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Peter Handke: Zdeněk Adamec

Rezensionen/Verlage


Jörg Neugebauer

Peter Handke: Zdeněk Adamec. Eine Szene. Berlin (Suhrkamp Verlag) 2020. 71 Seiten. 20,00 Euro.

Lichtung und Dunkel
Zu Peter Handkes neuestem Theaterstück "Zdeněk Adamec" - eine Szene"


Peter Handkes neuestes Theaterstück "Zdeněk Adamec" - eine Szene" setzt jenem 18jährigen jungen Tschechen aus Humpolec im böhmischen Hochland ein Denkmal, der sich am Morgen des 6. März 2003 auf dem Prager Wenzelsplatz mit fünf Litern Benzin übergoss und verbrannte. Handke zeigt das natürlich nicht auf der Bühne, er lässt Menschen darüber reden: Namen- und alterslose Männer und Frauen, die auf einer nahezu beliebig ausgestatteten Bühne "gehen und kommen" und sich über den Fall unterhalten. Nicht streitend, sondern alle bemüht, dem Rätsel dieser scheinbar unmotivierten Selbstverbrennung näherzukommen - in lockerem Dialog, nichts von wissenschaftlichem oder politisch-moralisierendem Diskurs, nichts auch von Kneipengespräch oder vh-Runde. Ja, was denn dann? Indem wir darüber sprechen, kommen wir der Sache vielleicht näher.

Um Politik geht es jedenfalls gar nicht. Einer oder mehrere der Gesprächsteilnehmer haben über das kurze Leben des Adamec recherchiert: Dass er das einzige Kind seiner Eltern war, dass sein Vater den Beruf des Steinmetz ausgeübt hat und dass der junge Adamec zeitlebens ein Einzelgänger blieb. Im Wald, zwischen Blaubeersträuchern, entdeckte er schon als kleines Kind eine, nein seine Lichtung:

"Das war der einzige Ort, wo er, zeitweise, sich zuhause fühlte."

Als er diesen "Zauberort" aber mal jemandem zeigte und der nichts Besonderes daran fand, zog Zdeněk Adamec sich ganz in die digitale Welt zurück und in das damit verbundene "Dunkel". Hinter ständig heruntergelassener Jalousie sah er sich als Nachfahren der Kreuzritter, wovon auch sein Abschiedsbrief zeugt, in dem er "Geld" und "Macht" als die "Erzfeinde der Menschheit" bezeichnet. Sein Traum sei gewesen, selbst zaubern zu können, weiß einer der Gesprächsteilnehmer.

Einer weiß etwas, andere fragen, zweifeln, werfen ein, was ihnen spontan dazu einfällt - ein höchst lebendiges Hin und Her. Immer wieder schweifen die Sprecher auch ab, wird es fast humoristisch, etwa wenn sie einander darin überbieten, allseits bekannte Sätze und Verse aus der Weltliteratur zeitgemäß umzuformulieren:

"Es ist, als ob es nur noch Aktualitäten gäbe, und hinter tausend Aktualitäten keine Welt",

in Anlehnung an den berühmten Vers aus Rilkes "Panther".

Einer - man stellt sich vor, dass es immer derselbe ist - ruft auch gelegentlich Liedzeilen aus frühen Rocksongs dazwischen, angeregt durch irgendein entsprechendes Stichwort:

man needs a maid
oh summer wine
Memphis Belle
  
Eine Art Requiem vielleicht das Ganze, als Stimmengewirr - nein nicht Gewirr, eher als "herrschaftsfreier Diskurs", wenn der Begriff nicht so hochtrabend klänge. Es gibt keinen, der das Wort erteilt, erst recht keinen, der es entzieht. Es gibt keine "Regeln", die Gesprächsstruktur ist anarchistisch, das Gesprächsthema ernst. Die Redeweise der Leute ist ganz normal, nicht irgendwie schichtenspezifisch oder altersmäßig unterschieden. Sie bilden auch keine "Gruppe", mit den entsprechenden Rollen, sie sind Individuen, die nur das Eine gemeinsam haben, dass sie etwas besser begreifen wollen, weshalb Zdeněk Adamec sich umgebracht hat, und das noch auf diese grausame Weise.

So enthält diese zwanglose Art des Miteinander-Redens auch ein Stück verwirklichte Utopie: Man muss einander nicht niederschreien, man muss nicht alles besserwissen, man kann einander Worte und Gedanken wie Bälle zuwerfen, sodass ein lebendiger Geist spürbar wird in der lockeren Abfolge dieser Äußerungen. Wirkt der Zauberwunsch also vielleicht doch nach und findet hier eine späte Erfüllung?


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