Prudenci Bertrana: Auszug aus den Lebenserinnerungen eines Medizynosophen
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Prudenci Bertrana
ICH! Lebenserinnerungen
eines Medizynosophen
Aus dem
Katalanischen von Matthias Friedrich
Auszug aus dem ersten Kapitel:
Ich zum Beispiel war mir recht sicher, bei denen, die ich zum ersten Mal
traf, Sympathie und Interesse zu erregen. Einzig mein Mund hatte einen
misslichen Zug. Trotz des Schnurrbarts, der sich zu seinen Seiten hin mystisch
in die Länge zog und ihn auf diese Weise mit einer gewissen schützenden Anmut
umschattete, erahnte man viel zu leicht seine unverschämte Breite, die, wurden
die enigmatischen Lippen gekräuselt und weiter und weiter geschlossen, mit der
Unaufrichtigkeit in eins ging, wie um verwegene Wortmeldungen,
teuflisch-schrille Töne und grobe Beleidigungen zurückzuhalten… Zeigte er ein
Lächeln, verwandelte er sich in ein schäbiges Loch, einen Spalt, aus dem
Gefühlskälte, Gehässigkeit, unaussprechliche Frivolitäten und grausamste
Treuebrüche drangen.
Alles, was ich an Willensstärke, an guter Kinderstube und an
Wissenschaft aufzubieten hatte, kämpfte vergeblich gegen diesen
widersprüchlichen Mund an, der mitten in den sanften, engelsgleichen Zügen meines
Antlitzes eine Judasfratze aufklaffen ließ.
Über meine Physis wusste ich nichts zu sagen; ich besaß den Körper eines
jungen Mannes, der sich seinen Studien widmete: wenig Muskelmasse, doch
harmonisch und wohlentwickelt, weder groß noch klein.
Im Hinblick auf meine Garderobe muss ich bekennen, dass ich qua meines
Amtes als Gelehrter die Pflege meines persönlichen Erscheinungsbildes doch
etwas vernachlässigte. Wann immer es mir möglich war, erwarb ich dunkelfarbige
Kleidung, Filzhüte und strenge Krawatten. Wie und unter welchen Umständen ein
monumentaler Frack auf meinen Schultern niedersank, vermag ich euch nicht zu
sagen – ich weiß nur noch, dass das nach der Verleihung meiner Doktorwürde
geschah. Er war aus einem prächtigen Stoff gefertigt, äußerst bequem und besaß
weite Ärmel; wobei mir Letztere gestatteten, die mir – wegen ihrer äußerst
kniffligen Löcher und Knopfgarnituren so verhassten und garstigen –
Hemdmanschetten zu vergessen.
Trug ich diesen Frack im Sommer, schwitzte ich aus sämtlichen Poren, und
weil ich zweifelte, ob er mir geziemend zur Zier gereichte, streifte ich ihn im
Handumdrehen wieder ab. So anmutig, so flink war diese Geste mit wiederholter
Übung geworden, dass meine guten Freunde sie mit derselben Begeisterung feierten
wie meine philosophischen Schriften. Trat ich nur in Hemdärmeln auf, so nahm
das auf meinen Ruf als Gelehrter keinen Schaden, auch meine kenntnisreichen,
gewagten Vorträge büßten in diesem Aufzug zu keiner Zeit an Überzeugungskraft
ein.
Es lag also auf der Hand, dass die Zurschaustellung meines kindlich- demokratischen
Temperaments meine Anhängerschaft in den Bann zog. Im Vergleich mit anderen
Intellektuellen – aufgeblasenen, eitlen, hochnäsigen, schwer verständlichen
Persönlichkeiten – stand ich origineller, bewunderungswürdiger da.
Doch ich lebte in Not und Elend. Kaum hatte ich meinen Arztberuf aufgenommen,
überkam mich dieser schauderhafte Argwohn, der schon so viele Glaubensbrüder
dahingerafft und sie von der Bettseite des Kranken entfernt hat, um sie dem
Dilettantismus einer homöopathischen Klinik oder unwürdiger Gesundbeterei
auszuliefern.
Meine Rezepte stellte ich mit der Geste eines untröstlichen Mannes und
der Fratze eines Schwindlers aus, beide zu deutlich zur Schau getragen, beide
viel zu sichtbar, um keine Enttäuschung aufkommen zu lassen. Noch dazu war ich
zu jung und hitzköpfig, um mir so manche unflätige Bemerkung, den einen oder
anderen respektlosen Satz, Gotteslästereien von ungeheurer Schwere sowie
haarsträubende Anschuldigungen gegen die Barmherzigkeit Gottes und den
wissenschaftlichen Dünkel der Menschheit zu verkneifen.
