Peter Weiss über die Melencolia I
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Peter Weiss: Die
Ästhetik des Widerstands.
(Suhrkamp Verlag, Weißes Programm, Dreibändige Ausgabe, Bd. 3) Berlin 1983.
Auszug S. 132 bis 134 mit freundlicher
Genehmigung des Suhrkamp Verlags, Berlin
Er sei sich bewußt, und vielleicht sprach
er jetzt mehr zu sich selbst als zu mir, dass ein Widerspruch bestehe zwischen
der Fordrung, sich von nichts abzuwenden, nichts zu verleugnen, und unserem
Unvermögen, das Leben meiner Mutter ganz in uns aufzunehmen. Eine besondre und
seltne Konstitution gehöre dazu, in allen Vorgängen die letzten Folgen zu
erkennen, ungeheuer gefährdet seien Menschen, denen dies gegeben sei, denn sie
könnten sich, obgleich sie tiefer und weiter schauten als wir, in unsrer Welt nicht
mehr behaupten. Für diese Menschen gebe es nur zwei Möglichkeiten, entweder den
immer hermetischer werdenden Rückzug in ihre Halluzinationen, in denen die
Vereinsamung ihnen allmählich den Sinn für das Zusammensein mit anderen
Menschen raube, oder den Weg in die Kunst. Dieser Weg aber sei nur so lange offen,
als Bereitschaft bestehe, sich an die äußre Welt zu wenden. Ginge dies
verloren, gebe es keinen Einlass mehr in die Regionen der Kunst. Die Grenze
zwischen dem sich Verschließen und dem sich Öffnen, was eine Heilung
verspreche, sei in der Kunst stets vorhanden und spiegle sich in der Neigung
zur Melencolia. Fast sei es so, daß uns in einem Kunstwerk mehr als der
Aufschwung dieses Versinken im Unbenennbaren ergreife. So habe meine Mutter
verharrt, wie von Dürer gezeichnet, unter der Waage, der Sanduhr, der
Stundenglocke, der Tafel mit den unverständlichen Ziffern, mit aufgestütztem
Haupt, vor sich hindämmernd, unnahbar, und, hatten wir nicht schon einmal über
dieses Bild gesprochen, fragte er, in Berlin noch, oder in Spanien, in Denia,
und ob ich mich des strahlenden Sterns, des mächtigen Regenbogens über der
Bucht im Hintergrund erinnre. Und er holte ein Buch aus dem Regal, blätterte,
schlug die Seite auf mit dem Kupferstich. Wie oft hatte es einen solchen Gang,
eine solche Bewegung gegeben, diesen Griff zu den Büchern, diese Suche nach
Bestätigung durch Überliefertes. Ein dickes, verschnalltes Buch lag unterm Arm
der Frauengestalt, weit offen waren die Augen, ein Schlüsselbund hing am
faltenreichen Gewand, und ein zerschlißner Geldbeutel, die Hände waren breit
und stark, trotz des Stillsitzens war nichts Untätiges an ihr, sie schien,
mitten in der Arbeit, auszuruhn und ihr Vorhaben zu überdenken. Sie befand sich
auf dem Gesims eines unvollendeten Hauses, allem Anschein nach wurde es von ihr
selbst, oder mit ihrer Hilfe, erbaut, der Zirkel in ihrer Hand deutete darauf
hin, daß sie sich mit einer
Konstruktionszeichnung beschäftigte, zu ihren Füßen lagen Schreinerwerkzeuge,
ein Sägemesser und ein Lineal, Hobel, Zange und Hammer, und einige große Nägel.
Da die Werkzeuge in ihrer unmittelbaren Nähe waren, einige vom Saum des Rocks
halb verdeckt, mußte sie sie selber benutzt und eben erst abgelegt haben.
