langen Arme, und um dem Abhilfe zu schaffen, stapelte er Scheit um Scheit auf den Kolben seiner jungfräulichen Flinte. Für meine Nachsicht und Großzügigkeit war er mir freilich äußerst dankbar. Und er sagte nicht, dass sie durch seine Hand gestorben seien, die ihm von mir geschenkten und an seinem Jagdbeutel festgeknoteten Rebhühner, mit denen er die Passanten anzulocken suchte, woraufhin diese sich zu ihm umwandten und ihm im falben Schein der Straßenlaterne betrachteten; aber er stellte auch nicht heraus, dass sie von jemand anderem erlegt worden waren.

Er bezahlte mich, das allerdings mit der aufbrausenden Schweifwedelei eines Jagdhundes. Neben dem Geschäftsführer der Fabrik war ich der einzige Mensch, für dessen Verteidigung er sich in Stücke hätte reißen lassen.

Ein Kamerad von seiner Erscheinung und Körpergröße kam mir nicht ganz ungelegen. Wie er durch öde Landschaften und über Landstraßen spaziert, macht so ein Mann niemandem Ärger,
auch nicht bei den unvermeidlichen Grenzübertretungen jener, die unbefugt anderer Leute Grund betreten, Weinberge durchqueren und an Saatfeldern entlanglaufen. Mir war aufgefallen, dass sich die Menschen freundlicher verhielten und die Hunde auf den Höfen von weiter her bellten, wenn ich mit Pellini unterwegs war. Er dämpfte den Neid der Bauern, war ein ausgezeichneter Späher und stangenlang genug, um an die höchsten Feigen heranzureichen. Er zog mich in seinen Bann.

Seine byzantinisch flegelhafte Gestalt war den Pinienwäldern und Heidebüschen eine so ausgezeichnete Zierde, dass ich sie mir ohne ihn nicht vorstellen mochte. Er bewegte sich durch diese Landschaften wie ein von Häschern verfolgter Wilder, hielt sich gebückt, damit er nicht an die niedrighängenden Zweige stieß, sog durch die Löcher seiner vor Instinkt-gefühl bebenden Nase den Hauch des Waldes auf, unsteten Blicks und leichten Leinen-schuhwerks, die Bänder über der Hose ineinander verschlungen, was ihn stelzbeiniger, riesenhafter wirken ließ. Hätte er keinen unscheinbaren Lefaucheux-Revolver bei sich getragen, sondern stattdessen eine Steinschleuder oder eine Handvoll Pfeile, wäre euch mein Kamerad womöglich als Zeitgenosse Viriats durchgegangen, denn er nahm das Unglück Strauch für Strauch in Augenschein, wie jemand, der sein Leben auf eine Unternehmung verwettet, transzendentaler und menschlicher als es das Aufschrecken von Kaninchen und das Schießen ohne Sinn und Verstand jemals sein können.

Die von unserer Seite bevorzugte, ehrfurchtgebietende Einsamkeit hatte seit der Früh-geschichte noch nie eine geeignetere Jägerfigur geschaut als die des harmlosen Italieners, der zur glaubhafteren Widerlegung seines Erscheinungsbildes stets ein Stück Seife mitbrachte, damit er an der erstbesten Pfütze seinen Hund oder sich selbst säubern konnte.


III

Pellini hatte unzählige Marotten wie diese. Ich war dazu entschlossen, ihn anzulernen; doch erwähnte Vertiefung am Hinterhaupt stellte zweifelsohne ein unüberwindbares Hindernis dar. Andererseits hatte er sich dem Waldleben aus reinem Bauchgefühl gewidmet. Unsere sonntäglichen Wanderungen dienten als Ausgleich zu seiner Knechtschaft als Werkmeister: Sie versetzten Pellini in die Freuden seines einstigen Nomadenlebens zurück; die furiose Rache eines Optikers, der am unerbittlichen Dröhnen der Fabriksirene und der Enge der Produktionshallen zugrunde gegangen war. Auf die Felder ging er mit einer seltsamen Überspanntheit der Sinne: Seine Augen kündeten von der Gier auf neue Horizonte; seine ungeheuren Nasenlöcher von der Gier auf die Düfte des Waldes; seine haarigen und stämmi-gen Hände von der Gier auf sauberes Wasser; seine Ohren, so groß und rudimentär wie die eines Orang-Utans, von der Gier auf Gerüchte; und von der Gier seiner Kiefer, die von den Nahrungsmitteln im Jagdbeutel bis zum Wildfenchel am Wegesrand alles zerkau-ten, möchte ich euch gar nicht erst anfangen. Vom Zerkauen blieb selbst Ungreifbares nicht verschont; die harzigen Aromen des Hirschlings beispielsweise, die Wohlgerüche von Moos und Laub, der salzige, von leichter Brise herangewehte Hauch der fernen See. Und dazu hättet ihr jederzeit das sinnliche Geklacker seines furchteinflößenden, eisenharten Beißwerkzeugs vernommen.

