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Pega Mund: reste von landschaft

Rezensionen/Verlage


Astrid Nischkauer

Pega Mund: reste von landschaft. eine begehung. Scheuring (Black Ink – Vogel & Fitzpatrick Verlag) 2021. 28 Seiten. 8,00 Euro.

ungeöffnete kiesel


Wer Gedichtbände von hochroth kennt und liebt, oder wer noch die 14seitigen Lyrikhefte kennt, mit denen die parasitenpresse angefangen hat, weiß, dass bei Lyrikbänden die Komplexität und Vielschichtigkeit mit abnehmendem Seitenumfang oftmals eher zu- als abnimmt. So ist es auch beim Black Ink Verlag, den es schon lange gibt, der aber erst seit kurzem eine neue Lyrikreihe gegründet hat. Nach „Avec Beat“ von Augusta Laar ist nun mit „reste von landschaft“ von Pega Mund der zweite Band dieser Reihe erschienen. Wieder sehr minimalistisch – weißer Einband mit einer Titel-Handschrift der Autorin, 28 Seiten Umfang – sehr genau und sorgfältig gemacht, wirklich sehr schön und auf das Wesentliche konzentriert. Ein ganz besonderer Gedichtband, nicht zuletzt auch deswegen, weil er die erste Einzelpublikation von Pega Mund ist, die 2019 den 2. Platz bei dem von fixpoetry.com initiierten Gertrud Kolmar Preis erhalten hat.
    Der Gedichtband besteht aus zwölf Gedichten, bzw. zweimal sechs Gedichten, da diese durchnummeriert sind, von 1-6 und dann absteigend von 6-1. Auf der linken Seite oben sind Ziffer und Titel zu lesen, ganz unten dann ein jeweils zweizeiliges Fußzeilengedicht mit wenigen Worten und vielen Leerräumen dazwischen. Und auf der rechten Seite steht dann jeweils ein etwas längeres Gedicht. Formal zeigt sich Pega Mund sehr verspielt und probiert von Gedicht zu Gedicht unterschiedliche Setz- und Schreibweisen aus. Linksbündig, rechtsbündig, mit Einschüben, im Blocksatz mit mehr oder weniger großen Abständen zwischen den einzelnen Worten, in einem durch, oder in Verszeilen und -strophen unterteilt. Generell verwendet sie in ihren Gedichten keinerlei Interpunktion, mit Ausnahme des ersten Gedichts, in dem es Doppelpunkte gibt und zwar in der französischen Schreibweise, mit nicht nur einem Leerzeichen nach dem Doppelpunkt, sondern auch mit einem vor dem Doppelpunkt, so wie das auch Friederike Mayröcker mit Vorliebe machte. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel, und so ist es auch mit der prinzipiellen Kleinschreibung, die Pega Mund in ihren Gedichten praktiziert: mit Ausnahme eines Gedichtes, in dem sie Groß- und Kleinschreibung verwendet. All diese Feinheiten sind ganz essentiell für die Gedichte, denn „die leerstelle      atmet“, wie es an einer Stelle heißt. In gewisser Hinsicht lädt uns Pega Mund mittels solcher Leerstellen ein, die Stille mitzulesen, das Ungesagte zu hören, zwischen ihren Worten hindurchzusehen und vielleicht auch das ungeschriebene, unschreibbare Gedicht hinter dem Gedicht zu erahnen:

schnee mischt sich ein der raum zwischen zwei gedanken
ist weiß : keine häuser  kein rauch aus kaminen : sonne auf
schnee sonne schnee überbelichtet : das geheimnis versteckt
in der blendung zwischen den spuren  der  tiere wild  vögel

Pega Mund schreibt mit sehr viel Vergnügen und Freude an der Sprache und dem Klang der Worte („bespindeln blindlings besteigen begehen“). Dass Pega Mund viel Humor hat, sieht man beispielsweise auch an der Art und Weise, wie sie ein Zitat von Ernst Jandl aus dem Gedicht „calypso“ („ich was not yet / in brasilien / nach brasilien / wuld ich laik du go“) in eines ihrer Gedichte einbaut und auch noch mit den Worten „Apokalypse jetzt“ als Verweis auf den Gedichttitel „calypso“ gewissermaßen ankündigt:

[…] Sind wir
nicht abgetakelte Wüstenwarane Zirkusvieh lautlos brennende Tiger
springen in Zauberers schwarzen Zylinder Apokalypse jetzt Sind wir
nicht reif für die Insel nach Brasilien wuld ich laik du go mit dem Jet off
nach da hin wo die Eliten so anders […]

Dass Pega Mund aus „de wimen“ bei Ernst Jandl („wer de wimen / arr so ander / so quait ander / denn anderwo“) in ihrem Gedicht „die Eliten“ macht, kann man als augenzwinkernd feministische und gesellschaftkritische Überschreibung des Gedichtes verstehen.

