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Pablo Neruda: Mein erstes Gedicht

Diskurs/Poetik/Essay > Glossen


Pablo Neruda

Mein erstes Gedicht


(in: "Ich bekenne, ich habe gelebt", 1974)


Man hat mich oft gefragt, wann ich mein erstes Gedicht geschrieben habe, wann die Dichtung in mir erwacht ist.
Ich will versuchen, mich daran zu erinnern. Weit zurück in meiner Kindheit, kaum daß ich schreiben gelernt hatte, fühlte ich einmal eine starke Erregung und kritzelte ein paar halbgereimte Wörter nieder, die mir fremd waren und anders als die Alltagssprache. Ich schrieb sie ins Reine, gefangen von tiefer Beklommenheit, von einem bis dahin unbekannten Empfinden, einer Art Angst und Trauer. Es war ein meiner Mutter gewidmetes Gedicht, das heißt, der, die ich als solche kannte, an die engelsgleiche Stiefmutter, deren sanfter Schatten meine ganze Kindheit beschützte. Völlig unfähig, mein erstes Erzeugnis zu beurteilen, brachte ich es meinen Eltern. Sie waren im Eßzimmer, vertieft in eine jener Unterhaltungen mit leiser Stimme, die mehr als ein Fluß die Welt der Kinder und der Erwachsenen trennen. Ich reichte ihnen das linierte Blatt, noch zitternd vom ersten Besuch der Inspiration. Mein Vater nahm es zerstreut in die Hände, las es zerstreut und gab es mir zerstreut mit den Worten zurück:
"Wo hast du das abgeschrieben?"
Und fuhr fort, mit meiner Mutter leise von seinen wichtigen und fernliegenden Angelegenheiten zu sprechen.


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