Paul Éluard: Entwurzelte Schatten
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Frank Milautzcki
Paul Éluard: Entwurzelte Schatten. Vertonte Gedichte.
Übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Jakob Leiner. Stuttgart (Radius
Verlag) 2025. 152 Seiten. 18,00 Euro.
Floß aus dem Subrealen
„Wo der Symbolismus mit seinem konstruierten ästhetischen
Mystizismus nach neuen Weltbedeutungszeichen fahndet und sich der chronisch
formzertrümmernde Expressionismus mit dem Realen abmüht, an das der Wille zum
reinen Ausdruck zwangsläufig stoßen muss, bleibt der Surrealismus wie keine
andere Stilrichtung dem psychischen Register des Imaginären treu“, schreibt Jakob Leiner in seinem begleitenden Vorwort
„Manifest und Wirklichkeit“ und legt die Wege offen, die zu Zeiten Éluards in
der Luft greifbar sind. Weder Symbole, die man in der Welt als für den Mensch
maßgeblich zu entdecken glaubt, noch das Verarbeiten des Erlebens und der
Realität bilden in Gänze die Möglichkeiten ab, die sich einem Weltwesen bieten, merkwirksam und weltwirksam zu sein, sondern es gibt immer eine Koppelung an
ein Vermögen mit Hilfe eines inneren Geschehens, die Weltbühne selbst zu
bespielen, vorzugsweise im Traum, aber auch in der Kunst.
Der Surrealist ist eigentlich ein Subrealist. Er kümmert
sich um Weltzeichen, die untendrunter unter allem liegen, weil sie im Inneren
der Maschine auftauchen und die Weltäußerungen helfen einzufärben. Was er dem
Anschein nach der Realität überstülpt, ist das zum Funktionieren seines eigenen
Lebens notwendige Erarbeiten einer korrekten Weltbemerkung, die das überall
vorhandene Innen miteinbezieht und die möglichen Interpretationsbreiten und
-weiten spiegelt. Wir wissen nicht, wovon das Andere träumt. Aber es träumt. Es
schickt Probleme mit der Weltbemerkung in eine unnüchterne Schleife, sucht nach
inneren Narrativen. Wir müssen träumen, um uns von unseren Problemen zu
reinigen und uns zu finden.
Es hat also einen wohltuenden Effekt, der krassen Welt die
geträumte hinzuzugesellen. Sie ist nicht unnütz, aber ihr Nutzen ist mit
Reinigungsprozessen verschränkt und nicht auf Funktionsebenen abgefragt als
akute Weltantwort. Wer also das Subreale liebt, flieht das Faktische? Ich würde
sagen, er kommt der Welt von einer Seite zu, die auf andere Weise welttauglich
macht: der Korrektur des Gedachten, der Erweiterung der Weltgleichung um
weltwirksame Gründe, die in Zahlen nicht fassbar sind, aber überall vorhanden.
Im Surrealismus eben in der Form, daß man Wichtigkeit, nicht Gültigkeit,
behauptet.
Aus diesen Gedanken komme ich, wenn ich Paul Éluards
„Entwurzelte Schatten“ lese. Darin erstmals versammelt 34 Klavierlieder und 3
Chorzyklen, die der Komponist Franics Poulenc (1899 - 1963) nach Gedichten von
Paul Éluard (1895 - 1952) geschrieben hat, neu übersetzt von Jakob Leiner.
Wie entwurzelt man Schatten? Das kann eigentlich nicht funktionieren, ist doch der Schatten an seinem Fuß direkt an das Schattenspendende gekoppelt. Eine zweite Voraussetzung ist das Vorhandensein von Licht. Nur wo Licht ist, kann es sich an etwas fangen. Während es auf eine Seite des Körpers fällt, bleibt die hintere Seite inklusive des dahinterliegenden Daseins unerreicht. Was dem Licht im Weg steht, wird zur Hälfte gesehen. Dahinter ist es üblicherweise dunkel. Badet man im Licht, ist selbst das aufgehoben. Man wäre das helle Zentrum in einer Umhülle des Lichts und würde dennoch nicht aus sich selbst heraus strahlen. Aber um dieses „aus sich selbst heraus“ geht es.
Was der Sprechende sagen will, wirft Licht auf das Geschehen im Kopf. Der Satz ist quasi das Beleuchten im Wurf des wilden Gedankens, im Hinblick auf was und wie er ihn darstellt. Entwurzelte Schatten sind die von Éluards Gedichten beleuchteten und aus dem Inneren Poulencs herausgelösten Musikstücke, Textschatten, die klingen. Sie sind quasi aus zweifach surrealem Korn gewachsen. Poulenc „betonte das intuitive Begreifen der Lyrik für seine Musik: Eine Deutung abzuleiten meint, mit Bedeutung aufzuladen“, schreibt Leiner. Und weiter: „In der ihm eigenen unverkennbaren Tonsprache und Harmonik, wo das Charmante sich mit dem Vulgären befreundet, ließ Poulenc die Gedichte durch den Filter seiner künstlerischen Persönlichkeit fließen, stets surrealistisch empfänglich, spontan rekombi-nierend, das Mischwesen wagend.“
Intuition, Filter, Koexistenz, Mischwesen – das ist das treffende Vokabular, das Leiner benutzt. Es hilft Widersprüchliches und Verwandeltes sowohl in den Gedichträumen Éluards als auch in den Kompositionen Poulencs als ein Angebot aufzufassen, eigene Lebendigkeit zu entwickeln, so als würde man in einem Wasser schwimmen gehen. Surreale Offerten sind selbst „schwimmfähiges Material, jenes Eigene im Anderen“ (Leiner), das bei jedem anders ankommt. Der Eine macht einen Kopfsprung, der Andere taucht ein. Der Eine krault und spritzt und delphiniert, der Andere läßt sich treiben. Insofern ist jede Welt nur in jedem Einzelnen fertig, und die surreale Offerte ist, werde mit mir fertig. Sie schreibt nichts vor, und Jakob Leiner erinnert sich im Schlußsatz seines Vorworts an Éluards Gedichttraum „vom meer aus geplatzten spiegeln“.