Die Gedichte in „reste von landschaft“ sind Gedichte in Bewegung, Gedichte von unterwegs, die dieses Unterwegssein auch immer wieder thematisieren: „sind    unterwegs    wie     schaum    an    der     küste / wie     rauchige    schlieren    im    ätherblau    immer“. Unterwegs sind in den Gedichten „ich du“, „du ich“ und damit ein „wir“:

ich knete aus schneeflocken brot du
erfindest einen strohhalm wir saugen
stoff aus den birkenrinden am saumpfad

Ein Gedicht lässt sich als Portrait und Selbstportrait als Bäume im Spiegel lesen:

später        dein        mein      antlitz
bewachsen   sieh    in    den   spiegel
versteckt     unsere     münder     im
tannenreis […]

Eine Verwandlung, vielleicht ein zur-Ruhe-Kommen im Betrachten des (Spiegel-)Bildes. Einige Gedichte zuvor war ein Baum noch völlig unbeteiligt vorne rechts gestanden, während „du ich“ links unten aus dem Bild entflohen: „[…] vorne rechts steht noch immer der Baum / Sind wir links unten du ich nackt geduckt auf der Flucht aus dem Bild“

Wenn man in der Wiese liegt und die Wolken über sich betrachtet, kann man sich mit etwas Phantasie auch vorstellen, dass nicht die Wolken vorbeiziehen, sondern die Wolken stillstehen und man selbst vorbeirast. Eine ähnliche Empfindung lösen die Gedichte von Pega Mund bei mir aus, und zwar wenn „wir“  unterwegs sind und das Auto vermeintlich still zu stehen scheint, während die Landschaft am Fenster vorbeizieht. Der Titel „reste von landschaft“ kommt im zweimaligen Gedicht „starte paris im november“ vor: „reste von landschaft reset reset“. Die zweimalige Wiederholung des Wortes „reset“ kann man auch als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen, genauer hinzusehen, denn „reset“ ist natürlich ein Anagramm von „reste“. Im letzten Gedicht kommt der Titel „reste von landschaft“ dann nochmals vor, leicht variiert, da es nun „die wehrlosen reste / der landschaft“ sind:

knistern im offenen feld schnee mischt
sich ein verwischt die wehrlosen reste
der landschaft

Bei Schneefall verwischen die Konturen einer Landschaft, auch wenn die Landschaft selbst unter der Schneedecke unverändert bleibt. Gibt es Schneeverwehungen oder Tauwetter, sehen wir den Untergrund, Reste von Landschaft, stellenweise wieder hervorkommen. Schnee taucht in vielen der Gedichte von Pega Mund auf, vielleicht könnte man die Leerstellen zwischen manchen Worten und auch das viele Weiß auf den linken Seiten zwischen Titel und Fußnotengedichten auch als Schneeflocken oder Schnee verstehen, der die dahinterliegende Landschaft zwar verdeckt und vor uns verbirgt, was aber nichts daran ändert, dass sie unter dem Schnee, hinter dem Weiß, weiterhin vorhanden ist.

Das drittletzte und das letzte Gedicht vollführen dann einen Zirkelschluss, der an den Beginn zurückführt. Das wird schon optisch an der Setzung deutlich, da diese beiden Gedichte, anders als alle vorhergehenden, rechtsbündig gesetzt sind. Das erinnert an Gedichte in arabischer Schrift, die nicht von links nach rechts, sondern von rechts nach links gelesen werden. Damit vollführen diese Gedichte gewissermaßen eine Kehrtwendung und vermitteln uns, dass das Ende auch der Anfang sein könnte, wenn wir von rechts nach links lesen würden und damit von hinten nach vorne, und dass wir beim Lesen von Lyrik im Grunde genommen immer am Anfang stehen. Der Zirkelschluss ist aber nicht nur ein optischer, sondern vor allem auch ein inhaltlicher. Denn das Gedicht „starte paris“ auf Seite 9 enthält die gleichen Worte in der gleichen Reihenfolge wie das Gedicht „starte paris im november“ auf Seite 23. Diese Wiederholung ist aus dem Gedicht heraus begründet, da es darin um „reset“, Rückstellung geht, eben in der bereits zitierten Stelle „reste von landschaft reset reset“. Der Unterschied zwischen beiden Gedichten liegt im geänderten Zwischenraum zwischen den Worten, also in der Setzung. Auf Seite 9 ist das Gedicht im Blocksatz gesetzt, auf Seite 23 rechtsbündig, unterteilt in vier Strophen zu zweimal vier und zweimal drei Verszeilen.

Das ebenfalls rechtsbündig gesetzte letzte Gedicht, „das kontrollierbare franst aus“, bezieht sich auf das erste Gedicht des Bandes, „am rande des kontrollierbaren stockt die zeit was lebt wird“, aber nicht so sehr durch wortwörtliche Wiederholung, wie wir das bei den anderen beiden gedoppelten/gespiegelten Gedichten hatten. Sondern eher als ein Gespräch, so als antwortete das letzte Gedicht auf das erste, so als wären die beiden Gedichte in ein Gespräch vertieft, das sie, sobald wir das Buch zurück ins Bücherregal stellen, ungestört ohne uns weiterführen werden.

Aber bevor wir das tun, denken wir noch einmal kurz an das Baumgedicht zurück, in dem es unter anderem auch um Bild und Spiegelbild ging, was wir als Metapher auf den ganzen Band umlegen könnten. Einerseits wenn wir uns die Gedichtnummerierungen ansehen: aufsteigend von 1 bis 6 bis zur Buchmitte und ab da dann wieder absteigend von 6 bis 1. Und andererseits wenn wir die beiden rechtsbündigen Gedichte betrachten, also das drittletzte und letzte Gedicht. Denn hält man ein linksbündig gesetztes Gedicht vor den Spiegel, wird es in der Spiegelung rechtsbündig und umgekehrt. Haben wir uns am Ende von „reste von landschaft“ vielleicht bereits so sehr in den Text/das Bild/das Spiegelbild vertieft, dass wir uns nun unversehens auf der anderen Seite des Spiegels wiederfinden, also quasi im Spiegel? Oder stehen wir zwar immer noch vor dem Spiegel, werden nun aber vom Spiegelbild betrachtet, statt andersherum? – reset reset.


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