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Petra Ina Lang: Ohne Titel

Dreißig Jahre Lyrik Kabinett
Petra Ina Lang


„Der Meerengel von Gibralta“

Das war noch in der Maximiliansstraße: Was für ein Herzklopfen, diese Treppe runterzusteigen, runter zu den Dichtern. Werde ich sie verstehen, ich, der mir von daheim nur „Es waren zwei Königskinder“ vorgesungen worden war von der Mutter, die mir damit sagen wollte, wir zwei kommen nie zusammen? Ich traute mich, da runter zu gehen, auch wenn alles dagegensprach, zusammenzukommen mit den Dichtern und den Leuten, die Dichtern lauschten.
Geschult war ich schon, war ein Schichtenflüchtling und adorierte die „Fleurs du Mal“, die Sonette über meine Freunde, die Armen, die Alten, die Dirnen und Trinker, und als ich unten war, hörte ich Leute sprechen in fremden Sprachen, Englisch, Russisch, Französisch, Spanisch, Arabisch und dann in einem Deutsch, das ich verstand. Ich verstand, was sie sagten, nicht alles, aber jedes Wort war für mich gesagt worden, und die Begrüßung und Einführung in das Werk des Dichters, der Dichterin, war freundlich und klar. Seitdem besuche ich immer wieder das Kabinett der Lyrik. Es ist mein „corridor de la tentation“, mein Korridor der Verführung, und ich kann nie widerstehen. Denn „jeder gesunde Mensch kann leicht zwei Tage ohne Nahrung leben – ohne Poesie, niemals!“, sagt mein Baudelaire. Wo sie ist, die Poesie? Überall! Letztens sah ich sie im Heft einer meiner Nachhilfeschülerinnen. Was hatte sie geschrieben? „Der Meerengel von Gibralta“. Herrlich, oder?

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