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Philipp Létranger, Sigune Schnabel: wie buchstabiert man stille

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Ulrich Schäfer-Newiger

Sigune Schnabel, Philipp Létranger: wie buchstabiert man stille. ein lyrischer dialog. Visbek (Geest-Verlag) 2026. 115 Seiten. 13,00 Euro.

Vom Ungehorsam der Sprache


„Vom Ungehorsam der Sprache“ – so lautet der Titel eines der siebzehn „poetischen Dialoge“, die in dem Gedichtband „wie buchstabiert man stille versammelt sind und von Sigune Schnabel und Philipp Létranger stammen. Der im Geest-Verlag erschienene Band trägt dabei den Untertitel „ein lyrischer dialog“ (klein geschrieben). Bevor erörtert wird, in welcher Weise ein ‚Ungehorsam der Sprache‘ sich tatsächlich als roter Faden durch die Gedichte auch der anderen Themen (z.B. Flickwerk, Herbstzeitlose, Du musst verrückt sein) zieht, gehen wir der Frage nach, wie sich der „poetische Dialog“ der beiden Verfasser konkret darstellt. Denn, so lernen wir aus Handbüchern über Lyrik, diese sei ja „Einzelrede“, oder „absolute Rede“, habe grundsätzlich „monologischen Charakter“, der auch ein ‚Dialoggedicht‘ nicht ausschließe. Um Dialoggedichte in dem Sinne, dass in einem Gedicht ein oder mehrere Dialoge wiedergegeben werden, handelt es sich hier indessen nicht. Vielmehr sind zwei Urheber am Werk mit jeweils eigenen Texten. Innen ist unter jedem Gedicht angegeben, wer von den beiden es geschrieben hat. Wir haben es demnach mit Dialogen in Gestalt von Zwiegesprächen zu tun. Statt eines Inhaltsverzeichnisses (das findet man hinten im Buch) gibt es vorne ein ‚Dialogverzeichnis‘, welches die ‚Gegenstände‘ der Dialoge bezeichnet.

Das Ganze beginnt mit einer „Zuwendung“ für poetische Gespräche, die selbst schon ein poetisches Gespräch ist: Wir spielen mit Stimmen / und tunken sie in Farbe. / Erst wenn wir groß sind, / dunkeln die Worte heißt es im Ausgangsgedicht von Sigune Schnabel. Das wort einfangen / wie die wolken schon / immer den wind // sehen / wo die wolken sich bauschen / ist antwort genug, ‚antwortet‘ Philipp Létranger. Gegenstand also des Zwiegespräches sind Stimmen, Worte, auch die Sprache, ihre Metaphern, die Bilder, die sie und der Umgang mit ihnen evozieren. Das können Wolken sein, oder wie weitere Texte zeigen, ein zusammengenähter Teppich, ein Stein oder dunkle Striche auf Asphalt oder einfach Schnee, aus dem Bedeutungen nur schwer herauszulesen sind. Die Welt ist ein Spiel aus Worten, heißt es einmal. Auch wenn die Gegenstände der Dialoge ganz unterschiedlich sind – sie reichen von ‚Europa‘ über ‚Luft‘ bis u.a. zu den ‚Verlorenen‘ und der ‚Bilanz des Sommers‘ – bleiben die Schwierigkeiten im Umgang mit Wörtern, mit der Sprache, mittelbar und auch unmittelbar stets das Thema. Unsere Sprache ist nah / am Winter gebaut. / Gib acht, die Worte / sind glatt. So lautet das Eingangsgedicht des mit ‚Herbstzeitlose‘ überschriebenen Dialoges. Die Dialoge funktionieren nun dergestalt, dass der Text auf der linken Seite ein Thema setzt oder jedenfalls evoziert mit einem Begriff, einem Wort, einem Bild, welches im Text auf der rechten Seite aufgegriffen wird. Beispiel aus dem Dialog ‚Den Winter habe ich herbeigesungen‘: linke Seite: Jeder Traum / hat eine Haut um sich. / Das sind nur Geschichten. Rechte Seite: es lohnt sich / mit der Stille zu sprechen / sie wartet / hinter den träumen. Das Beispiel zeigt: Es geht nicht um ein Frage–Antwortspiel, nicht um Argument–Gegenargument, sondern um Assoziationen, um (lockere, ggf. weit auseinanderliegende) Verknüpfungen von Bildern, Bedeutungen und Metaphern. Ein weiteres Beispiel: Links: sie alle / tragen es von hier nach dort / ihr geisterhaus / der worte. Rechts: Unter den Worten / ist mein Versteck. / An die Ecken der Buchstaben / lege ich Stunden.
Immer wieder finden sich also Bezüge zur Sprache, zum Umgang mit Worten und den Schwierigkeiten mit ihnen: worte welken, bevor du verstehst. Oder: Die Erde ist aus Sprache, / aus Licht. Oder: Unsere Worte sind Spuren, / die verwehen – Im Dialog mit dem Titel ‚Vom Ungehorsam der Sprache‘ wird diese Schwierigkeit nun ausdrücklich angesprochen – freilich auch in Bildern: Mit dem Alter wird die Sprache Kind, Wörter spielen wie Kinder / verschwinden manchmal, spurlos / bis ich sie wiederfinde; Worte wie ungehorsame Kinder. Die Sprache, scheint die Quintessenz der Texte zu sein, wird zwar von uns Menschen benutzt, verwendet, gebraucht, aber wir beherrschen sie letztlich nicht wirklich, können nicht vollständig über sie verfügen.
Die Beispiele zeigen auch: Die Sprache, der sich die beiden bedienen, soweit sie ihnen gehorcht (um beim Bild zu bleiben), ist eine angenehm klare, im positiven Sinne einfache, unmissverständliche Sprache, mit der etwas erzählt wird, kleine Geschichten der Suche, des Fragens, des Findens und Verlierens. Sigune Schnabel und Philipp Létranger eint, jedenfalls in diesem Band, der Sprachduktus, eine vergleichbare (nicht identische) Sprachmelodie, die es ihnen erkennbar erleichtert und möglich macht, auf die Bilder, Allegorien und Metaphern des jeweils anderen einzugehen und mit interessanten und überzeugenden Pendants zu reagieren. Unterschiede gibt es – offensichtlich – in der Schreibweise der Texte – durchgehend kleingeschrieben versus normale Groß- und Kleinschreibung.

Beide haben diesen poetischen Dialog tatsächlich auch schon mündlich vorgetragen. Dann gewinnt der Unterschied in den individuellen Vortragsweisen, gewinnen die verschiedenen Betonungen, Phrasierungen usw., also das Gehörte, gelegentlich die Oberhand über das Geschriebene. Das Buch bietet Gelegenheit, diesen poetischen Dialog durch Lesen (laut lesen) mit sich selbst zu probieren und nachzuvollziehen.

Selten jedenfalls ist die Sprache als Ausdruck, als Mittel der Poesie, als widerspenstiges Selbst- und Welterfahrungsinstrument, so unaufgeregt und lakonisch umkreist, erfasst und wieder losgelassen worden wie in den in diesem Band versammelten korrespondierenden poetischen Texten.


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