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Peter Urban-Halle/Henning Vangsgaard (Hg.): Licht überm Land

Rezensionen/Verlage


Michael Braun

Peter Urban-Halle/Henning Vangsgaard (Hg.): Licht überm Land. Dänische Lyrik vom Mittelalter bis heute. Carl Hanser Verlag, München 2020, 490 Seiten, 36,00 Euro

„Die Sprache hat heute Vogelhäuschen im Mund“

„Licht überm Land“: Eine Grand Tour durch die dänische Poesie


Wer in das Reich des sagenhaften Erlkönigs eintritt, begibt sich bekanntlich in akute Lebensgefahr. Die dänische Volksballade, die bis heute zu den populärsten Dichtungen des Landes zählt, berichtet von dem Unglück eines „Herrn Oluf“, der sich von der Tochter des Erlkönigs zum Tanz verleiten lässt und am nächsten Morgen tot aufgefunden wird. Johann Gottfried Herder übersetzte sie 1778/79 ins Deutsche und nahm sie in seine Volkslieder-Sammlung auf, Goethe nutzte sie ein paar Jahre später als Vorlage für seine vielfach zitierte „Erlkönig“-Ballade. Dass die poetische Wirkungsgeschichte des dänischen Volkslieds bis in die Gegenwart reicht, zeigte sich 1992, als sich Sarah Kirsch als Wiedergängerin von „Erlkönigs Tochter“ vorstellte: „Ich Erlkönigs Tochter hab eine/Ernsthafte Verabredung mit zwei /Apokalyptischen Reitern im Watt“. Ob es dann zum Techtelmechtel der Dichterin mit den Kurieren der Apokalypse kam, ist ungewiss.
    Dreißig Jahre nach Sarah Kirschs Liebeserklärung an die Naturgeister der dänischen Ballade steht nun „Erlkönigs Tochter“ am Anfang der imposanten Anthologie „Licht überm Land“, die zum ersten Mal überhaupt die dänische Poesie vom Mittelalter bis zur allerjüngsten Gegenwart in ihren wichtigsten Zeugnissen in deutscher Sprache dokumentiert. Was der Übersetzer und Literaturkritiker Peter Urban-Halle hier gemeinsam mit dem 2018 verstorbenen Literaturvermittler Henning Vangsgaard zusammengetragen hat, ist ein starkes, überwältigend materialreiches, ja unverzichtbares Stück Lyrikgeschichte.

Von den insgesamt 154 dänischen Lyrikerinnen und Lyrikern und den 9 anonymen Verfassern werden hier über zwei Drittel der Texte zum ersten Mal in deutscher Sprache präsentiert. Es gibt für diese Anthologie nur wenige, auf ein paar Einzelwerke konzentrierte Vorläufer. Einmal abgesehen von den prägenden Übersetzungsarbeiten des großen Hanns Grössel (1932-2012), dem wir letztlich die Präsenz der einzigartigen Inger Christensen in Deutschland verdanken und den Übersetzungen der Weltpoeten Klaus Rifbjerg und Peer Højholt, für die Urban-Halle selbst gesorgt hat, gab es in den vergangenen Jahrzehnten nur zwei schmale Auswahlsamm-lungen, in denen dänische Lyrik hierzulande sichtbar wurde. Mit dieser Dürre der Überlieferung mag es zusammenhängen, dass Hans Magnus Enzensberger im Zusammenhang mit der dänischen Poesie einmal vom „Gesetz der kulturellen Verspätung“ gesprochen hat.