Daher hörte er nicht auf meine Ratschläge und blieb ein so untalentierter Jäger und schlechter Stratege wie am Tag unserer ersten Begegnung. Er streifte ziellos durch die Berge. Übernahm er einmal die Vorhut, fiel er gleich wieder zurück und verfolgte nichtswürdige, manchmal auch phantastische, wunderbare Vögel. Eines Tages überraschte ich ihn in einem Zustand unbeschreiblicher Verzückung; in einem Korkeichenwald hatte er einen Papagei erspäht, dessen er habhaft werden wollte, koste es, was es wolle. Nun sagt ihr mir: Welches Tierchen unserer heimischen Fauna hätte der Italiener wohl für einen wilden Papagei halten können?

Ein schlechtgezielter Schuss mit der Schrotflinte war ihm ein Graus, aber er ging so zu Werke, dass er es nicht anders verdiente. Man brauchte einiges an Geistesgegenwart, um ihn nicht zu erschießen. Oh! Ihr müsst denken, eine kleine Lichtung im Wald könnte genauso gut hinter einem Kamel wie hinter einer Kronenwucherblume verschwinden; und hätte ich Schlamm auf alles geworfen, was sich bewegt, ich hätte Pellini mit Fug und Recht für einen Grünschnabel halten können.

Auf Pellini konntet ihr euch nicht verlassen. Solange er keinen allzu großen Rückschlag erlitt, hielt ihn die Freude der Jagd noch bei Stange. Später, wenn sich Ernüchterung einstellte, frönte er seinen befremdlichen Schlemmereien und menschenfeindlichen Anwandlungen. Und ausgerechnet in den Augenblicken, in denen es bei der Jagd um alles oder nichts ging, konntet ihr ihn dabei beobachten, wie er baff in die Wolken schaute, sich für eine Zigarette auf einem Felsen niederließ oder wie er unvermittelt von einer tiefen Zuneigung für seine Hündin Flora ergriffen wurde, sie herzte und ihr zärtliche Worte zuflüsterte, dieweil in Schussweite die Rebhühner herumhüpften.


Zu Teil 2 »


Prudenci Bertrana (1867-1941),  in Girona geboren, zählt zu den wichtigsten katalanischen Autoren der Moderne. Zunächst als Maler und Kunstlehrer gestartet, machte er sich spätestens mit Josafat (1906) einen Namen als Schriftsteller. Er veröffentlichte mehrere Romane, darunter eine autobiographisch gefärbte Trilogie, und war daneben auch als Dramatiker tätig.
Zum Übersetzer
Matthias Friedrich wurde 1992 in Trier geboren und ist seit ca. 2018 als Literaturübersetzer von Lyrik und Prosa aus dem Norwegischen, Dänischen und Katalanischen tätig.

- Svein Jarvoll: Thanatos. Ein polyphones Gedicht über den Tod bei roughbooks, 2019.
- Ida Marie Hede: Der Sog oder Warum wäschst du unsere Stinkefinger mit deinen Tränen, verlag die brotsuppe, 2023.
- Adrià Pujol Cruells: Feinschnitt Barcelona, Franken Verlag, 2025.
- Prudenci Bertrana: Ich! Lebenserinnerungen eines Medizynosophen, Franken Verlag, 2026

Mehrfache Auszeichnung mit dem Initiativ- und Arbeitsstipendium des DÜF ausgezeichnet, zuletzt für den Medizynosophen.
Sonstiges:
https://www.signaturen-magazin.de/merce-rodereda--penelope---penelope.html (Sonett von Mercè Rodoreda)
https://www.signaturen-magazin.de/dolors-miquel--2-x-6-gedichte---teil-1.html (mehrere Sonette und andere Gedichte von Dolors Miquel)
https://www.signaturen-magazin.de/dolors-miquel--2-x-6-gedichte---teil-2.html (mehrere Sonette und andere Gedichte von Dolors Miquel)
Homepage: www.literaturuebersetzungen-friedrich.de

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