Øyvind Rimbereid: Orgelsee
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Monika Vasik
Øyvind Rimbereid: Orgelsee. Aus dem Norwegischen von Klaus
Anders und Thomas Fechner-Smarsly. Berlin (Edition Rugerup) 2025. 85 Seiten.
20,00 Euro.
„das Leben mit seinen drei und dreitausend Möglichkeiten“
Der Norweger Øyvind Rimbereid, geboren 1966 in Stavanger,
debütierte 1993 mit Kurzgeschichten, verfasste Essays, ist aber seit der
Jahrtausendwende vorwiegend als Lyriker tätig. Seine Verlagsheimat im
deutschsprachigen Raum hat er in der Edition Rugerup gefunden, in der nach Herbarium und Weißer Hase, grauer Hase, schwarz nun mit Orgelsee der dritte Lyrikband des Dichters verfügbar ist. Dies ist
nicht zuletzt seinem rührigen Übersetzer Klaus Anders zu verdanken, der bereits
die ersten beiden Bücher in die deutsche Sprache übertragen hat. Das aktuelle
Buch erschien 2013 unter dem Titel Orgelsjøen
im Verlag Gyldendal und wurde mit dem norwegischen Kritikerpreis ausgezeichnet.
Anders übersetzte es nun gemeinsam mit dem Skandinavisten und
Literaturwissenschaftler Thomas Fechner-Smarsly.
Orgelsee ist ein kryptischer Titel. Wir kennen Orgeln als
hochkomplexe Musikinstrumente, die durch Manuale und Pedale bedient werden. Sie
gehören zu den Aerophonen, das heißt die Töne und Klänge der Pfeifen werden
durch Schwingungen von Luft erzeugt. Die Orgel ist das größte Instrument,
beeindruckt durch ihre Klangfülle und kann fast alle anderen Instrumente
imitieren. Wolfgang Amadeus Mozart begeisterte sich 1777 in einem Brief an
seinen Vater Leopold, dass dieses Instrument seine Passion sei, und begründete
dies mit „die Orgel ist doch in meinen Augen und Ohren der König aller
Instrumenten.“ Johann Gottfried von Herder wiederum meinte: „Orgeln sind
Wunderbauten, Tempel von Gottes Hauch beseelt.“
Orgeln kennen wir schon seit der
Antike. So fand die Hydraulis oder Wasserorgel im Römischen Reich breite
Verwendung bei Gladiatorenkämpfen, im Theater und für Hausmusik in den Villen
vornehmer Bürger. Die heutigen Varianten, die als Haupt- oder Begleitinstrument
eingesetzt werden, gibt es nicht nur in großen Kirchen, Synagogen und
Konzerthäusern. Denn auch kleinere elektromechanische Varianten wie die
Hammondorgel, die in Musikrichtungen wie Jazz, R&B, Reggae, Soul und Funk
verwendet wird, oder die transportable Voxorgel finden breiten Einsatz,
letztere in der Hausmusik oder in der Musik der 1960er Jahre, zum Beispiel
jener der Beatles und der nicht weniger bekannten Rockband The Doors. Ebenfalls
schon lang kennt man die Drehorgel, die sowohl von Straßensängern als auch in
Salons und Kirchen verwendet wurde.
Das Wort See wiederum bezeichnet
mit dem Artikel „der“ ein Binnengewässer, mit dem Artikel „die“ das Meer. Die
Verbindung von Orgel und Meer ist nicht neu. Sie lässt sich u. a. bei Christian
Morgenstern in seinem Gedicht Macht-Rausch finden. Es beginnt mit dem Vers
„Dich zu spielen, gewaltige Orgel“, und der deutsche Dichter setzt in der
dritten Strophe die Klangwirkung mit der See gleich, wenn er überwältigt von
„brausendem Tönemeer“ und von „auf und nieder rauschendem Tönemeer“ unter
seiner Hand spricht. Eine andere Verbindung von Orgel und Meer lässt sich seit
2005 bei der sogenannten Morske orgulje erleben. Diese Meeresorgel, entworfen
vom Architekten Nikola Bašić, befindet sich an der Uferpromenade der
kroatischen Stadt Zadar. Quelle der Musik ist eine sanft zum Meer abfallende
Treppe, unter deren Platten ein System von Röhren verschiedener Längen und
Durchmesser sowie Resonanzkörpern verlegt wurde. Die harmonischen Klänge werden
durch das Zusammenspiel von Natur und Technik erzeugt, nämlich durch die
Bewegung der Meereswellen, die Luft in das Röhrensystem pressen und in den
damit verbundenen Orgelpfeifen Töne verschiedener Höhe erzeugen. Die auf diese
Weise entstehenden Melodien variieren ständig, da sie von Wind, Strömung und
Wellenintensität abhängen.
Betrachtet man die Tonqualität und die Wirkung der Orgelmelodien, so sind diese auf der einen Seite wie gerade beschrieben durch das Spiel physikalischer Kräfte und damit durch den Zufall bestimmt, während auf der anderen Seite höchste Ausbildung, die Beherrschung des Instruments und ein scheinbares Einswerden mit der Orgel beim Spiel Vor-aussetzung sind. Es ist eine originelle Idee, dieses viel-seitige Instrument als Allegorie für die Welt und Ent-wicklungen in Technik, Wirtschaft und Politik einzusetzen. Mit Hilfe der Orgel verhandelt der Dichter wesentliche Themen, die uns heute beschäftigen.