In seinem Essay „Gulliver in Kopenhagen“ beschrieb Enzensberger 1963 die sehr zögerliche Entfesselung der poetischen Moderne in Dänemark. Im 20. Jahrhundert hätte sich die dänische Moderne nur sehr langsam der „Trägheit des Bestehenden“ widersetzt, „eines Bestehenden, das, mit Kierkegaard zu reden, längst harpuniert war und nur noch an der Fangleine lief“. Als heftigster Protagonist des Modernismus sei dann Klaus Rifbjerg aufgetreten, der in den 1960er Jahren den größten Literaturskandal Dänemarks „seit Menschengedenken“ provoziert habe.
    Wer diese über fünfzig Jahre alte Diagnose Enzensbergers mit der Realität dänischer Poesie in der vorliegenden Anthologie vergleicht, wird nun durch zahlreiche angriffslustige, experimentier-freudige und ästhetisch explosive Gedichte aus der Zeit nach 1970 eines Besseren belehrt. Dass Klaus Rifbjerg bei dieser entschiedenen Wendung der dänischen Poesie hin zur poetischen Moderne eine herausragende Rolle spielte, erhellt in „Licht überm Land“ sein respektlos-lakonisches Gedicht „Terminologie“. Hier werden die alten Topoi der Poesie – Natur, antiker Mythos, Liebe, Hymnus usf. – lässig durchgewunken und das Ende aller erhabenen Gesten diagnostiziert: „Ja, ja, ja, ich komme jetzt/ zu euch runter/ Wörter./ Trompete: ausgeblasen./ Wald: verwelkt./ Karyatide: antik./ Liebe: Lüge./ Halleluja: Rülps./ Poesie: Wo ist mein Bruchband?“ Und am Ende, nach einer Reihe desillusionierender Verse, folgt der Gipfel der Ernüchterung: „Mach: Romantik./ Lyrik: 5-4-3-2-1-0.“ Die alten Verzauberungsposen werden auch in vielen anderen Gedichten der allerjüngsten Gegenwart vom Tisch gefegt. So etwa im Bekenntnis von Nicolaj Stochholm, der sich erklärtermaßen das Recht nimmt, „ins Blaue hineinzuschreiben“: „Ich will totale Verwirrung, Wahrnehmungsvermengung und/ Begriffszerfall. Ich will das Gedicht von der Weltwehrpflicht getrennt sehen./ Das Gedicht ist ein Thron der Unverständlichkeit, auf dem / der Alchimist alias das Ich alias wer auch immer sitzt und mit seinen/ Kolben und seiner kopflosen Konstruktion spielt.“ Oder wenn Johannes L Madsen in surrealem Übermut zur kühnen Fügung gelangt: „Die Sprache hat heute Vogelhäuschen im Mund“. An Gedichten, die von dieser Frische und Respektlosigkeit des Tons befeuert werden, herrscht in „Licht überm Land“ kein Mangel. In der Gestaltung und Textdarstellung folgt diese Anthologie leider dem etwas anstrengenden Prinzip der ebenfalls bei Hanser erschienenen „Grand Tour“ Jan Wagners und Federico Italianos,  die den Übersetzungen die Originale in einer beklagenswerterweise winzigen Schrifttype gegenüberstellt. Dieser Nachteil wird aber mehr als wettgemacht durch die zahlreichen beglückenden Entdeckungen und ästhetischen Bereicherungen, die diese Anthologie für alle Poesie-Freunde bereithält. Zur unglaublichen Leistungsbilanz dieser Textsammlung gehört auch der Umstand, dass Peter Urban-Halle über ein Drittel des gesamten Gedichtkonvoluts selbst übersetzt hat, flankiert von kundigen Übersetzern wie Heinrich Detering, Lutz Volke oder Monica Wenusch.  Zu den stillen Pointen der Anthologie gehört die Entscheidung, Florian Voß´ Übertragung von Inger Christensens Weltpoem „alfabet/alphabet“ den Vorzug zu geben vor Hanns Grössels kanonischer Übersetzung. Das frechste Textstück, mit dem uns die „Licht überm Land“-Anthologie konfrontiert, ist nicht zuletzt eine coole Christensen-Kontrafaktur. Sie stammt von dem 1968 geborenen Lars Bukdahl und mokiert sich mittels parodistischer Banalisierung über Christensens Reihungstechnik: „1. das aprikosenmus gibt es, das aprikosenmus gibt es/ 2. Villy Breinholst gibt es, und brummbässe, braunbären/ die cigarren gibt es; cigarillos, christian IV. / 4. die dingsbumse gibt es, dösköppe, duckmäuser…“
 


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