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Pega Mund: an den rändern

Münchner Anthologie
Pega Mund

an den rändern

                                               das kontrollierbare franst aus
an den rändern was wächst wird zu rauch
was lebt wird zu lehm

knistern im offenen feld schnee mischt
sich ein verwischt die wehrlosen reste
der landschaft

das kontrollierbare franst aus
an den rändern sitzt unsere braut sitzt
fädelt flickt

Aus Pega Mund: reste von landschaft. eine begehung.
Black Ink – Vogel & Fitzpatrick Verlag, Scheuring 2021, hier S. 27.
Slata Roschal

Das Gedicht ließ mich seit Monaten nicht los, begleitete mich, ließ mich grübeln und staunen. Es ist der Abschluss des Debütbandes reste von landschaft von Pega Mund (Black Ink 2021), eines der Literaturereignisse, die während der Pandemie zu wenig Aufmerksamkeit bekamen. Den Band stellte ich zuhause auf ein Regal im Wohnzimmer, wartete ab, ob seine Wirkung doch nicht bald verflogen wäre, nein, das war sie nicht, und immer faszinierender wurde das Bild einer schneebleichen, unermüdlichen Frau, deren Kleid mit seiner Umgebung verschmilzt, eine Erinnerung vielleicht aufrechterhält ─

Aber zurück zum Anfang.
    Der schmale weiße Band gliedert sich in zwölf Abschnitte:

1 zwischen den spuren
2 kein sitzplatz
3 so bleibsel
4 in den wunderkammern
5 im grauen
6 schaum
6 kein halt
5 auf der bewohnten borke
4 zur grenze
3 reset reset
2 im teer
1 an den rändern                      

Die beiden Hälften (1-6, 6-1) stehen als Steigerung und Fall, als Aufzählung und Countdown im Verhältnis zueinander. Die zwölf Kapitel sind keine Monate, es gibt keine genaue Chronologie, kein tagebuchartiges Protokollieren, allerdings bilden sie durch den sich wiederholenden november in den beiden dritten Kapiteln einen Zyklus, ein geschlossenes Jahr. Es beginnt eine Reise durch die Stadt, durch Autobahnen, Bahnhöfe, Wälder, Paris, im herzen der wolke bis zur grenze ins wasserland, quer durch alle Sphären, ununterbrochen, aus einer frische[n] angst heraus, auf der flucht aus dem bild, hektisch wie während der reanimation, bis hin zum point of no return. Das Unkontrollierbare weitet sich physisch aus, bleibt aber unergründlich:

sind     unterwegs    wie     schaum     an     der     küste
wie     rauchige     schlieren    im     ätherblau     immer
allein   das   ist   das   ganze   geheimnis   nicht   wahr?   

Das dritte Kapitel wiederholt sich wortwörtlich im drittletzten, der monolithe Blocksatz wird nun aber in Absätze gebrochen, rechtsbündig gesetzt, jede gewonnene leerstelle lässt aufatmen. Die reste von landschaft bekommen bei der Rückkehr eine andere Form, sie werden erträglicher, vertrauter.
      Jedes Kapitel wird zudem von einer Art Vorwort oder Motto begleitet, das sich auf verschiedene Weisen lesen lässt, so gleich zu Beginn:

dies ist die zukunft        das dunkle gebirge        es führt
                                                  keine pforte  hinein    

Das gebirge ist keine pforte, es führt auch kein Weg hinein, gleichzeitig bleiben sie grafisch, lautlich durch das übereinanderstehende k miteinander verbunden, ähnlich es führt und hinein durch das e. Der schlichte Aussagesatz bekommt etwas Assoziatives und Unheimliches, wobei ich das jeweilige Prinzip der Abstände, Absätze nicht an allen Stellen verstehe. Der Verlust von Orientierung zieht sich als Motiv durch den Band; das auge findet die hotspots nicht, die Zeit stockt, alles geschieht am rande des kontrollierbaren, alles verändert seine Form. Auch die Titel lassen sich kombinieren und zusammenlesen, zwischen den spuren setzt an den rändern an, kein sitzplatz findet sich im teer usw. Dem Gewohnten geht eine Stabilität abhanden, das Gesehene bröckelt auseinander, der raum zwischen zwei gedanken ist weiß, oder fasert aus, wie ein Stoff, der sich von alleine aufzulösen beginnt. Nun aber kommt die braut ins Spiel.
      Es ist ein schaurig-schönes Bild, eine corpse bride, die ein Leichentuch oder Brautkleid flickt, eine zerrissene Leinwand oder schneeverdeckte Landschaft zusammenfügt. Zu der sich durchziehenden Einsamkeit (unter dieser nummer / kein anschluss) kommt jetzt ─ unsere braut ─ etwas Kollektives dazu, ein geteilter Anspruch, eine gemeinsame Suche. Auch scheint es eine Trauerarbeit zu sein (stille / legt sich / um die toten), die phasenweise, still und intensiv vollzogen wird, ein vager, heimlicher Prozess, der über Umwege in Gang kommt.
     Das Kontrollierbare wird von einer Gestalt repariert, die in einer unergründbaren, völlig unkontrollierbaren Sphäre beheimatet ist; sie hilft bei der Reparatur einer heilen Welt mit, die ihre Existenz doch ausschließt. Ich denke an den Brauch, unverheirateten Frauen eine Totenkrone in den Sarg zu legen, sie post mortem zu vermählen, an die Sage von einem jungen Mann, der aus Versehen eine Tote ehelicht und sie mit Mühe wieder in die Unterwelt verbannt. Das, was an den rändern passiert, lässt sich nicht festhalten, lehm und rauch bleiben, Tote werden nicht auferstehen, aber etwas tut sich, heimlich, unsichtbar, im Takt eines Uhrzeigers (sitzt - braut - sitzt - fädelt - flickt). Auch kommen die Fäden, die zusammengehaltenen Ränder wieder zu einem Stoff zusammen, zu einem möglichen, verlässlichen Text. Das Endergebnis wird auf den ersten Blick fast identisch mit dem Anfang sein, gewinnt aber durch die dazugekommenen Leerstellen und Luftmaschen wiederum eine neue Qualität. Die Unsicherheit schürt keine Fluchtbewegungen mehr, sie wird in die landschaft integriert.
    Die braut ist mit spuckhafter anmut damit beschäftigt, das Zerfranste mit feinen Bewegungen wieder in Einheit zu bringen, gelöste Bindungen in eine neue, zärtliche Gemeinschaft zu knüpfen ‒ eine langsame, geduldige Arbeit.
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