Er entpuppt sich dabei als kritischer Skeptiker, der um das Bestehen einer für alle lebens-werten Welt bangt. Er setzt sich mit Fragen auseinander, die weit in Gebiete wie Philosophie, als Stichwortgeber werden Hegel und Demokrit genannt, oder Physik reichen: Was ist Zufall, was Bestimmung, was Schicksal? Welche Auswirkungen haben technische Neuerungen? Was passiert, wenn Technik sich selbst genügt? Welche Rolle spielt Wahrhaftigkeit? Und wird alles möglich, „[s]olang es von Orgeltrompeten besungen wird“?
Das Buch besteht aus dem Zyklus Orgelsee, 13 mehrteiligen Texten, die durch einen Prolog und einen Epilog abgerundet sind. Er enthält 12 Langgedichte und den mehrseitigen Prosatext „Eine Orgel bauen“ der vom deutschen Organisten Gottfried Heinrich Gloger (1710-1779) erzählt und seinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, ab 1738 in Norwegen als gefragter Orgelbauer sein kärgliches Dasein zu fristen. Diese 13 Texte sind welthaltige Ausein-andersetzungen mit Ereignissen der Menschheitsgeschichte. Sie spannen in einzelnen, zum Teil ineinandergreifenden Episoden einen historischen Bogen von der Antike in unsere Zeit und einen ebenso weiten geographischen Bogen von Norwegen, hier häufig von der im Südwesten gelegenen Provinz Rogaland ausgehend, in deren Hauptstadt der Dichter geboren wurde, bis weit hinaus in die Welt reichend. Rimbereids Texte sind mit musikalischen Begriffen durchtränkt, seien es die Ton-, Klang- und Geräuschmöglichkeiten von Orgeln, Namen von Komponisten wie Bach und der 2013 verstorbene norwegische Tondichter Egil Hovland, dessen 1965 veröffentlichtes Werk „Elementa pro organo“ zudem Titel eines Gedichts wird. Auch Klangphänomene wie flageolett und Begriffe der Musiklehre wie Kontraoktave, Notenschlüssel oder Modulation werden in den Gedichten eingesetzt. Das Erwähnen verschiedener Orgeln am Anfang dieser Rezension soll einen Eindruck von deren Vielfalt und Hintergrund geben. Alle werden in den Gedichten erwähnt, manchmal im Subtitel, manchmal in den Versen selbst. Darüber hinaus werden noch zahlreiche andere Instrumente eingeführt, etwa die Hardangerfiedel, die in der Volksmusik Südnorwegens breite Verwendung findet.
Rimbereid zeigt sich in seinem poetisch-philosophischen Nachdenken nicht naiv. Er weiß, „[d]en Wind der Geschichte kann man nicht wenden“, kennt auch die begrenzte Wirkung der Kunst. Doch er zeigt auf, zeichnet nach und setzt die imposante, Jahrtausende überdauert habende Schönheit der Musik sowie deren unbezifferbaren Reichtum als Gegenentwurf ein zum „gesichtslose[n] Antlitz / des Kapitalismus“, zu Dingen, die den Namen „-orgel“ im Namen tragen, aber mit dieser nichts zu tun haben, sowie zu technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Dabei kommt er dem Aufzeigen des Macht- und Machbarkeitsrauschs, wie er in Morgensterns Gedicht anklingt, sehr nahe. So erinnert das Gedicht „Stalins Orgel“ (Untertitel Smolensk, Juli 1941) an den sowjetischen Mehrfachraketenwerfer Katjuscha, dessen geringe Präzision und große Zerstörungskraft im 2. Weltkrieg gefürchtet war. Immer wieder wendet sich der Dichter Entdeckungen und technischen Entwicklungen zu, etwa jener des dänischen Physikers und Nobelpreisträgers Niels Bohr, der die Struktur der Atome erforschte. Der längste und umfassendste Zyklus „Die Orgel, die es nicht gibt“ geht dem Phänomen von (elektromagnetischen) Wellen, deren Ausbreitung und Wirkungen nach. Er ist in 10 Teile gegliedert, die mit römischen Ziffern betitelt sind. Der Dichter zeichnet die Entdeckung der Röntgenstrahlung durch Wilhelm Conrad Röntgen nach, das Verhalten eines Fischschwarms, der sich am Magnetismus orientiert oder widmet sich dem Verhalten von Lichtwellen. Auch ihre Bedeutung in Kriegszeiten wird erwähnt, etwa in Form der Sonarwellen eines U-Boots oder der „human waves“ der Fußsoldaten. Die Welle selbst trägt keine Schuld an dem, was mit ihr angerichtet wird, denn „[d]ie Wellen haben keine Seele!“, wie es in Abschnitt III heißt. In anderen Teilen werden Geburtswehen als Welle beschrieben und mit Gefühls- und Traumwellen in Beziehung gesetzt, wird dem regen Flugverkehr und elektromagnetischen Wirbeln zwischen den Satelliten nachgegangen, ölverschmutzten Wracks oder der Meeresverschmutzung durch Plastikmüll. Und es gelingt Rimbereid in den Gedichten dieses Bands auf so polyphone wie beeindruckende Weise, scheinbar völlig Gegensätzliches wie Vergangenheit und Gegenwart, Menschliches und Göttliches, Leichtes und Schweres, Triumphe und Niederlagen zu vereinen und lange nachklingen zu lassen.