Was mich an den Übersetzungen positiv überrascht sind textliche Kleinigkeiten, die ins Detail reichende gelungene Arbeit, bspw. das Nutzen lyrisch wirksamer Entsprechungen, die über die Zeilen hinwegspringen, so wird der „tête désappointée“ zur „enttäuschten fresse“, weil in der Zeile darunter die „tristesse“ auftaucht. Leiner nutzt im Deutschen konsequent die Kleinschreibung bei gleichzeitig aufgehobener Interpunktion, wie das in den Originalen auch der Fall ist: „schwarzhaar wo gold gen süden fließt“ --- und versucht den Guss der Verse, von dem er im Vorwort spricht, einzufangen. Tatsächlich lassen sich die Übersetzungen fließend lesen, da stört nichts, da prallt nichts hervor oder fällt ungenau ab. Man spürt Leiners präzises Gefühl für das noch pastöse Amalgam aus Vers und Strophe, welches Éluards Textbewegung spiegelt, die eher einem Tanz gleicht, als einem Konstrukt. Er will überall hin, zum Ich, zum Du, zum Text, zum Wort, zum Satz, zum Fluss und ist dabei geschmeidig. Keiner hackt und bricht und hängt zum Zappeln auf. Es ist Jakob Leiner wunderbar gelungen, Éluards Grundattitüde einzufangen.
„nichts hilft mir entgleitet alles“ - diese schöne Doppellesung nimmt Leiner als Geschenk, sie steht nicht im Original – und doch ist dieses Verfließen genau an dieser Stelle mehr als gerechtfertigt, geht doch Éluards Text folgendermaßen weiter: „ / ich sehe das was schwindet / begreife dass ich nichts habe / kann mich kaum noch denken“ (im Gedicht „Hand beherrscht vom Herz“ 1942/43 geschrieben, derweil er bereits aktives Mitglied der Resistance war). Die Sätze sind einfach, ihre Folge eine Art Aufzählung. Éluard sieht die Verluste geschehen und erleidet den Tod der geballten Faust, die nicht ausreicht, die Dinge zu wenden, auch wenn sie vom Herz geleitet ist, und das Herz vom Löwen. „dem löwen graut die wüste“. Solcherart Statements, simple Skizzen, Risszeichnungen des Moments, angereichert mit scheinbar spontan aufscheinenden Metaphern sorgen bei Éluard für das Abströmen des Bewußtseins in oft klareren Linien, als man sie normalerweise unter surreal einordnen würde. Worum es ihm ging, war etwas Musikalisches, könnte man sagen: Das Geschehen aus seinem eigenen Daseinsplot in einen Flow zu bringen, der sich selber trägt. Verbotslos, dem Subrealen anvertraut. Das ist wohl, was Poulenc an Éluard liebte und was Leiner meint, spricht er über die Wirkung mancher Gedichte Éluards als „wie hingeworfen“.
Éluard sagt zu Poulenc: „Erst durch Ihre Musik habe ich meine Gedichte wirklich verstanden“. Umgekehrt lernt Poulenc über Éluard den Wert der subrealen Wege als realen Reichtum zu schätzen. Über zwei Jahrzehnte lang vertont er dessen Texte. „Einzelne Wörter oder Wortgruppen werden wiederholt, unterschiedliche Textphrasen finden sich simultan oder überlappend geschnitten. Entsprechend kleinteilig und kontrastreich fluoresziert die Musik. Sie stellt bisweilen zwei, drei oder auch vier rhythmisch variierende Stimmschichten nebeneinander und findet beständig neue Klangvarianten“, schildert Bernd Stegman in seinem „Handbuch für Chormusik“ (2021) und beantwortet damit die unfair verkürzte Frage, was an einer Musik bitteschön surreal sein soll, wo doch jeder Klang per se ein echtes Dasein aufzeigt. Es ist das abweichende Sagen, das eingebettet ist in ein besonderes Wollen, würde ich meinen.
Dank mutiger und cleverer Übersetzungsarbeit und einem ideal kenntnisreichen und wunderbar orientierenden Vorwort eine Empfehlung nicht nur für die Liebhaber französischer Lyrik aus dem letzten Jahrhundert!
Frank Milautzcki, 17.01.2026