Fremdartig zwischen den Gegenständen traten ein gewaltiger, vielseitig
geschnittner Felsblock, eine Kugel und ein Mühlstein hervor. Auf der obern,
geschliffnen Fläche des Polyeders und auf der schweren Kugel war ein
Widerschein des Lichts, der Mühlstein, mit zerschabter Kante, abgenutzt nach
langem Mahlen, stand an der Wand des Turms. Am rückwärtigen Maueransatz brannte
ein Holzkohlenfeuer unter einem Alchemistentiegel, und hinter der Kugel war
eine Öllampe aus glänzendem Messing zu erkennen. Die Zahlen und Schriftzeichen
auf der Tafel unter der Glocke am Turm ergaben ein Kryptogramm, ein magisches
Quadrat, das auch das astronomische Merkmal des Planeten Jupiter enthielt. Bei
aller Handgreiflichkeit des Bauwerks, an dessen Turmstück die roh behaune
Leiter lehnte, die die Frau, um zum Altan zu gelangen, hinaufgeklettert war,
war dies, eher als eine Behausung, ein Ort der Meditation, und wenn alles seine
Festigkeit hatte, so wurde doch ein Augenblick dargestellt, in dem eine andre
Wirklichkeit in das Bekannte eindrang. Die geometrischen Objekte bedrängten mit
ihrer Härte die alltäglichen, bestimmten Zwecken dienenden Geräte, der
Mühlstein sprach von abgelaufner Zeit, die Schalen der Waage waren leer und
ausgependelt, reglos hing der Klöppel in der Glocke, in der Meeresbucht lagen
die Schiffe wie ausgestorben, nichts rührte sich in der fernen Stadt, und doch
stand die Zeit nicht still, denn in der Sanduhr an der Turmecke sickerte das dünne
Rinnsal aus dem halbgefüllten obern Behälter in den untern, und das aus dem
Bild führende Glockenseil konnte sogleich gezogen werden. Den lastenden steinernen Formen
antwortete das Irisieren in dem Lichtbogen am Himmel, und das kometenhafte
Flammen in den Strahlen des Sterns, der Saturn sein konnte, das Gestirn, das
zur Nacht Schwermut hervorruft, und an dessen Widerpart das Zeichen an der
Tafel gemahnte. Gegenwärtig war das Flächige und das Runde, gegenwärtig waren
die vier Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde, und das Leben darin teilte sich
auf in drei Phasen. Das Stadium der Vollendung wurde angedeutet in der massiven
Frauenfigur, rechts, auf einer der Stufen des offenen Dachbodens, nach erstem
Bewußtsein suchte es sich in dem Putto, der, auf dem Mühlstein sitzend, Griffel
und Schiefertafel hielt, und kreatürlich noch war es in dem magern Windhund,
der, mit friedlichem Schafskopf, zusammengerollt, schlief. Ruhe ging aus von
dem Leben im Tier, in dem Kind sammelte es seine Energien, um den Werdegang einzuleiten,
andächtig neigte sich das kleine und schon kräftige Gesicht, entschlossen
hielten die Hände die Schreibwerkzeuge, und aus dem Rücken der Frau, der
Fertigen, hatte es die Flügel des Genius, wie sie auch dem Kind als zarter
Flaum zu eigen waren, zu hoher Wölbung emporgetrieben. Doch zeigte sie sich
auch als übersinnliches Wesen, so trug sie zugleich immer noch an ihrem
menschlichen Dasein, mit den Instrumenten, den Schlüsseln, der Geldtasche hatte
sie über Irdisches verfügt, ihr Kleid war von der Arbeit zerknittert, nicht
weltabgewandt, sondern voller Erfahrung war ihr beschattetes Gesicht, und mehr
als die Gabe des Fliegens versprach die Natur Erleichterung, in Form eines
Kranzes aus heilbringendem Wasserkraut, den sie um das weit geöffnete Haar
trug. Umgeben von Dingen des Forschens, des Bauens und des letzten Erkundens
war sie hervorgegangen aus einer kindlichen Existenz, in ihr schloß sich, was
unserm Denken unergründlich schien, und die geschwänzte Fledermaus unterm
Regenbogen hielt in ihren Krallen den Fetzen der Bildinschrift, die der Melancholie,
untrennbar von allem Nachdenken, im Reich des Geists den ersten Platz anwies.
Die Kunst, sagte Hodann, setze dort ein, wo alle Philosophien und Ideologien
aufhören, sie entspringe der Entelechie, jener rätselhaften Kraft, die allem
Lebenden innewohnt, um es zu steuern und, erleide es Schaden, wieder
herzustellen, zu den mnestischen Funktionen gehöre sie, die im Hirn, in den
Zentren des Visuellen und Akustischen, der örtlichen und zeitlichen
Orientierung, alles Vernommne bewahren und es uns, auf Nervenreize hin,
zugänglich machen, ohne daß je, beim Sezieren, Spuren dieser aus Erinnerungen
bestehenden Denkfähigkeit entdeckt worden wären. Die Mneme, beschützt von der
Göttin Mnemosyne, leite uns zu den künstlerischen Handlungen an, und je mehr
wir von den Erscheinungen der Welt in uns aufgenommen hätten, zu desto reichern
Kombinationen könnten wir sie bringen, zu der Vielfalt eben, aus der sich der
Stand unsrer Kultur ablesen lasse.
Kunst sei gleichbedeutend mit Humanität,
hatte Hodann gesagt, denn ohne diese Anteilnahme am Leben, an diesem ständigen
Kampf gegen die Selbstaufgabe, ohne diesen Drang, die Situation von immer
wieder neuen Gesichtspunkten aus zu erhellen, ließe sich die weittragende
Wirkung der Kunst nicht verstehn. Die Antworten der Kunst seien immer
ungeheuerlich gewesen, denn, als einzige wagten sie es die Thesen der Zeit zu
widerlegen, stets seien sie, auch im Schutz der Verkleidung ihrer Gegenwart
vorausgeeilt und hatten den Zerrbildern die Wahrheit entgegengestellt.