Peter Sipos: Klumpen 3
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Florian Birnmeyer
Peter Sipos: Klumpen 3. Gesänge und Gewebe. Berlin (Gans Verlag) 2025. 120
S. 20,00 Euro.
Es ist nun beinahe ein Jahr her, dass Klumpen 3 im Oktober 2025
erschienen ist. Seitdem liegt der Band bei mir. Ich setze mich immer wieder mit
ihm auseinander. Manchmal, indem ich ihn lese. Manchmal auch, indem er einfach
nur da ist.
Sipos etabliert einen Zugang zur zeitgenössischen Lyrik, der sich kaum
eindeutig einordnen lässt. Falls es sich überhaupt noch um Lyrik handelt und
nicht längst um eine Form von Meditation, liturgischer Übung oder privatem
Gebet.
Die Übergänge sind fließend. Für Sipos ist die Gegenwart Gottes
allumfassend. Er ist in der Sonne, im Wind, in den Bergen, in den Wäldern. Er
ist in allem, was lebt, rauscht, wächst, summt und vergeht. Daraus entsteht
eine eigentümliche Mischung aus katholischer Gläubigkeit, Naturmystik und Weltenharmonie.
Eine holistisch-katholisch vermengte Naturreligion, könnte man sagen, die Sipos
hier nicht nur beschreibt, sondern tatsächlich predigt.
Manchmal übertreibt er diesen religiösen Ton. Dann wirkt die Frömmigkeit
nicht mehr nur wie eine poetische Haltung, sondern wie ein selbstgewählter
Rausch. Doch gerade darin liegt auch ein Teil der Eigenart dieses Schreibens.
Sipos riskiert dabei, dass man sich als Leser abwendet, weil es einem zu viel
wird.
Der Band trägt den Titel Klumpen 3: Gesänge und Gewebe und besteht
aus drei Teilen. Der erste Teil, Gesänge, enthält vergleichsweise „klassische“
Gedichte. Viele von ihnen folgen einer vierstrophigen Struktur, die entfernt an
Sonette erinnert, auch wenn die Form nicht streng durchgeführt wird. Die
letzten beiden Strophen umfassen vier statt drei Verse, wodurch die
Sonett-Erwartung aufgerufen und zu-gleich verschoben wird. Schon darin zeigt
sich eine Bewe-gung, die für den ganzen Band charakteristisch ist: Sipos nähert
sich bekannten Formen, übernimmt sie aber in verfremdeter Weise.
Im zweiten Kapitel, Gewebe, begegnet man einem langen Textblock,
der nur gelegentlich durch Leerzeilen unterbrochen wird. Der Text arbeitet mit
raffiniert variierten Wieder-holungen, mit Verschiebungen, Umstellungen und
neuen Kombinationen derselben Wörter. Dadurch entsteht eine Kaskade, die
kreist, zurückkehrt und sich dabei fortwährend verändert:
„... und die Vögel zwitschern den ganzen Tag zwitschern die Vögel und wir hören ihnen zu und singen mit ihnen ihre Lieder, die so wunderbar und wundersam klingen, diese Vögel, sie zwitschern den ganzen Tag, es ist merkwürdig, dass wir sie nicht mehr hören, aber gerade hören wir sie beim Atmen, während wir also atmen hören wir sie, die Vögel und wir hören die Käfer surren, die Fliegen summen, die Bienen surren, die Schmetterlinge summen und die Wespen surren und die Hornissen summen und die Winde surren und die Blätter summen und die Gräser surren und die Bäume summen und die Menschen summen und die Bäumen summen ...“
Das Gewebe ist selbst noch einmal in mehrere Unterkapitel
gegliedert. Sie handeln vom Meer, Wind, von Tieren und Pflanzen, aber auch von
Autos, Motoren und menschlichen Ordnungen. Immer wieder wird die Welt der
Technik und der Beschleunigung der pflanzlich-tierischen Natur
gegenübergestellt. Dabei geht es Sipos nicht um eine einfache Naturromantik.
Eher versucht er, die Natur als Ursprung und Bestimmung des Menschen zu
etablieren. Der Mensch erscheint als ein Wesen, das aus der Natur kommt, sich
von ihr entfernt hat und ihr doch weiter zugehörig ist.
An einer Stelle kreist der Text um eine nicht näher bestimmte Verwicklung,
die auf eine persönliche Erfahrung des lyrischen Ichs oder des Sprechers
zurückgehen könnte:
„Ich habe also nichts gesehen, wie hätte ich auch bloß irgendetwas sehen können, wenn ich nichts gesehen habe ich nichts. Ich habe nichts gesehen, also habe ich auch nichts wahrgenommen und gewusst habe ich schon längst nichts, denn ich konnte schließlich nichts sehen, also habe ich nichts gesehen habe ich nichts habe ich gesehen.“
Hier wird Sprache auf den Kopf gestellt. Grammatische Ordnung wird
verschoben und in eine zunächst merkwürdige und schließlich eigensinnige Form
gebracht. Aus der Wiederholung entsteht keine bloße Redundanz, sondern eine Art
sprachlicher Strudel.
Doch gerade diese Schwierigkeit der Einordnung macht den Band interessant.
Dass sich diese Texte nur mühsam beschreiben lassen, spricht nicht gegen sie.
Es zeigt vielmehr, dass hier etwas Eigenes versucht wird. Sipos schreibt keine
gefällige Lyrik. Er schreibt Texte, die sich dem schnellen Verstehen
widersetzen. Sie wollen nicht konsumiert, sondern länger betrachtet werden.
Hinzu kommt die schöne Aufmachung der Bücher. Auch als Gegenstände zeugen
die Klumpen-Bände von besonderer Sorgfalt. Man nimmt sie gern in die
Hand: Auf dem Einband von Klumpen 3 sind Pflanzen in Nahaufnahme zu
sehen. Zudem ist das Cover verkehrt herum aufgedruckt. Öffnet man das Buch so,
wie es das Cover nahelegt, stehen die Texte auf dem Kopf. Man kann diese
verlegerische Entscheidung als lustigen Einfall verstehen, auch als versponnene
Spielerei abtun. In jedem Fall regt sie zum Nachdenken an.
Ganz frei von Einwänden ist der Band dennoch nicht. Den Texten fehlt
bisweilen ein größerer Abstand zur eigenen Haltung. Was an den Gedichten stören
kann, ist weniger die Religiosität als ihr gelegentliches Übermaß. Dort, wo der
religiöse Ton zu ausdrücklich wird, verliert die Sprache etwas von ihrer
Offenheit:
„wenndiezeitensichergebenfürdiewirklichkeitgottes
wenndiemeschensichergebenfür diewirklichkeitgottes
wenndiegegenwartsich öffnetwieeine fruchtbeimaufprallaufgeschlagen“
Solche Stellen haben Kraft, aber sie stehen auch in der Gefahr, zu sehr auf
das Gemeinte zu zeigen. Die poetische Bewegung wird dann für einen Moment von
der Absicht überholt. Man spürt den Willen zur Erhebung, vielleicht auch den
Wunsch, alles in eine große Versöhnung zu führen. Denn Sipos sucht nach einer
Sprache, in der Gott und die Natur nicht getrennt voneinander erscheinen.