Meine Zunge war ein feines Messer. Vor der Strenge meiner
Formulierkunst mussten selbst die akribischsten Meister ihres Fachs
kapitulieren. Ich wusste, wie ich vorzugehen hatte, um an den wunden Punkt, an
die Eingeweide zu stoßen, dafür hatte ich schließlich bis spät in die Nacht
Anatomie und Logik studiert, in Unterkünften für Medizinstudenten gehaust und
dem Versagen meiner Professoren mit eigenen Augen beigewohnt.
Aber die Menschen suchen nach Trost. So euch das Schicksal wohlgesonnen
ist, verschafft euch ein unbegründeter Optimismus Kundschaft und Ansehen. Von
Beginn an muss man herzerweichende Fälle auftun und Warnsignale mit
ausgeklügelten Spötteleien auf die Verzagtheit des jeweiligen Opfers
zerstreuen. Aber hüte Gott euch ebenfalls davor, dass euer erster Klient als
Leichnam bei euch eintrifft.
Ich stöberte leichte Fälle auf, jedoch fehlte es mir am
Selbstbewusstsein, die Prognose mit der nötigen Orakelstimme zu verkünden,
wodurch ich dennoch Hinweise auf ein abstraktes Risiko für schwerwiegende Komplikationen
gab.
Nein, einem Wanderkomödianten oder einem kompetenten Kaufmann würde ich
nie-mals das Wasser reichen können.
Ein Arzt, der vor einem magenleidenden Kind Narrenstreiche aufführte, war
in meinen Augen der Gipfel der Dummheit; wobei ich, der raffinierteste
Langfinger, der je von einem Stockwerk ins nächste gestiegen war, täglich, nur
der Form halber, einen unheilbaren Kranken aufsuchte und unverschämte Honorare
aufrief.
Alles in allem lebte ich ausschließlich von einem todgeweihten
Patienten und magenleidenden Kindern. Und für so ein lachhaftes Ergebnis hatte
ich unzählige Leichen zerschnippelt, unzählige Bücher gewälzt, unzählige
Sprachen gelernt und ein Stipendium für Reisen und Studien im Ausland
verprasst?
Zugegeben: Mit jedem Tag wuchs meine Verachtung für den Beruf des
Arztes weiter an.
Prudenci Bertrana (1867-1941), in Girona geboren, zählt zu den wichtigsten katalanischen Autoren der Moderne. Zunächst als Maler und Kunstlehrer gestartet, machte er sich spätestens mit Josafat (1906) einen Namen als Schriftsteller. Er veröffentlichte mehrere Romane, darunter eine autobiographisch gefärbte Trilogie, und war daneben auch als Dramatiker tätig.
Zum Übersetzer
Matthias Friedrich wurde 1992 in Trier geboren und ist seit ca. 2018 als Literaturübersetzer von Lyrik und Prosa aus dem Norwegischen, Dänischen und Katalanischen tätig.
- Svein Jarvoll: Thanatos. Ein polyphones Gedicht über den Tod bei roughbooks, 2019.
- Ida Marie Hede: Der Sog oder Warum wäschst du unsere Stinkefinger mit deinen Tränen, verlag die brotsuppe, 2023.
- Adrià Pujol Cruells: Feinschnitt Barcelona, Franken Verlag, 2025.
- Prudenci Bertrana: Ich! Lebenserinnerungen eines Medizynosophen, Franken Verlag, 2026
Mehrfache Auszeichnung mit dem Initiativ- und Arbeitsstipendium des DÜF ausgezeichnet, zuletzt für den Medizynosophen.
Sonstiges:
https://www.signaturen-magazin.de/merce-rodereda--penelope---penelope.html (Sonett von Mercè Rodoreda)
https://www.signaturen-magazin.de/dolors-miquel--2-x-6-gedichte---teil-1.html (mehrere Sonette und andere Gedichte von Dolors Miquel)
https://www.signaturen-magazin.de/dolors-miquel--2-x-6-gedichte---teil-2.html (mehrere Sonette und andere Gedichte von Dolors Miquel)
Homepage: www.literaturuebersetzungen-friedrich.de
In: Prudenci Bertrana: ICH! Lebenserinnerungen
eines Medizynosophen. Aus dem
Katalanischen von Matthias Friedrich. Dortmund (Franken Verlag) 2026. 203 Seiten. 15,00 Euro.